Der Singkreis

Katzenmusik

Hab oft im Kreise der Lieben

Im duftigen  Grase geruht

Und mir ein Liedchen gesungen

Und alles war hübsch und gut

 

Der Singkreis

Jeden oder fast jeden Donnerstag Nachmittag treffen wir uns zum Singen.
Ein Singkreis im Stuhlkreis…
Wir haben alte Stimmen, wir haben brüchige Stimmen, manche zu hoch, manche zu tief.
Manche singen schön, manche weniger, manchen fehlt die Melodie, anderen die Luft.
Aber wir singen und haben ein gutes Gefühl im Herzen und wenn unser Kanon einigermaßen geklappt hat, sind wir stolz.
Singen ist die beste Medizin gegen Demenz,
damit der Leser diese These glaubt, zitiere ich hier
Prof. Dr. Gerald Hüther 1.
Es folgt eine kleine Zusammenfassung aus einer CD, die der Mitschnitt einer Seminarveranstaltung ist.

Er berichtet am Anfang von Experimenten, die in den 70er Jahren gemacht wurden, als man auf der Suche nach dem Alzheimer-Gen war. In seiner humorvollen Art schildert er verschiedene Laborversuche mit Kakerlaken, deren Gedächtnis und Lernfähigkeit mit und ohne Gehirn getestet wird. Als durch einen Zufall in der Versuchsanordnung festgestellt wird, dass Kakerlaken ohne Kopf genau so gut lernen wie die Kakerlaken, die man nicht geköpft hatte, kommt er zu folgendem Ergebnis zu:

Das Gehirn ist nicht ein Aufbewahrungsinstrument, sondern ein Problemlösungsinstrument.

Nach ihm ist das Gehirn nicht dazu da, auswendig zu lernen,  sondern Probleme zu lösen. Deshalb braucht es möglichst viele Probleme, um in Schwung zu bleiben. Es geht also darum, immer wieder neue Stimulationen für das Gehirn zu finden.
Und wo findet man die?
Im Umgang mit Kindern.(Das ist seine erste These)
Das Zusammensein mit Kindern ist ein Schutz vor Demenz. Deshalb ist es auch sehr gut, dass immer wieder die Kinder vom Kindergarten ins Haus kommen.
Anschließend führt er noch weitere Stimulanzien an und dazu gehört für ihn:

Das Singen, das Singen und noch mal das Singen!

Hier seine Ausführungen in sechs Thesen zusammengefasst:

„Singen ist das Beste, was es gibt!“

1. Singen vertreibt Angst.

We are not afraid – das ist eine Zeile aus dem Lied der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, das die Menschen gesungen haben, um sich selbst Mut zu machen. „Wir haben keine Angst!“ Singen hilft uns schreckliche Situationen mit Anstand und Würde zu bestehen. Sehr schön ist das beschrieben in dem Bericht einer Bewohnerin. In welchen Situationen in ihrem Leben haben sie allein oder mit anderen gesungen, um die schwarzen Schatten der Angst zu vertreiben?

2. Singen ist ein klein wenig wie Sport.

Das zeigt sich schon an der Körperhaltung: Wenn man singt, öffnet sich der Brustkorb.

3. Singen ist die „feinmotorischste“ Übung, die es gibt.

Nach Prof. Hüther ist die Feinmotorik eine Schulung des Denkens. Bei dem Begriff „Feinmotorik“ denken wir meistens an die Hände und damit an das Schreiben und an die vielen Übungen, die wir als Grundschüler gemacht haben. Auch mit dem Singen übt man die feinste Muskulatur, nämlich die der Stimmbänder, und hat sofort eine Rückmeldung: es kommt ein Ton, richtig oder falsch. Das ist eine Problemlösung mit dem eigenen Körper.

4. Singen hat eine soziale Komponente.

Man muss sich auf seine Sangesbrüder und –schwestern einstellen. Man fängt zusammen an und hört zusammen auf, man übt einen Kanon, hier kommt eine sofortige Rückmeldung. Man nennt das Sozialresonanz.

5. Singen löst Gefühle aus.

Ohne Gefühle gibt es kein Lernen. Alle Teilnehmer/innen des Singkreises sind nach dem Singen besser gelaunt als vorher. Für eine Stunde hat man die Probleme vergessen.

