Die Spaziergängerin *1922

Der Krieg war zu Ende und eine hoffnungsvolle Zeit war das ja nicht nach einem verlorenen Krieg. Ich war damals 23. Ich hatte sehr viel mitgemacht, weil ich dienstverpflichtet war und sehr viel Schlimmes sehen und erleben musste.Ich fühlte mich krank und nicht gesund. Es wurde eine Tuberkulose festgestellt, sie war wohl verschleppt und hatte dann die Nieren und auch die Knochen befallen. Nach längerer Krankheit musste mir eine Niere entfernt werden.

Das war in Lörrach im Krankenhaus, denn ich war nun wieder zu Hause in Haltingen, nachdem ich während des Krieges viel unterwegs im Einsatz war.Die Chefärzte hatten alle Berufsverbot, weil sie in der Partei waren. Deshalb holte man einen Professor aus Basel. Das war Prof. Iselin.Es gab keine Medikamente gegen Tuberkulose in Deutschland nach dem Krieg. Und so kam der Professor immer im  Frack und in den Frackschößen hatte er die Medikamente für uns geschmuggelt.Das ist so gelaufen, wie es laufen musste, dann kam ich zur Kur nach Bad Dürrheim Hirschhalde, fast ein Jahr war ich dort. Wir waren immer draußen bei Wind und Wetter, gut eingepackt an der frischen Luft.

Wir waren viele junge fröhliche Leute, denn eigentlich waren wir froh, dass der Krieg vorbei war und wir überlebt hatten, auch wenn wir jetzt so krank waren….Wir haben viel gesungen,  Lönslieder – da konnte man so schön dahinschmelzen.Wir lagen also auf der Terrasse und sangen: “ Grün ist die Heide, die Heide ist grün” oder “Ich weiß einen Lindenbaum stehen” oder (und da schwang unser Herz mit) “Heiß ist die Liebe, kalt ist der Schnee”…”Du hast gesagt, du willst nicht lieben”,

“Der Wind auf der Heide, der weiß allerhand”,

“Die Liebe, das bringt viel Freud” und “Rosemarie, sieben Jahre mein Herz nach dir schrie” und “Bin ich alt, mein Herz ist noch immer nicht kalt”..

Da lernt man sich auch kennen, verbringt eine Zeit zusammen in der Kur, der eine darf nach Hause oder kommt in ein anderes Sanatorium. Man  geht aber auch wieder auseinander. Man hat dann Briefkontakt und schreibt sich mal mehr oder weniger. So habe ich meinen Mann kennengelernt. Er war ebenfalls in der Kur, weil man ihm auch eine Niere entfernt hatte.

Einmal habe ich einen Korb Kirschen geschenkt bekommen, ich musste ihn aber unten im Tal holen. Er hat sich angeboten, mir dabei zu helfen. Und so sind wir zuerst ins Tal gewandert und dann wieder in die Höhe. Als wir oben ankamen, war der Korb leer. Das war so peinlich, weil wir den anderen allen Kirschen versprochen hatten. Wir waren uns schon sehr sympathisch, aber so richtig verliebt waren wir nicht.

Er war aber bald wiederhergestellt und da er mit dem Studium noch nicht fertig war, musste er nach Karlsruhe, um sein Studium zu beenden.

Aus den Augen haben wir uns nicht verloren.Leider kam bei mir auch noch eine Knochentuberkolose dazu, das war schon schlimm für so einen jungen Menschen.Ich war in verschiedenen Sanatorien in der Schweiz und in Österreich. Aber den jungen Mann von Bad Dürrheim-Hirschhalde habe ich nicht vergessen.Jeden Sonntagabend haben wir uns lange Briefe geschrieben.

Einige Jahre sind vergangen, wir haben uns auch öfter besucht, wir fuhren sogar zusammen in Ferien, und gesundheitlich ging es uns wieder gut.Nach 12 Jahren 1957 haben wir gedacht, wir haben dieselbe Krankheit gehabt, jeder hat nur eine Niere, warum sollen wir uns nicht zusmmentun und zusammen unsre Krankheit pflegen und heiraten. Das haben wir auch gemacht und  das ging ganz gut, wir haben ein normales gesundes Leben geführt.

So haben wir wieder aus je einer Niere zwei gemacht.

