Die Naschkatze *1927

Mein Mann und ich liebten die Jagd sehr und so gingen wir jedes Jahr in der Nähe von Wollbach auf die Treibjagd, und zwar auf Fasane, die mit lautem Gekreisch hochschrecken,
wenn die Treiber kommen. Manchmal kommt aber auch ein Hase, der wird dann geschossen.Das Gewehr heisst Drilling, das ist ein richtiges Jagdgewehr, weil man Schrot schießen kann oder auch Kugeln, je nachdem was für ein Tier vor die Flinte kommt.

Es muss so in den 50er Jahren gewesen sein, 58 oder 59, als das Unglück geschah.Man hatte mich zum Oberehrentreiber ernannt und in dieser Funktion  wurde ich an diesem Tag auch eingesetzt. Es war Mitte Oktober und der Mais stand hoch.

In einer langen Linie gingen wir durch das Feld und machten höllischen Lärm dabei.Wir waren fast am Ende des Feldes, da hörte ich einen Schuss ganz nah und spürte einen harten Schlag gegen meine Beine, ich ging aber ganz automatisch weiter und zählte meine Schritte , ich habe nämlich eine Zählmanie.  Bei 10 fiel ich wie vom Schlag getroffen um, ich war einfach so, als ich aus dem Maisfeld draußen war, zusammengebrochen.

Alle rannten zusammen, auch der Besitzer der Jagd, er hatte sein Gewehr schussbereit in der Hand und schaute mich ganz entsetzt an: “Eine Katze, eine Katze” stammelte er. Er hatte eine Katze gesehen und sehr  schnell geschossen, das Gewehr hochreißen und schießen, das war eins. Ich habe die Katze ja gar nicht gesehen, habe sie aber wohl aus dem Feld getrieben. Die Jäger sehen nämlich rot, wenn sie eine wildernde Katze sehen, weil die großen Schaden anrichten, man könnte sagen, mehr als Füchse….

Nun lag ich da, war angeschossen und hatte eine Menge Schrot im Körper, in den Beinen und im Unterleib. Das musste sofort operiert werden und so wurde ich, wie ich war von Wollbach nach Basel gebracht ins Kantonsspital. Dort wurde ich operiert, denn die ganzen Schrotkugeln mussten  entfernt werden, denn Schrot ist ja auch giftig, das sind Bleikugeln. Es wurde viel geredet, die Schwestern sagten, das war bestimmt ein Ehedrama.

Das war aber nicht so.Der Schütze hat mich gebeten, nichts zu sagen, denn das wäre für ihn alles ganz schwierig geworden, denn er hätte alles verloren, wenn er angeklagt worden wäre……. Wir haben alle unseren Mund gehalten:

Ich habe nichts gesagt, die anderen Jäger haben nichts gesagt, mein Mann hat auch nichts gesagt.

Da war ein Vorhang drüber. Ich hatte die Kraft, ihn nicht zu verraten, ich habe ja verstanden, dass er beim Anblick der Katze nur rot gesehen hat. Ich war ja auch eine Jägerin. Ich hatte den ganzen Unterkörper voller Schrot, diese Kugeln hätten mich töten können,

und Schrot ist ja auch sehr gefährlich, weil Blei drin ist. 6 Kugeln sind noch in meinem Körper, aber so was verkapselt sich ja.

Er hat mir später Geld auf mein Konto überwiesen, er nannte das Schmerzensgeld. Meinem Mann hat er die Pacht erlassen, er konnte so viel jagen wie er wollte.

Er hätte sich ja noch  später um mich gekümmert, aber seine Frau wollte es nicht.

Was meinen sie, wie dann gerätselt worden wäre,  warum er das wohl macht.


Der Zugvogel *1928

1945 war ich 16 Jahre alt und war mit meinen Freunden und Klassenkameraden zusammen in ein Wehrertüchtigungslager gekommen. Dort haben wir geübt zu marschieren und zu schießen. Das Lager war in Pillau, das liegt in Ostpreußen, so ca. 60 km von Königsberg entfernt.