6. Die Wirkung ist nun eine Ausschüttung von Dopamin und weiteren Glückshormonen.

In diesen sechs Punkten sind die individuellen Auswirkungen zusammengefasst.

Es steht aber auch die gesellschaftliche Bedeutung des Singens im Raum, sie hat heute wieder mehr Beachtung gewonnen. Dabei möchte ich auch auf die jährliche Veranstaltung „Lörrach singt“ hinweisen, denn

Singen ist eine Kulturleistung

Sollst uns nicht lange klagen

Was alles dir wehe tut.

Nur frisch, nur frisch gesungen

Und alles wird wieder gut.

Adalbert von Chamisso

Singen ist eine Herzensangelegenheit

So selbstverständlich ist das gemeinsame Singen im Gottesdienst beider Konfessionen, dass man schon gar nicht mehr über die Wirkung des Gesangs nachdenkt.

Am letzten Dienstag im Mai hat unser evangelischer Pfarrer in seiner Predigt darüber gesprochen:

„Bei Gott ist beides geborgen, unsere frohen Tage und die schweren. Unser Singen und unser Seufzen. Gott hört beides, und in beidem ist er bei uns mit seiner Liebe. Tröstend, stärkend und in der Kraft des Gesangs“.

»Meine Kraft und mein Gesang ist Gott der Herr!«2

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Prof. Dr. Gerald Hüther zählt zu den bekanntesten Hirnforschern Deutschlands. Er ist Professor für Neurobiologe an der Universität Göttingen. Wissenschaftlich befasst er sich u. a. mit den Wirkungsmechanismen von Psychopharmaka, mit dem Einfluss früher Erfahrungen auf die Hirnentwicklung, mit den Auswirkungen von Angst und Stress und der Bedeutung emotionaler Reaktionen bei Lernprozessen und der neurobiologischen Verankerung von Erfahrungen. Praktisch befasst er sich im Rahmen verschiedener Initiativen und Projekte mit neurobiologischer Präventionsforschung. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen und populärwissenschaftlicher Darstellungen.

Zitiert aus der Predigt von Herrn Pfarrer Völker


Einleitung: „Die Linie des Lebens ist alles andere als gerade…..“

Buch1

Friedensreich Hundertwasser

(auch Friedensreich Regentag Dunkelbunt Hundertwasser)

Die Linie des Lebens

ist alles andere als gerade.

manchmal ein breiter Weg,

manchmal ein schmaler Pfad,

manchmal steil,

manchmal ruhig

wie langsam fließendes Wasser.

Jeder Tag ist verschieden vom vorhergehenden

und vom nachkommenden,

jedoch voll von Überraschungen.

Und dennoch hat er seine präzisen Gesetzmäßigkeiten

in jedemkleinsten Teilabschnitt.

das Leben ist das größte Abenteuer.

Es ist die große Reise.

Es ist der große Weg.

„Welch ein Glück“, dachte ich, als ich beim Nachsinnieren über eine Einleitung auf dieses schöne passende Gedicht des weltberühmten österreichischen Künstlers stieß. Nun steht meine Betrachtung am Ende einer mehrmonatigen Arbeit – der Leser steht am Anfang einer mehr oder weniger langen Beschäftigung mit den „Lebenslinien“ unserer Erzähler und Erzählerinnen. Dargestellt sind natürlich nur kleine Abschnitte dieser Lebensreise, doch findet man alles, was uns Hundertwasser verspricht.

Spuren

Kommen Sie mit auf die Reise von Pillau nach Stuttgart und von Lodz nach Lörrach…..


Die Hobby-Schneiderin *1923

Die Hobby-Schneiderin

Also beim „großen Adolf“ war ja alles geregelt. Man hat in unserer Jugend alles bestimmt. Alle Volksschulabgänger mussten vor der Berufsausbildung ein Pflichtjahr machen. Die Mütter sollten Unterstützung bekommen und entlastet werden.

Ich war 15 und hatte eine schwere Krankheit, deshalb kam ich wegen der guten Luft nach St.Georgen im Schwarzwald, wo wir Verwandte hatten; mein Großvater war dort Holzschnitzer. Da ich nun bei meiner Tante „Rösle“ (sie war meine Gotte, das ist im Alemannischen die Patentante) wohnen konnte,  habe ich mir dort eine gute Stelle gesucht als Pflichtjahrmädchen. Ich kam  zu Fabrikantenleuten, sie waren reich und wohl situiert. Wie ich auf der Fortbildungsschule im Vergleich mit den anderen Pflichtschulmädchen aber auch erfahren habe, waren sie eigentlich geizig. Andere wurden verwöhnt, ich nicht.