Mein Mann war 50 Jahre Zahnarzt in Iffezheim und jetzt nach seinem Tod bin ich wieder in meine alte Heimat gezogen, weil hier meine Nichte lebt.

In der Patience, die ich hier lege, gibt es immer eine Herzdame und einen Herzkönig.

Die Spaziergängerin Herz


Die Hobbyfriseuse *1933

Friseuse2-150x150

Können Bienen Schicksal spielen ?

Sie können!

Als ich 1948 nach der Volksschule eine schwierige Aufnahmeprüfung auf ein Aufbaugymnasium machte, rettete mich zuletzt die Frage nach der Funktionsweise eines Bienenvolkes vor dem Durchfallen.Da meine hochbegabte Schwester auf dem Gymnasium war, meinten meine Eltern, ich müsste auch so was machen, mit dem Endziel: Lehrerin, obwohl ich eigentlich Friseuse werden wollte.
Es folgte ein hartes Leben im Internat: 40 Mädchen schliefen in einem großen Schlafsaal: Bett – Nachttisch, Bett- Nachttisch, Bett und das 40 mal. Im Nachttisch hatten wir unsere geheimsten Sachen verstaut. Die Heimleiterin schaute trotzdem nach, ob da drin auch Ordnung herrschte. So kam es einmal, dass meine geheimen Sachen auf dem Fußboden lagen – sie hatte einfach die Schublade ausgeleert, weil da Unordnung herrschte. Ich hasste sie.
Der Waschsaal hatte 20 Waschbecken – einmal pro Woche durfte im Keller geduscht werden.
Der Speisesaal war riesig, wir waren rund 200 Mädchen, die da verköstigt wurden. Wenn da geklingelt wurde, durfte nicht mehr gesprochen werden. Wir beherrschten alle die Zeichensprache. Der einzige Rückzugsort, wo man mal allein war, waren winzige Zellen im obersten Stock, wo man Geige üben musste. Immer wieder wollte ich diese Schule verlassen – wie andere auch – aber da biss ich bei meinen Eltern auf Granit.
Aber es gab auch schöne Dinge: Wir spielten Theater, ich durfte im Schulorchester mitspielen, wir hatten einen wunderbaren Kunstunterricht. Musik und Kunst waren Prüfungsfächer, und nicht zuletzt:Jede Menge Freundinnen.
Nach dem Abschluss folgten 2 Jahre Pädagogische Hochschule – wieder ein Internat – dann wurde ich in die Freiheit entlassen.Nun zu den Bienen: Im Lehrplan der 7. Klasse, die ich als erstes bekam, stand „das Bienenvolk“. Ein junger Kollege bot sich an, mich zum Bienenhäuschen seines Vaters mitzunehmen und mir alles zu erklären. 10 m vor dem Bienenhaus verfing sich eine Biene in meinen Haaren und stach mich in den Kopf. Ich flüchtete. Der Kollege suchte lange in meinen dicken blonden Haaren nach dem Stachel, weil der angeblich herausmusste.
Nach 2 Jahren war meine Freiheit zu Ende, wir heirateten.
Es war der Beginn einer langen guten Ehe, die immer noch anhält.
Übrigens: Lehrerin wurde auch mein Traumberuf und unter dem Traumberuf „Friseuse“ litten mein Mann und unsere Kinder: Ich schnitt ihnen immer die Haare.
Die Haarschneidemaschine habe ich nicht ins Gevita mitgenommen, sodass mein Mann jetzt die Athmosphäre eines Friseursalons erlebt: Ich habe den Eindruck, er genießt es, wenn er inmitten der Damen, die ja immer was zu erzählen haben, von der freundlichen Frau Lore im Untergeschoss routiniert einen Kurzhaarschnitt bekommt. Dazu kommt, dass er Frau Lore und sich selbst in dem großen Spiegel bewundern kann.

Friseuse-1024x768

 Fazit: Man kann im Alter, auch wenn es einem nicht so gut geht, noch angenehme Überraschungen erleben.


Die Sammlerin aus Lodz *1925

Die Sammlerin

Wir lebten schon vor 1939 in einer deutschen Umgebung, es gab deutsche Schulen, sogar zwei Gymnasien und eine deutsche Privatschule. wir hatten drei evangelische Kirchen mit deutscher Predigt; mein deutsches Gesangbuch hat mich auf der Flucht begleitet, ich habe es heute noch und jeden Abend lese ich ein Lied.

