Erika

erika-1In meinem Zimmer habe ich eine kleine Puppe, eine große (sehr große Puppe) und einen kleinen Stoffhund.

All das sind Requisiten für meine Bildergeschichten. Sie kommen vom Flohmarkt und  haben bestimmt auch ihre kleine Geschichte, die sie aber beharrlich verschweigen.

Gestern kam Frau Doktor mich besuchen. Frau Doktor – wie ich sie nenne – ist eine sehr alte Dame, die ich sehr liebe. Trotz ihrer 93 Jahre und trotz ihrer Raucherei ist sie noch eine der körperlich und geistig  regsten. Jede Woche erzählt sie mir aber, dass alles nachlasse: Sie renne nicht mehr so den Berg rauf wie früher, das Rollstuhlschieben mache ihr mehr Mühe und die Zigarette schmecke auch nicht mehr so wie früher. Dazu muss man sagen, sie fährt immer mal wieder oder sogar oft eine Bewohnerin, die weder Angehörige noch Geld hat, im Rollstuhl durch die Gegend, manchmal 3, 4 Kilometer weit.

Frau Doktor ist eigentlich immer in Eile, sie muss ja jeden Tag ihre langen Spaziergänge machen, damit der Kopf frei wird, wie sie sagt.

Heute besuchte sie mich und setzte sich kurz auf’s Sofa Neben ihr saß meine große Puppe. Mitten im Gespräch unterbrach sie mit der Frage: „Darf ich mal die Puppe nehmen?“ Die Puppe saß nun steif und unbeweglich auf ihrem Schoß und streckte die rosa Beine in die Luft. Frau Doktor strich liebevoll über das billige strohblonde Haar, drückte dieses starre Abbild eines Kindes an ihre alte Brust und küsste die kleine Stupsnase. „Meine Puppe hat Erika geheißen“, sagte sie.

Deshalb heißt meine Puppe jetzt und für immer Erika.


Abschied

Nehmen wir Abschied vom Herbst mit einem kleinen Gedicht von Lothar Walsfeld, es stammt wieder aus dem DDR-Kinderbuch „Grün weht der Lärm ins Land“ (es erschien in der Reihe „Die kleinen Trompetenbücher“). Den beiden Jungen wird man in Zukunft öfter hier begegnen.

Das Foto ist von Tanja Maestroguiseppe.

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 ABSCHIED

Mein Mauseltier

mein Luftballon

in diesem Sturm

fliegst du davon

 

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OH WIE SCHÖN ZUM ZWEITEN MAL

Auch diese Bildergeschichten sind schon auf dem inzwischen eingestellten Alzheimer-Blog gestanden. Sie passen nicht so richtig in die Jahreszeit, das liegt daran, dass sie wöchentlich erschienen. Zwei Bildchen waren auch hier schon auf dem Blog. Zum Beispiel wie Hedwig mit ihrem Herrgott schwätzt. Ich denke, das macht nichts. Der Mensch  gescheit oder nicht, fromm oder nicht,  jeder Mensch redet öfter mal im Laufe eines langen Lebens mit Gott.


Herr von Valmont erklärt seiner demenzkranken Großmutter sein iPad

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Frau von Valmont: Oh, wie schön ist Vitala!

Herr von Valmont: (Steigt aus seinem Porsche, macht den Schirm auf und geht schnell die paar Meter zum Café der Sonnenscheinresidenz, er will seine Oma besuchen.) Sie sitzt im Rollstuhl am Tisch.

Herr von Valmont: Hallo Omi, geht’s gut, heut’ ist aber auch so ein schlechtes Wetter, das war ne Fahrt. (Küsschen). Du hast es gut, du musst nicht raus.

Frau von Valmont: Oh, wie schön ist Vitala!

Herr von Valmont Und was machst du so den ganzen Tag? Warten, bis es Abend ist, ha ha, ha? (legt sein ipad auf den Tisch).

Frau von Valmont: (Zeigt auf das ipad). Was ist das? So kohlrabenschwarz? Spieglein, Spieglein …….?