Aber sie waren recht und ich habe viel gelernt, denn die Hausmutter war eine gute Hausfrau. Trotzdem haben sie mich immer spüren lassen, dass ich nicht von reichen Eltern war.

1939 ging es wieder zurück zu meinen Eltern, die in Wolfenweiler bei Freiburg wohnten, und konnte meine Lehre in Bad Krozingen bei der Firma Bleile machen. Diese Firma gibt es heute noch, aber als Sportgeschäft. Ich fuhr also zwei Stationen mit der Bahn jeden Tag hin und zurück. Das war gut, weil mein Vater bei der Bahn beschäftigt war.

Als ich mit der Lehre fertig war, musste ich sofort zum Arbeitsdienst, wir kamen in ein Lager nach Aglasterhausen, das ist im Odenwald.

Im Arbeitsdienst wohnten wir im Lager in Baracken, dort haben wir auch zu Abend gegessen.

Unsere Unterführerin war eine Schwäbin, wir haben wunderschön gesungen und auch Theater gemacht.

Ich habe nur eine Schwester, als ältere war sie schon bei der Luftwaffe. Mein Vater wollte das nicht fur mich, deshalb hat er sich dafür eingesetzt,  dass ich nach Freiburg auf den Bahnhof kam. Dort habe ich die Züge abfahren lassen mit der roten Mütze und dem Täfelchen.

In dieser Zeit  bekam ich eine schwere Diphterie, da verlor ich alle Haare, die Ärzte sagten, das sei ein Medikamentenfehler gewesen.

Da stand ich nun am Freiburger Bahnhof ohne Haare, aber mit der roten Mütze des Dienstleiters und langen Hosen wie ein Mann. Ein kleiner Junge sagte einmal laut:” Sag  mal Mama, ist das ein Mann oder eine Frau?” Alle anderen Mädchen hatten als Frisur eine “Olympiarolle”, das war damals die beliebteste Langhaarfrisur. Man schlug die Haare zu einer Rolle ein, das sieht sehr elegant. Dort an der Arbeitsstelle hatten wir einen netten Elsäßer, der auch dienstverpflichtet war, der sagte von mir: ”So a scheens Mädele und keine Grusele!”

1944 im November war der große Angriff auf Freiburg, da wurden wir Mädchen alle umgesetzt, ich musste z.B. in einem Stellwerk Züge an und –abmelden, das geschah mit Morsezeichen. Tagsüber sind ja keine Züge mehr gefahren, weil da immer die Jabos kamen (das müssten die Jagdbomber sein, sie sagt aber “Japos”)

Wir waren froh, dass der Krieg zu Ende war. Im November 1946 habe ich dann meinen Mann kennengelernt; im Café  Unmüßig in  Hinterzarten, da begann das Schicksal unserer eigenen Familie.

Es war so:  Ich kam von Bärental, wo ich für eine kleines Büblein Kleider genäht hatte, denn dafür bekamen wir Lebensmittel. Die Ravennabrücke war ja gesprengt (und zwar kurz vor dem Ende des Krieges von deutschen Pionieren), also musste man zu Fuß auf die andere Seite und dann immer bis zur nächsten Zugverbindung warten. Das war am 5. März 1946 es lag noch Schnee und war sehr kalt.

Mein zukünftiger Mann hatte eine Buchändlerin in Hinterzarten besucht und war auf dem Rückweg. Auch er musste warten und saß also wie ich im Café. Ich sah ihn mit einem anderen jungen Mann am Tisch sitzen. Das war Liebe auf den ersten Blick, ich habe den Mann angeschaut und war schon hinüber.

Man hat sich halt unterhalten, er hatte ein Büchlein von der Buchhändlerin geschenkt bekommen, Jens Peter Jakobsen: “Mogens”, die Geschichte eines Mannes,  und das hat er mir geliehen. Das war der Anfang unserer Verbindung. Er ist mit seinem Kameraden zu einem Leutnant nach Freiburg, da hat er gesagt, ich könnte doch mitkommen, und da bin ich mitgegangen.