Im März 1940 war unsere letzte Friedenskonfirmation, das war am 13.März und es war sehr feierlich, wir trugen alle bodenlange weiße Kleider, auch ein Posaunenchor war dabei. Wir waren ja schon besetzt von den Deutschen, die waren sehr erstaunt, dass wir im katholischen Polen so eine feierliche Konfirmation feiern konnten. Die Glocken wurden bald abgebaut, aus dem Eisenerz wurden Kanonen gemacht.

Alle Geschäfte in unserem Viertel waren deutsch, vor dem Krieg gab es auch ein deutsches Theater, einen deutschen Gesangsverein und sogar eine deutsche Feuerwehr. Die Deutschen haben sich gut mit den Polen verstanden, ab 1933 wurden zwar die Deutschstunden in den Schulen gekürzt, dafür hatten wir noch 2 Stunden Religion in deutscher Sprache, Naturkunde und Mathematik aber waren in Polnisch.

Meine Eltern haben oft Blumen für die Katholiken an Fronleichnam gegeben, einmal hat meine Mutter sogar eine schöne rote Decke für den Altar geliehen, als der Pfarrer sie selbst darum gebeten hat. Unter den Kindern gab es aber auch manchmal Streit, aber nur so, wie es immer unter Kindern Streit gibt.

Während des Krieges arbeitete mein Vater in der Kleiderkammer des Lazaretts, deshalb wohnten wir auch dort.

Mit 14 kam ich aus der Schule, das war 1939. Damals durfte man vor der Konfirmation noch nicht arbeiten, deshalb blieb ich zuerst mal zu Hause, das dauerte etwa ein Jahr. Danach kam ich in die Ostdeutsche Kleidungswerke Gmb. Diese Firma wurde aber 1942 nach Spremberg/Lausitz verlegt, da waren wir nur zwei, drei Tage lang, wir hatten noch nicht richtig ausgepackt, da wurden wir nach Bergen auf Rügen gebracht. Da waren wir von 1942 bis 1945.

In Litzmannstadt haben wir Kleider für Ausgebombte genäht, in Rügen arbeiteten wir nur noch für die Luftwaffe. Wir haben nie gewusst, was wir da genau gemacht haben, das haben wir nie erfahren. Die Nähmaschinen wurden nicht mehr aufgestellt. Ich habe immer Geräte ausgeteilt.

Wie wir geflüchtet sind, haben wir uns kleine Päckchen aus dem Stoff gemacht, den wir gelagert hatten. Damit hatten wir etwas um Essen einzutauschen. Das haben wir später dann auch gebraucht. Das war gut.

Zwischen Rostock und Wismar musste ich mal austreten, da wurden wir von Tieffliegern angegriffen. Die anderen haben sich in Rohren versteckt, die da herum lagen, die sind aber so tief geflogen, wir haben uns hingeworfen und wurden alle durcheinander gewirbelt. Da habe ich einen Schuh verloren und musste mit nur einem Schuh weitergehen. In der nächsten Stadt haben wir überall gefragt, ob jemand mit mir Schuhe eintauschen würde. Und mit einem Stoffpäckchen haben wir dann neue Schuhe bekommen.

Meine Mutter ist mit dem letzten Zug aus Lodz herausgekommen und zwar genau 2 Tage vor Hitlers Geburtstag

Es gab viele Juden in Lodz, es gab auch ein Ghetto, es war mitten in der Altstadt, die Straßenbahn ging mittendurch. Zuerst hatten sie die Fenster nicht verdunkelt, als alles überhandnahm,  haben sie die Fenster verdunkelt, und man hat nichts mehr gesehen.

Meine Großmutter hatte hinter dem Ghetto einen Bruder zu wohnen, später wollte sie gar nicht mehr dahin….

Es war so furchtbar, was man da sehen musste.

Wir kannten einige jüdische Geschäftsleute, sie haben uns gesagt, kaufen Sie alles, morgen sind wir nicht mehr hier.

Unser Hausarzt wollte sich nicht von seinen Patienten trennen, hat sich dann aber ganz am Schluss doch verabschiedet.

Eine Freundin war jetzt mal wieder dort, sie sagte, die können alle noch Deutsch, aber in der evangelischen Kirche darf nicht mehr Deutsch gesprochen werden.