Januar 1946 ist der Russe eingebrochen und wir mussten das Lager verlassen. Wir sollten nach Königsberg ziehen und dort helfen, die Stadt zu verteidigen. Wir hörten immer wieder die Kriegsgeräusche und spürten die Gefahr. In Königsberg trafen wir mit Luftwaffenhelfern zusammen, die haben uns furchtbar schlimme Dinge erzählt und dabei hörten wir die Einschläge der russischen Artillerie.Mir wurde klar, dass das alles ganz großer Blödsinn war.  Die haben auch gemerkt, dass wir überhaupt nicht eingesetzt werden konnten, weil wir ja gar keine richtige Ausbildung hatten. Wir sollten also erstmal nach Dänemark, um dort ausgebildet zu werden, und das sollte über Pillau gehen. Pillau liegt am Meer, genau zwischen den beiden Nehrungen.Da kamen in Scharen die Flüchtlinge, und wir mussten zurück. Wir sahen aber die Flüchtlinge über das zugefrorene Haff kommen, sie wurden von Flugzeugen beschossen, wir haben gesehen, wie sie eingebrochen sind und wie sie von Tieffliegern erschossen wurden.

Wir hatten dort Nachtstreife und gingen in zwei Gruppen los, dabei bin ich in ein Eisloch gefallen. Ich hatte meinen Karabiner quer über den Rücken, das hat mich gebremst, sonst wäre ich gleich untergegangen in dem eisigen Wasser. Ich habe geschrien, da haben mich meine Kameraden rausgezogen. Ganz schnell gingen wir zurück ins Bunkerlager, das wir auf der Nehrung hatten, da konnte ich die Kleidung wechseln und meine nassen Sachen an einem Bullerofen* trocknen. Da kam ein Unteroffizier und hat mir gedroht, weil ich meinen Posten verlassen hatte, er sagte, er würde mich vors Kriegsgericht bringen. Dann ist zwar nichts passiert, aber Angst hat er mir schon gemacht.

Die Russen sind verstärkt auf Berlin zugegangen, also sollte Berlin verteidigt werden, und da brauchte man uns, um den Führer zu unterstützen, so hat man das zu uns gesagt und wir haben es ja auch geglaubt. Deshalb kamen wir auf ein Schiff und fuhren in Richtung Swinemünde, dort sahen wir ein riesengroßes Schiff, das lichterloh brannte, weil es torpediert worden war. Es fuhr auf das Land zu…

Wir sind in Swinemünde angekommen und marschierten zu Fuß gleich nach Heringsdorf.Jetzt war schon der 20.April, das ist ja Hitlers Geburtstag, und deshalb mussten wir durch das Dorf marschieren, ohne Uniform aber mit Gesang.Wir haben eines dieser Marschlieder gesungen. Westerwald oder Flamme empor, die Leute haben gedacht, die spinnen.Wir sollten also weiter nach Berlin Hitler helfen, ich habe mir das so vorgestellt, wir sagen dem Führer: „Ruh dich aus, wir übernehmen, wir helfen dir!“

Im Zug ist mir aber schlecht geworden, da bin ich zum Sani gegangen und habe ihm gesagt: “Mir ist so schlecht!“ Der hat mir in die Augen geschaut und festgestellt, dass ich Gelbsucht hatte. Nun sollte ich ins Lazarett, das wollte ich aber gar nicht, ich wollte nämlich meinen einzigen Freund, den Horst Fritzsche aus Neustrelitz, nicht verlieren, weil er der letzte war, der mir geblieben war..

Ich musste aber aus dem Zug raus und kam in Neustrelitz ins Lazarett und lag nun zum ersten Mal nach vielen Wochen wieder in einem Bett. Da war ich sehr glücklich und dachte, aus dem Bett geh ich so schnell nicht mehr raus.Aber nach ein paar Tagen kam der Sanioffizier und sagte, dass der Russe kommt und dass alle gehen müssten und dass nur die Schwerkranken bleiben konnten.Ich wollte aber aus dem gemütlichen Bett nicht raus, deshalb sagte ich, ich sei schwer krank. Aber der Stabsarzt sagte zu mir: „Junge, du weißt nicht was hier passieren wird, steh auf und geh’ um Gottes Willen!“Und das war mein Glück, dass ich gegangen bin, das habe ich später erfahren.Wir gingen weiter teils zu Fuß, teils mit Flüchtlingstransporten, wir sind mehrere Tage und Nächte bis Lübeck marschiert, und wir waren immer hungrig.In Lübeck waren schon die Engländer, da kamen wir auf einen Gutshof.Die waren alle sehr hilfsbereit, wir waren aber 4 Kompanien, das sind ca 400 Menschen und das Essen hat überhaupt nicht gereicht.

Da haben wir Brennnesseln gesammelt und Suppe daraus gekocht. Dieses magere Essen und das Hungern hat mich von meiner Gelbsucht geheilt.