Und da war ja noch das Buch ……

Man sollte ja das Büchlein irgendwann wieder zuruckgeben, so war die Verbindung geschaffen und sie dauerte 45 Jahre.

Das Positive an der Gevita: Man trifft Menschen, die ähnliches erlebt haben……

Scherenschnitt


*18.9.1910 †8.4.2013 „Ich werde wohl nicht mehr lange leben“, sagte sie am 11.9.2012

Mundry 1

 

Ihre Tochter gab mir einen Piccolo mit den Worten: “Den bringen Sie mit, gut gekühlt, da freut Sie sich, geben Sie ihr aber nur so viel!“ Ihre Finger zeigte etwa 4 cm. „Leider ist sie fast taub, Sie müssen schon sehr schreien!“ Das habe ich dann auch gemacht und wir haben beim Erzählen ein Schlückchen gut gekühlten Sekt getrunken. Nach dem ersten Prost erzählt sie: „Ich bin so ein altes Faktotum, jetzt ist bald mein Geburtstag, 102 Jahre, da kommen alle, auch die aus Göttingen, das gibt ein großes Fest, kommen Sie ruhig auch. An meinem Hundertsten waren auch alle da, auch die von ganz oben, auch der Chef. Nun werde ich ja nicht mehr lange leben. Mein Mann ist mit 92 gestorbe
n, er war a Krippel vom Krieg (manchmal kommt der schlesische Dialekt durch). Er hat ein Bein im Krieg  verloren. Hab ich gesagt, bist doch kein Krüppel, hast so eine schöne Prothese. Ich
hab so einen großen, schönen Mann gehabt und er ist auch so gut gelaufen, er hat ja so eine schöne Prothese gehabt; die war nicht billig. Manche haben mich richtig beneidet. Der Vater hat ein schönes Grundstück gehabt, es war an der Oder gelegen und da war auch ein so schönes Haus mit zwei Vierzimmerwohnungen. Ich bin in Breslau in die Schule gegangen. In der Oder habe ich schwimmen gelernt, ich war auch im Paddelverein und in der freien Turnerschaft. Die Oder war ja 50 Meter breit, was bin ich dort geschwommen! Ich hatte ja eine scheene Jugend.
Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei,
auf einen September folgt wieder ein Mai…..”
 
(Sie trinkt ein kleines Schlückchen.)
“Das trinkt man ja nicht oft…..
Dann der Krieg. Die Männer müssen ja immer Krieg machen.
Ich habe nur eine Tochter, die ist jetzt 72.
Es war ja Krieg, woher sollen da die Kinder kommen?
Eines Tages hieß es: weg! Und dann waren wir 30 Jahre in Göttingen. Das war auch eine schöne Stadt. 30 000 Studenten. Man hat sich immer wieder gefügt und es ist immer wieder gegangen. Aber am schönsten war es doch in Breslau. Der Pole war ja auch ein armes Luder und schuld waren die Amerikaner, die wussten gar nichts von uns.Mei
ne Tochter ist gut versorgt, die reist viel. Die war auch schon zweimal drüben. Sie war im Haus drin bei dem Polen, das war ihm richtig peinlich, aber so ist es halt.
Es ist alles vorbei, wenn man sich das so überlegt, es ist doch so, wenn man etwas gelernt hat, man verlernt nichts, und mein Mann war Bautechniker und hat viel selber gemacht, deshalb hatten wir auch in Göttingen ein schönes Haus und man hat sich mit allem abgefunden.
Hier ist es gut, ich brauche ja nur ein Zimmer und das ist schön. Wir verstehn uns alle sehr gut, da ist eine, die hat so a kleins Jungele, das kommt immer, das freut mich und er kriegt immer was ‘Sießes’.
Am 18.9. werde ich 102, da kommt auch mein Neffe, der hat ein Auto so groß wie die Stube hier und sooo einen kleinen Hund vielleicht einen Pekinesen.
Da wird bestimmt gefeiert. Der Chef kommt auch …

Mundry 4

und so war es dann auch.