Das sind die Porzellanfiguren von der Basler Fasnacht, die sie gesammelt hat.

Frau Berendt


Der Schachspieler *1921

Schachspieler

Ich war 4 Jahre in Russland, Bodentruppe bei der Luftwaffe. Da habe ich einen Zivilurlaub bekommen, das waren 6 Wochen Urlaub an der italienischen Riviera.

Und als ich zurückkam hatte ich wieder Glück. Auf der Frontleitstelle Byalistok bekam ich den Marschbefehl zu meiner Einheit, die südlich von Moskau lag. Wer keinen Marschbefehl hatte, wurde nach Stalingrad abkommandiert. Ich aber kam wieder zu meiner Truppe vor Moskau. Und man weiß ja, was dann im Winter in Stalingrad geschah.

Im August 44 ist meine Truppe aufgelöst worden und wir sind zurück marschiert und kamen nach Ostpreußen in ein Lager, weil wir ja keine geschlossene Einheit mehr waren.

Wieder ein Glückszufall: ich habe dort meine Frau kennen gelernt, wir wurden zwar bald wieder getrennt, aber sie hatte meine Heimatadresse.

Sie musste dann auch fliehen. Sie hat ihre Mutter, die schon früher geflüchtet war in Selsungen bei Bremen wieder gefunden.

Wir Soldaten wurden nach Frankfurt am Main verlegt, meine Frau, die zwei Brüder im Krieg verloren hatte,  musste allein mit ihrer Mutter flüchten.

Ich aber geriet in amerikanische Gefangenschaft, aber nur kurze Zeit. Über den Lautsprecher des Lagers wurde bekanntgegeben, dass die Männer, die in der Landwirtschaft gearbeitet haben, sich melden sollen, man würde sie nach Hause zum Aufbau entlassen. Da habe ich mich einfach gemeldet und so kam ich zu einem Bauern bei Ulm, weil man in die französische Besatzungszone nicht einreisen durfte. Dort war ich bis zum Herbst 1945,dann bekam ich einen Passierschein und konnte zurück nach Hause in den Schwarzwald.

So hatte ich die ganzen Kriegsjahre immer wieder großes Glück gehabt.

Mit der Frau, die ich in Ostpreußen kennen gelernt hatte, war ich trotz der widrigen Umstände im Briefkontakt, wir haben die Verbindung nicht verloren. Sie durfte erst ganz spät fliehen und war mit dem Schiff über die Ostsee gekommen und dann in Quedlinburg gelandet, die Flucht war nicht so schrecklich verlaufen, weil sie bei der Reichsbahn angestellt war.

Anfang 1946  habe ich sie dann nach Lauterbach geholt, was nicht einfach war, weil man mehrere Passierscheine brauchte, für jede Besatzungszone einen. Als klar war, dass wir heiraten, haben wir auch die Mutter zu uns geholt.

Schon 1946 waren wir zusammen in Lauterbach, ich hatte ja schon vor dem Krieg, nämlich 1935 Friseur gelernt und jetzt nach dem Krieg hatte ich wieder das große Glück sofort eine Anstellung als Friseur in dem Geschäft der Familie Wiest zu bekommen.

Dieses Ehepaar ist dann nach Australien ausgewandert und ich konnte das Geschäft noch für Reichsmark, d.h. vor der Währungsreform, übernehmen. Ich habe dann gleich 1947 die Meisterprüfung gemacht. Aber vorher haben wir noch geheiratet, und als junges Paar war uns wieder das Glück günstig, denn wir mussten ja total bei O anfangen.

Wir bekamen in einem Gasthaus drei Fremdenzimmer, zwei möbliert als Schlafzimmer, das dritte als Küche und Wohnraum. Wir hatten ja überhaupt keine Möbel, aber da kam wieder ein glücklicher Zufall.

Man musste ja für alle Einrichtungsgegenstände einen Antrag bei der Gemeinde stellen und dann bekam man, wenn man Glück hatte, einen Bezugsschein. Diese wurden verlost und das Los unter den 5 Paaren fiel auf uns und so kamen wir zu dem Berechtigungsschein und konnten uns für 1000 Reichsmark ein Schlafzimmer kaufen.

Wir haben es später dann unseren beiden Töchtern gegeben.