Herr von Valmont: Schau mal Omi, da kann ich dir die Bilder von der ganzen Familie zeigen.

Frau von Valmont: Was!!!! Sind die auch da?

Herr von Valmont: Fräulein! Ein Tässchen Kaffe für Oma und einen Latte für mich……..für Omi koffeinfrei natürlich!

Frau von Valmont: Schön ist die Vitala!

Herr von Valmont: Ja, Omi, wunderschön ist es hier in der Vitala-Residenz. So. Schau mal, Omi, das ist mein ipad. So. Damit kann ich alles, rein alles machen (wischt über das RETINA-DISPLAY) Hier habe ich die Bilder von der letzten Vernissage, hier kommen gleich die Aktienkurse, hier Wikipedia, hier die … Omi, nein, nein, doch nicht so!!!

Frau von Valmont: Eene meene muh, du bist die Kuh und der Ochs dazu.

Herr von Valmont: ….. Nein, doch nicht mit Sahne!

Fräulein! Bringen Sie bitte einen Lappen. Omi, nein!!!!

Frau von Valmont: (spitzt vornehm den Mund) Junger Mann, haben Sie schon Kaffee getrunken? Hübsches Tablett haben Sie da. (Stellt die Kaffeetasse auf das Tablet, das Bild auf dem ipad rutscht zur Seite).

Siri vom ipad: Was kann ich für Sie tun?

Frau von Valmont: Ogottogottogott! Das lebt ja.

Frau von Valmont: Sagen Sie dem jungen Mann da, er soll sich endlich mal benehmen

Herr von Valmont: …..Omi, tut mir furchtbar leid, das geht nun gar nicht, man hat immer Stress mit dir. Da habe ich mir so die Zeit abgerungen.

(Zur Bedienung) Setzen Sie den Kaffee auf die Monatsrechnung von meiner Frau Großmutter.

Nimmt sein iPad, klappt die dunkelgraue Schutzcase aus Polyrethan aus dem XXX-Store zu, geht –  er schließt etwas laut die Tür vom Vitala-Café – steigt in seinen Porsche und fährt weg. Er ist froh, dass er die monatliche Verpflichtung hinter sich gebracht hat.

Frau von Valmont: Oh, wie schön ist Vitala!

MORAL:

Siri versteht, was du sagst. Und weiß, was du meinst,“ sagt der Tablethersteller, was würde er über den Enkel sagen?


WIEDER DAHEIM …….

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Frau D. steht im Gang

Um ihren Hals hängt ein Bändel, an dem Bändel hängt ein Schlüssel.

Aber wo ist die Wohnung dazu? Muss sie jetzt immer bleiben? Wie ist sie denn hierher gekommen, da war kein Aussteigen, keine Passkontrolle, da war sie einfach, aber wo? Und wohin gehört der Schlüssel?

Ist das jetzt ihre neue Heimat, muss sie jetzt da rein gehen, oder gehört der Schlüssel zu ihrer Wohnung in Montreal? Wen kann sie denn fragen, alle werden ungeduldig, vielleicht muss sie aber auch rausgehen, wohnt sie denn jetzt für immer hier……..

Warum sagt ihr das niemand?

Ihr laufen die Tränen über die Wangen

Zwischen Restaurant und Rezeption treffe ich sie, sie fasst mich vorsichtig am Arm: „Darf ich Sie was fragen? Bin ich hier in Deutschland oder in Kanada?“



1.Sommerzeit

…. und dazu ein wunderschönes Gedicht von Wilhelm Busch:

Im Sommer

In Sommerbäder

Reist jetzt ein jederdoktor

Und lebt famos.

Der arme Dokter,

Zu Hause hockt er
Patientenlos.

Von Winterszenen

Von schrecklich schönen

Träumt sein Gemüt,

Wenn Dank der Götter,

Bei Hundewetter

Sein Weizen blüht.

Zum zweiten: Urlaubszeit