*1929 „Da hieß es: Hands up, hands up!“

Kolbe, der KindersoldatIch war im SS-Panzer-Jagdkommando, so nannte sich die Einheit oder Sofort-Einsatz, ich war ja erst 15, also eigentlich noch ein Kind.
Man hat uns alle eingezogen, es gab keine Alternative, von der Hitlerjugend ging es direkt an die Front. Das war im März 1945.
Wir haben in Clausthal-Zellerfeld gewohnt. Ich habe einen Brief gekriegt und wurde aufgefordert, mich zu melden. Wir bekamen zwei Panzerfäuste und mussten mit dem eigenen Fahrrad los. Die Panzerfäuste waren links und rechts an dem Fahrrad angebunden, und so ging’s dorthin, wo man erwartet hat, dass die Amis kommen.
Wir hatten einen SS-Führer, der war relativ vernünftig und hat uns, als die Front näher kam, einige Kilometer zurückgezogen und dort neu Stellung beziehen lassen.
Dann hat er gesagt: “Die von Clausthal sind, Waffen weg und heim!” Dann sind wir mit dem Fahrad nach Hause, die von Clausthal sind auch heimgekommen, wir von Zellerfeld sind aber von den Amerikanern kassiert worden, da hieß es: “Hands up!”
Für mich hat das bedeutet: insgesamt anderthalb Monate Kriegsgefangenschaft. Man hat uns mit einem LKW nach Andernach am Rhein gebracht.
Wir waren auf einer mit Stacheldraht eingezäunten Wiese; wir hatten Decken in unseren Tornistern und Gott sei Dank hat es nicht geregnet in dieser Zeit. Wir haben das so gemacht: zu zweit eine Decke unten und eine oben.Morgens, mittags und abends gab’s kleine Dosen mit Getränken und amerikanische Notrationen, (ein Tütchen Kaffee, zwei Scheiben Kommisbrot, ein kleines Stück Butter, reingepresst zwischen zwei Alufolien, Marmelade und das alles in Miniportiönchen).
Wir haben den ganzen Tag nichts gemacht, wir saßen einfach nur auf dieser Wiese herum, die Offiziere hatten eine Extraabteilung.
Nach drei Wochen kamen wir als Zivilentlassene in ein Auffanglager, weil wir noch nicht 16 waren, denn da galt für uns die Haager Landkriegsordnung.
Dann wurde das Lager aufgelöst, wir durften aber nicht über den Rhein.
Wir haben dann bei einem Bauern gearbeitet, das haben wir selbst organisiert: Wir haben den Bauern gesehen, der hat uns gefragt, ob wir ihm helfen könnten. Ihm war nämlich der Franzose weggelaufen.
Das war für mich eine ungewohnte Tätigkeit, als Oberschüler musste ich mit dem Pferd zum Hufschmied gehen. Feldarbeit haben wir auch gemacht.
Dann hiess es, wir dürfen über den Rhein wieder zurück nach Andernach, dann mit dem LKW über die reparierte Brücke. Da hat der LKW angehalten, und es hieß: “Get out, get out!”
Zuerst besorgten wir uns einen Passierschein, das brauchte man damals, um von einem Teil Deutschlands in den anderen zu kommen. Wir mussten unterwegs betteln, ich habe zum ersten Mal Runkelrüben roh gegessen.Wir hatten nichts, rein gar nichts, kein Kochgeschirr, kein Feuerzeug, kein Garnix.
Da habe ich zum ersten, aber auch zum letzten Mal Runkelrüben vom Feld geholt und roh gegessen.
Angst? Ich hatte keine Angst wir mussten ja schon zwei Jahre vorher nach Hildesheim, um nach den Bombenangriffen aufzuräumen. Da habe ich schon mit 13 Jahren viele Leichen gesehen.
In elf Tagen sind wir ca. 450 Kilometer gelaufen, immer von morgens bis abends. Das ist halt so gegangen, um 8 war nämlich Sperrstunde, das heißt, dann musste man irgendwo drinnen sein, sonst hätte man ohne Anruf erschossen werden können. Morgens um 6 durfte man dann wieder raus auf die Straße.

Wir sind im Juni kurz vor meinem Geburtstag wieder zu Hause angekommen.