Mit unserer Familie ging es immer mehr aufwärts, meine Frau und ich haben das Geschäft bis 1989 zusammen geführt, dann haben wir alles verkauft und sind zu einer Tochter nach Oberhausen gezogen.

Glückliche Fügungen gab es viele in unserem Leben,  aber es gab auch Schicksalsschläge, ich hatte einen schweren Oberschenkelhalsbruch und wir konnten in der Wohnung in Oberhausen nicht bleiben.

Meine Töchter haben uns hierher geholt und kümmern sich rührend um mich, vor allem seit ich allein bin. Wir haben Lörrach als geographische Mitte gewählt und meine Tochter aus der Schweiz kommt alle 14 Tage und macht uns hier im Cafe viel Freude mit ihrem Klavierspiel.

 

Der Schachspieler

 

 

 

 

           Und mit 75 habe ich noch das Malen angefangen…


Der Wandervogel *1920

Cochabamba

Von Lörrach nach Cochabamba

Wenn man von der Gevita in Richtung Stadt geht, kommt man an den Berliner Platz.Da beginnt die Grether Straße, benannt nach  Johann Josef Grether, einem Lörracher Bierbrauer und Bürgermeister (1872 – 1906).

Ca 7000 km weiter westlich mitten in Bolivien am Fuße der Anden in Cochabamba gibt es auch eine Gretherstraße, dort heißt sie avenida Hans Grether. Und in Santa Cruz (Heiliges Kreuz) gibt es eine calle Grether, und auch in Aiquile…….

Eine unserer Bewohnerinnen erzählt (Sie hält eine schwere Silberschale in der Hand):

Dieser Hans Grether (1880-1925) war mein Onkel und der Neffe dieses Bürgermeisters,  der von allen sehr geliebt wurde, denn er hatte einen angenehmen und freundlichen Charakter. Ich war ja noch sehr klein, als er so früh starb, und doch ist in meinen Erinnerungen das Bild eines charmanten und liebenswerten Menschen, der uns mit seinen Geschenken aus der fernen weiten Welt sehr beeindruckte.War es seine Abenteuerlust, sein Pioniergeist, vielleicht auch das väterliche Erbe, es trieb ihn in die weite Welt, und es gab in diesen Welten noch viel zu tun.Er war Ingenieur. Bei einem Besuch hat er uns diese Schale mitgebracht.

In Bolivien sollte eine Eisenbahnlinie gebaut werden, hoch im Gebirge zum Transport für Mensch und Bodenschätze in dem unterentwickelten Land.Die zwanziger Jahre waren eine Boomzeit in Bolivien, der Zinnabbau hatte das Silber von Potosí abgelöst und nun galt es, das Land weiter zu bringen.

Leider blieb es bei den Plänen, Hans Grether starb plötzlich an einer Tropenkrankheit, seine Pläne wurden nie in Wirklichkeit umgesetzt.Doch war es nicht nur sein Tod, der diesen Plänen eine Ende setzte, in den 30er Jahren brach der große Konflikt zwischen Paraguay und Bolivien aus und der Chaco-Krieg schuf eine neue Welt.

Was aber blieb war der Name.Zu Ehren dieses „deutschen Kulturpioniers“, wie er in den Badischen Blättern für Volkskunde schon 1929 genannt wird, nennt die bolivianische Regierung  ein kleines Dorf an einem Amazonaszufluss „Puerto Hans Grether“. Geben Sie nun diesen Namen bei Google Map ein, dann finden Sie :

Welcome to the Puerto Grether google satellite map! This place is situated in Ichilo, Santa Cruz, Bolivia, its geographical coordinates are 17° 11' 0" South, 64° 21' 0"

Puerto Grether hat keine Bahnstation und ist eigentlich auch kein Hafen, dafür hat es einen Flughafen,denn alle Eisenbahnpläne wurden zugunsten der Luftfahrt aufgegeben.

Wäre der „Plan Hans Grether“ ausgeführt worden, wäre vielleicht in der Geschichte Boliviens manches anders gelaufen…….


Die Naschkatze *1927

Mein Mann und ich liebten die Jagd sehr und so gingen wir jedes Jahr in der Nähe von Wollbach auf die Treibjagd, und zwar auf Fasane, die mit lautem Gekreisch hochschrecken,
wenn die Treiber kommen. Manchmal kommt aber auch ein Hase, der wird dann geschossen.Das Gewehr heisst Drilling, das ist ein richtiges Jagdgewehr, weil man Schrot schießen kann oder auch Kugeln, je nachdem was für ein Tier vor die Flinte kommt.

Es muss so in den 50er Jahren gewesen sein, 58 oder 59, als das Unglück geschah.Man hatte mich zum Oberehrentreiber ernannt und in dieser Funktion  wurde ich an diesem Tag auch eingesetzt. Es war Mitte Oktober und der Mais stand hoch.

In einer langen Linie gingen wir durch das Feld und machten höllischen Lärm dabei.Wir waren fast am Ende des Feldes, da hörte ich einen Schuss ganz nah und spürte einen harten Schlag gegen meine Beine, ich ging aber ganz automatisch weiter und zählte meine Schritte , ich habe nämlich eine Zählmanie.  Bei 10 fiel ich wie vom Schlag getroffen um, ich war einfach so, als ich aus dem Maisfeld draußen war, zusammengebrochen.

Alle rannten zusammen, auch der Besitzer der Jagd, er hatte sein Gewehr schussbereit in der Hand und schaute mich ganz entsetzt an: “Eine Katze, eine Katze” stammelte er. Er hatte eine Katze gesehen und sehr  schnell geschossen, das Gewehr hochreißen und schießen, das war eins. Ich habe die Katze ja gar nicht gesehen, habe sie aber wohl aus dem Feld getrieben. Die Jäger sehen nämlich rot, wenn sie eine wildernde Katze sehen, weil die großen Schaden anrichten, man könnte sagen, mehr als Füchse….

Nun lag ich da, war angeschossen und hatte eine Menge Schrot im Körper, in den Beinen und im Unterleib. Das musste sofort operiert werden und so wurde ich, wie ich war von Wollbach nach Basel gebracht ins Kantonsspital. Dort wurde ich operiert, denn die ganzen Schrotkugeln mussten  entfernt werden, denn Schrot ist ja auch giftig, das sind Bleikugeln. Es wurde viel geredet, die Schwestern sagten, das war bestimmt ein Ehedrama.

Das war aber nicht so.Der Schütze hat mich gebeten, nichts zu sagen, denn das wäre für ihn alles ganz schwierig geworden, denn er hätte alles verloren, wenn er angeklagt worden wäre……. Wir haben alle unseren Mund gehalten:

Ich habe nichts gesagt, die anderen Jäger haben nichts gesagt, mein Mann hat auch nichts gesagt.

Da war ein Vorhang drüber. Ich hatte die Kraft, ihn nicht zu verraten, ich habe ja verstanden, dass er beim Anblick der Katze nur rot gesehen hat. Ich war ja auch eine Jägerin. Ich hatte den ganzen Unterkörper voller Schrot, diese Kugeln hätten mich töten können,

und Schrot ist ja auch sehr gefährlich, weil Blei drin ist. 6 Kugeln sind noch in meinem Körper, aber so was verkapselt sich ja.

Er hat mir später Geld auf mein Konto überwiesen, er nannte das Schmerzensgeld. Meinem Mann hat er die Pacht erlassen, er konnte so viel jagen wie er wollte.

Er hätte sich ja noch  später um mich gekümmert, aber seine Frau wollte es nicht.

Was meinen sie, wie dann gerätselt worden wäre,  warum er das wohl macht.


Der Zugvogel *1928

1945 war ich 16 Jahre alt und war mit meinen Freunden und Klassenkameraden zusammen in ein Wehrertüchtigungslager gekommen. Dort haben wir geübt zu marschieren und zu schießen. Das Lager war in Pillau, das liegt in Ostpreußen, so ca. 60 km von Königsberg entfernt.

Januar 1946 ist der Russe eingebrochen und wir mussten das Lager verlassen. Wir sollten nach Königsberg ziehen und dort helfen, die Stadt zu verteidigen. Wir hörten immer wieder die Kriegsgeräusche und spürten die Gefahr. In Königsberg trafen wir mit Luftwaffenhelfern zusammen, die haben uns furchtbar schlimme Dinge erzählt und dabei hörten wir die Einschläge der russischen Artillerie.Mir wurde klar, dass das alles ganz großer Blödsinn war.  Die haben auch gemerkt, dass wir überhaupt nicht eingesetzt werden konnten, weil wir ja gar keine richtige Ausbildung hatten. Wir sollten also erstmal nach Dänemark, um dort ausgebildet zu werden, und das sollte über Pillau gehen. Pillau liegt am Meer, genau zwischen den beiden Nehrungen.Da kamen in Scharen die Flüchtlinge, und wir mussten zurück. Wir sahen aber die Flüchtlinge über das zugefrorene Haff kommen, sie wurden von Flugzeugen beschossen, wir haben gesehen, wie sie eingebrochen sind und wie sie von Tieffliegern erschossen wurden.