Der Bücherwurm *1926

stehle

In meinen Gedanken beginnt die Geschichte so, dass ein Pole bei uns hier im Dorf aufgehängt worden ist. Es war wohl 1942, ich war 16 Jahre alt und kannte den Polen. Er war Kriegsgefangener und arbeitete in der Kohlenhandlung Ruser. Er hat uns ein paar Mal Kohlen in den Keller getragen.Er sollte aufgehängt werden, weil er mit der Gemüsehändlerin Kropf ein Liebesverhältnis hatte. Sie hatte einen Gemüseladen in der …Straße, ihr Mann war im Krieg. Für mich als junges Mädchen war sie alt, sie war absolut nicht attraktiv, fast ein bisschen schmuddelig. Sie war überhaupt keine schöne Frau und der junge Mann war sehr hübsch.Ich konnte das nicht verstehen, aber meine Mutter sagte: “Vielleicht  hat der junge Mann eine Mutter gesucht“.

Alles geschah für mich aus absolut heiterem Himmel. Unsere Nachbarin erzählte uns, dass der Förster einen Galgen bauen musste, wo der junge Mann aufgehängt werden sollte, und zwar da oben direkt am Steinbruch.

Ich sah das Entsetzen in den Augen meiner Mutter und nie werde ich vergessen, was meine Großmutter sagte: “Gott behüte uns, wenn so ein Unrecht auf uns zurückfällt!“ Dann sprach sie ein Gebet. Wie kann man einer Mutter ein Kind auf diese Art und Weise nehmen…….

Ich musste zur Schule, mein Weg führte zum Bahnhof, es kamen mir viele, viele, viele Männer entgegen, es waren alles junge, polnische Kriegsgefangene. Sie sind mit dem Zug aus der Umgebung hierher gebracht worden, sie mussten das schreckliche Geschehen betrachten. Das Steinbruchgelände war abgesperrt, die Brombacher sollten die Hinrichtung nicht sehen.

Später erfuhr ich, wer ihn angezeigt hatte, warum sie das getan hatte, konnte ich auch nicht verstehen. Es war auch eine Frau, die das getan hat, und sie wusste ganz genau , was passieren würde. An diesem Tag war der Bürgermeister nicht im Ort, sein Stellvertreter hat die Anzeige aufgenommen, und das war ein Sadist. Er hat die Kinder mit dem Stock geschlagen. Und er hat das ganze bei der Gestapo zur Anzeige gebracht.

Bei Kriegsende konnte ich mit ansehen, wie zwei französische Besatzungssoldaten diesen Menschen abgeführt haben, nach all den Jahren habe ich da eine Gerechtigkeit gespürt. Hinterher habe ich erfahren, dass zur gleichen Zeit fast in derselben Straße, nämlich in der Römerstraße, etwas ähnliches passiert ist. Da hat auch ein polnischer Kriegsgefangener bei einem Bauern gearbeitet und später hat er dann die Tochter des Hauses geheiratet. Wenn er nicht gestorben ist, lebt er heute noch in Brombach. Ich habe erfahren, dass er sogar im Gemeinderat war.

Ich sage das nur, um auszuräumen, dass man der Geschichte von Hochhut Glauben schenkt, dass die Brombacher gegenüber Kriegsgefangenen unsensibel gewesen waren. Sie sind mit den Menschen menschlich umgegangen.

Letzter Satz.Eine Liebe in Deutschland


Die Strickliesel *1928

 

Strickliesel

Mein Mann kam Ende 45 aus dem Krieg zurück nach Rehna, das war in der sowjetisch besetzten Zone. Er war sehr jung und begeistert “zu den Waffen geeilt”, wie man damals so sagte. Als er zurückkam,sah das alles für ihn nun auch ganz anders aus, er war desillusioniert und wollte nun ein ganz neues Leben anfangen.