Wir hatten dort Nachtstreife und gingen in zwei Gruppen los, dabei bin ich in ein Eisloch gefallen. Ich hatte meinen Karabiner quer über den Rücken, das hat mich gebremst, sonst wäre ich gleich untergegangen in dem eisigen Wasser. Ich habe geschrien, da haben mich meine Kameraden rausgezogen. Ganz schnell gingen wir zurück ins Bunkerlager, das wir auf der Nehrung hatten, da konnte ich die Kleidung wechseln und meine nassen Sachen an einem Bullerofen* trocknen. Da kam ein Unteroffizier und hat mir gedroht, weil ich meinen Posten verlassen hatte, er sagte, er würde mich vors Kriegsgericht bringen. Dann ist zwar nichts passiert, aber Angst hat er mir schon gemacht.

Die Russen sind verstärkt auf Berlin zugegangen, also sollte Berlin verteidigt werden, und da brauchte man uns, um den Führer zu unterstützen, so hat man das zu uns gesagt und wir haben es ja auch geglaubt. Deshalb kamen wir auf ein Schiff und fuhren in Richtung Swinemünde, dort sahen wir ein riesengroßes Schiff, das lichterloh brannte, weil es torpediert worden war. Es fuhr auf das Land zu…

Wir sind in Swinemünde angekommen und marschierten zu Fuß gleich nach Heringsdorf.Jetzt war schon der 20.April, das ist ja Hitlers Geburtstag, und deshalb mussten wir durch das Dorf marschieren, ohne Uniform aber mit Gesang.Wir haben eines dieser Marschlieder gesungen. Westerwald oder Flamme empor, die Leute haben gedacht, die spinnen.Wir sollten also weiter nach Berlin Hitler helfen, ich habe mir das so vorgestellt, wir sagen dem Führer: „Ruh dich aus, wir übernehmen, wir helfen dir!“

Im Zug ist mir aber schlecht geworden, da bin ich zum Sani gegangen und habe ihm gesagt: “Mir ist so schlecht!“ Der hat mir in die Augen geschaut und festgestellt, dass ich Gelbsucht hatte. Nun sollte ich ins Lazarett, das wollte ich aber gar nicht, ich wollte nämlich meinen einzigen Freund, den Horst Fritzsche aus Neustrelitz, nicht verlieren, weil er der letzte war, der mir geblieben war..

Ich musste aber aus dem Zug raus und kam in Neustrelitz ins Lazarett und lag nun zum ersten Mal nach vielen Wochen wieder in einem Bett. Da war ich sehr glücklich und dachte, aus dem Bett geh ich so schnell nicht mehr raus.Aber nach ein paar Tagen kam der Sanioffizier und sagte, dass der Russe kommt und dass alle gehen müssten und dass nur die Schwerkranken bleiben konnten.Ich wollte aber aus dem gemütlichen Bett nicht raus, deshalb sagte ich, ich sei schwer krank. Aber der Stabsarzt sagte zu mir: „Junge, du weißt nicht was hier passieren wird, steh auf und geh’ um Gottes Willen!“Und das war mein Glück, dass ich gegangen bin, das habe ich später erfahren.Wir gingen weiter teils zu Fuß, teils mit Flüchtlingstransporten, wir sind mehrere Tage und Nächte bis Lübeck marschiert, und wir waren immer hungrig.In Lübeck waren schon die Engländer, da kamen wir auf einen Gutshof.Die waren alle sehr hilfsbereit, wir waren aber 4 Kompanien, das sind ca 400 Menschen und das Essen hat überhaupt nicht gereicht.

Da haben wir Brennnesseln gesammelt und Suppe daraus gekocht. Dieses magere Essen und das Hungern hat mich von meiner Gelbsucht geheilt.