Wir waren damals noch nicht verheiratet, denn er wollte zuerst studieren, das wurde ihm aber verweigert, weil er kein “Arbeiter-und Bauernkind” war, wie es damals verlangt wurde.
Er wollte Hochbau studieren und um seine Chancen zu verbessern, hatte er eine Zimmermannslehre gemacht, trotzdem bekam er keinen Studienplatz.
Wir wohnten damals in Rehna, das ist zwischen Schwerin und Lübeck, wo meine Eltern ein Lebensmittelgeschäft hatten. Deshalb lernte ich Lebensmittelkaufmann.
Mein Mann – er war damals noch mein Verlobter – hat dann noch eine Ausbildung zum Gewerbelehrer gemacht in Leipzig, wieder wurde ihm der Studiumplatz verweigert.
Er bekam aber eine Anstellung als Lehrer, so dass wir heiraten konnten, weil er jetzt Geld verdiente. 49 haben wir also geheiratet und 50 wurde unsere erste Tochter geboren, sie ist später nach Australien ausgewandert.
Unser Leben war nicht einfach, mein Mann musste jeden Tag 20 km mit dem Rad in seine Schule fahren, und es hat ihm ja nicht gefallen, dass er immer politische Vorträge halten musste und dass alles so kontrolliert war.
Inzwischen hatte sich herausgestellt, dass wir keine richtige Zukunft im Osten haben würden, deshalb überlegten wir, in den Westen zu gehen.

Wir hatten ja auch dort unser Auskommen in einem der Filialunternehmen meines Vaters.
Wir hatten vorher schon viele grosse Pakete gemacht mit Federbetten und Wäsche hauptsächlich und an die eine Filiale meines Vaters geschickt; es war merkwurdig, dass das nicht aufgefallen ist.
Nun fragte sich, wie wir das mit dem Baby, das inzwischen geboren war, bewerkstelligen sollten.
Wir hatten uns überlegt, wie wir mit dem Kind über die Grenze kommen konnten, denn wir wollten nicht erwischt werden. Es war zwar nicht so gefährlich wie später.
Es bot sich der Transport des Babys im Rucksack nicht an, weil es durch sein Schreien uns hätte verraten können, der Transport in einem LKW wurde auch verworfen, denn da musste man in einen grossen Karton kriechen, und das war uns zu unsicher, weil man nicht wusste, wie lange die Fahrt dauerte. Mein Mann wollte ja schon früher gehen, es ging also nur um den Transport von Christine und mir.

Als das Kind 9 Wochen alt war, ging mein Mann allein bei Lübeck schwarz über die grüne Grenze und das geschah mit Hilfe eines seiner Schülers, der in der Nähe der Grenze wohnte und die Patrouillenzeiten kannte.
Wir hatten ja schon vorher alles mit ihm abgesprochen: Ich sollte über Berlin gehen und von dort aus nach Hamburg fliegen
Nur war das aus der russisch besetzten Zone mit einem DDR-Pass nicht möglich.
Also mussten wir in den Westen, es gab ja gar keine Flugverbindungen zwischen Ost und West.
Wir haben erfahren, dass es im Westen Leute gab, die für eine gewisse Zeit ihren Ausweis verliehen. Man musste dafür aber eine bestimmte Summe Geld zahlen, ich weiß nicht mehr wie viel.
Ich bekam den Pass von einer 16jahrigen Rechtsanwaltstochter aus der Tauentzienstrasse; wie sie hieß, weiß ich aber nicht mehr. Ich sah ihr überhaupt nicht ähnlich, ich war ja auch schon 22 Jahre alt. Deshalb hatte ich große Angst vor der Passkontrolle.
Am nachsten Morgen begleiteten mich alle an den Flughafen, der schon im Westen von Berlin lag. Dahin kamen wir ohne Grenzübergang, weil man noch ungehindert von Ost- nach Westberlin kam. Der eigentliche Grenzübergang war erst im Flughafen. Das war ein sehr schwerer Abschied, man wusste ja nicht, ob und wann man sich je wiedersah. Für meine Eltern war es besonders schwer, weil ich ihr einziges Kind war
Mein Mann war schon früher von Hamburg nach Berlin geflogen, er sollte uns nun hier abzuholen
Wegen des falschen Namens im Pass reiste ich als Kindermädchen, auch das Photo stimmte ja nicht mit meinem Aussehen überein, deshalb hatten wir schon sehr große Angst. Da kam uns dieser unglaubliche Glücksfall:
Ein amerikanischer junger Offizier tauchte bei uns auf, er sagte zu meinem Mann:” Ich begleite Sie zur Passkontrolle und nehme die Ausweise von Ihrer Frau und dem Kind mit, dann kann sie schon in die Abflughalle gehen.”
Und so geschah es.
Und da war ich schon in Sicherheit….. es hatte gar kein Abgleich mit dem Foto stattgefunden.
Total erleichtert stiegen wir ins Flugzeug nach Hamburg und von dort aus fuhren wir mit der Bahn nach Heide, wo wir nur rein kleines Zimmer hatten. Aber unsere Kartons mit den Federbetten und der Bettwäsche standen schon da. Da konnten wir uns wenigstens zudecken, auch wenn wir noch kein Bettgestell hatten.
Hier begann unser neues Leben im Westen. Wir bekamen noch drei Kinder, noch eine Tochter und zwei Söhne.
Meine beiden Töchter waren nacheinander in Australien.
Christine lebt jetzt dort, wir haben sie mehrmals besucht und auch den berühmten Ayers Rock gesehen…….
Wenn wir in der damaligen DDR geblieben wären, hätte alles einen anderen Verlauf genommen.

Einmal im Monat schicken mir meine Kinder so einen wunderschönen StraußBlumenstrauß


Die Rätselkönigin *1921

Am 21.März, dem Frühlingsanfang 1921, wurde ich in einer schwierigen Zeit geboren. Aber die Schwierigkeiten, Inflation usw. waren mehr für die „Erwachsenen“. Für mich begann, dank meiner lieben Eltern und Großeltern, eine schöne Jugend in Saarbrücken. Saarbrücken gehörte damals als Hauptstadt des Saargebietes wirtschaftlich zu Frankreich. Deutschland war für uns Ausland bis 1935. Im Versailler Vertrag wurde 1918 festgelegt, dass die saarländische Bevölkerung 1935 selbst entscheiden sollte, ob sie zu Deutschland oder zu Frankreich gehören will. Die Abstimmung fand mit großem Aufwand unter Aufsicht der ausländischen Truppen statt, und die Bevölkerung entschied sich, wie nicht anders zu erwarten war, für Deutschland. Dann kam alles sehr unerfreulich: September 1939, das war der Krieg. Schon am ersten Tag wurde Saarbrücken geräumt, wir wurden evakuiert. Zuerst in Dresden und Frankfurt, dann verbrachte ich fast ein Jahr in München, wo ich auch meinen Mann kennen lernte. Ab 1941 wieder in Saarbrücken ging es halt, wie es in Kriegszeiten geht. Anfangs verhältnismäßig ruhig. 1942 der erste größere Luftangriff. Von da an immer wieder Alarm mit kleineren Angriffen und viele Nächte im Bunker. Am 5.Oktober 1944 das endgültige Aus für uns. In der Nacht wurde Saarbrücken in Schutt und Asche gelegt, zum Glück waren wir im Bunker sicher. Da verstand man plötzlich die Verse aus Schillers „Glocke“: „….. heulend kommt der Sturm geflogen, der die Flamme brausend sucht.“ Genau so war’s, wir konnten nicht mehr aus dem Bunker, draußen war die Hölle. Erst am Morgen suchten wir den Weg zu unserem Haus, aber es war ausgebrannt bis in den Keller. Also wieder mal Evakuierung, diesmal leider in den Osten in die Nähe von Finsterwalde/Niederlausitz. Damals noch mit der Bahn. Den selben Weg 1945 Richtung Westen, aber zu Fuß bis nach Halle, nämlich auf der Flucht vor den Russen. Wir haben’s geschafft. Aber das Leben geht immer weiter mit Freude und Leid, wie es sich ergibt. So auch bei mir.
Es war dann Anfang der 60er Jahre, als ich in der Zeitung einen Artikel über den Kneippverein las. Es wurde über eine Gruppe des Vereins, nämlich die Yoga-Gruppe, berichtet. Ich nutzte die Möglichkeit zur Information durch Teilnahme an einer Übungsstunde und war sofort begeistert. Natürlich meldete ich mich an und habe in den vielen Jahren, die ich dazugehörte, kaum eine Stunde versäumt. Es wurden 32 Jahre! Nach meiner zweiten Hüftgelenkoperation konnte ich die Übungen nicht mehr machen. Aber das Zusammensein mit der Gruppe riss bis heute nicht ab. Jetzt nur noch telefonisch.
Seit 2007 bin ich jetzt hier in der „Gevita“, in diesem schönen gepflegten Haus, in dem ich mich sehr wohl fühle.
Hier bin ich nun schon 91 Jahre geworden und wenn mich jemand fragte, was mich so alt werden ließ, würde ich spontan antworten: “Joga“……

Es hat mich aber noch keiner gefragt.