Die Schwalbe und der Spatz

Hier findet man noch einen Beitrag von unserer Hundertjährigen, sie kann nicht mehr aus dem Fenster springen, sie kann aber malen und einige Gedichte auswendig:

Die Schwalbe

Die Schwalbe baute sich ein Nest.

Der Spatz, der setzte  drin sich fest.

Die Schwalbe sprach:

„Spatz, geh heraus!

Ich hab‘ gebaut das kleine Haus.“

 

Der Spatz, der sprach:“

ich bleibe drin, es geht gerad nach meinem Sinn.“

Da sprach die kleine Schwalbe,

Sie sprach:“ich schenk‘ es dir

und bau ein andres Nestchen.

 

Und wohn‘ in Ruhe hier,

und wohn‘ in Ruhe hier!“

Schwalbe

Hören Sie auch: Der Mann im Mond von Johann Peter Hebel


Frau Schmidtchen

Sie lebt schon lang in der Seniorenresidenz “Sonnenschein”, vielleicht schon 10 Jahre. Sie ist ja auch schon über 90. Sie hat ein schönes Zimmer im Erdgeschoss, deshalb nicht gerade sonnendurchflutet sondern eher dunkel. Es ist auch nach hinten gelegen, Nordseite. Da ist es nämlich billiger, meint die große Verwandtschaft von Frau Schmidtchen, die manchmal samstags oder sonntags kommt und Frau Schmidtchen ins Auto packt, sie vorn, Rollator hinten.

Sie wohnt auf Zimmer 133, da sind ihre Möbel, ihre Bilder. Das alles fällt  nicht als das ihrige auf, es sind einfach die Möbel einer Frau, die vor Hitlers Machtergreifung schon auf der Erde war.

Es ist also ein Nordzimmer, und deshalb sitzen in den dunklen Ecken die Geister der alten Zeiten: der alte Gefreite, das Sonnenpüppchen, der große Geldschein mit den Schlotterbeinen, der schöne Mann, der vor Jahrzehnten der Ihrige war und viele kleine undefinierbare Schatten, die Name und Aussehen ständig wechseln.

Keiner  kennt die Geister, nur sie. Blöd, dumm, blind – sind sie doch alle vom Pflegedienst, nichts sehen sie, aber rein gar nichts.

Sie will eigentlich nicht mehr in diese Wohnung.

Deshalb steht sie immer im Gang, mal mit mal ohne Rollator. Mal angezogen, mal im Nachthemd.

Gleich nach dem Frühstück zieht sie ihre Runden. Sie geht wie eine Maschine, schiebt ihren Rollator vor sich her, unermüdlich, vom Lift zum Speisesaal, raus in die Sonne, den Gehweg entlang immer voran, bis man ihr die Lernschwester hinterherschickt, sie einzufangen. Ihr Gesicht wird immer härter, sie ist verärgert, alles wirkt ihr entgegen: die vielen fremden Leute, die sich in den dunklen Ecken ihres Zimmers verstecken, die gehetzten Pfleger und Pflegerinnen, die hilfsbereiten Besucherinnen mit den Plastiktüten voller Besorgungen für ihre Angehörigen.

Ihre Fragen versteht niemand, und sie versteht nicht die Antworten. Dann steht sie lange vor der Rezeption düster vor sich hinblickend: “Ich weiß doch nicht, was das soll!”

An einem dunklen Winternachmittag steht sie mal wieder, dieses mal ohne Rollator, dafür im Nachthemd vor der Rezeption, aber der Schalter ist schon geschlossen. Die letzten Bewohnerinnen sammeln ihre Siebensachen ein und machen auch Schluss für diesen Tag.

Sie sehen Frau Schmidtchen wie schon so oft mit grimmiger Miene total verärgert da stehen.

Frau Helfer spricht sie an, mit beruhigender Stimme redet sie auf das Schmidtchen ein, die andere Dame sagt:“Ich hole die Schwester!“ Frau Helfer setzt sich mit der verärgert verwirrten alten Nachthemddame auf die Bank in der Rezeption, sie warten.

Frau Helfer kommt vom Kartenspielen, sie hat sich ein Apfelsaftschorle bestellt und nur halb getrunken. Beim Warten auf die Schwester kommt ihr der Durst, sie setzt das Fläschchen an den Mund und leert es mit einem langen Zug. Da wacht das Schmidtchen auf und guckt sie frech an: „Sie sind ja ein Säufer!“  Lacht frech, hat Schalk in den Augen, grinst mit zahnlosem Mund, aus dem nur links und rechts ein Goldstümpchen blinkt, denn die Zähne liegen im Glas auf dem Nachttisch. Sie kichert und gackert: “So sagt man doch, jetzt war ich aber richtig frech…”

fest

 

 

 

 

 

 

 

    Endlich kommt  die Schwester.

 

 


Ich bete an die Macht der Liebe

Ein schöner Sopran

Gottesdienst am 11.12.2013

Ich schwöre, diese Geschichte ist nicht erfunden. So und nicht anders hat sich die Episode abgespielt. Mein Zeuge ist Herr Pfarrer Meier von der evangelischen Gemeinde von Sonnenscheinstadt. Auch das Datum stimmt. So war es, dein Wort sei ja ja und nein nein, so steht es in der Bibel, deshalb schwöre ich nicht, aber ich könnte es.

Wunderschön war der Altar geschmückt mit den übrig gebliebenen Blumen vom Adventsbasar. Frau Müller, die Organistin war auch rechtzeitig gekommen, und alle gehfähigen Patienten hatten sich auf ihre Plätze nieder gelassen, an den Reihen und ganz vorne standen die Rollstühle. Die Bremsen wurden fest angezogen, damit keine der Damen sich selbständig machen konnte, denn auch die eine Frau vom Pflegedienst, die zur Aufsicht eingeteilt war,  wollte ihre kleine Andacht in der Verschnaufpause. Keine Bewohnerin sollte sich selbständig auf den Weg machen, denn es gab immer welche, die es so lang ruhig gar nicht aushielten. Es war nicht die Religiosität, die diese Menschen in den Gottesdienst trieb, sondern ihre eigene Langeweile. Vielleicht war es auch die Verzweiflung der Betreuung, die die unruhigen Leute immer wieder einfangen muss.

Frau Müller schlug die Noten auf und fing an zu spielen, wie immer ließ sie zur Einleitung ein paar allseits bekannte Musikstücke erklingen (Etuden oder so). Da erhob sich eine glockenreine Stimme, eine der Rollstuhldamen sang laut und klar mit einem kräftigen Sopran. Es klang sehr schön, man hätte der alten Dame eine so tragende Stimme nicht zugetraut. Leider sang sie etwas ganz anderes, sie extemporierte …

Frau Müller schlug sich tapfer und beendete ihr Vorspiel etwas schneller als sonst.

Nun ging das Wort an Herrn Meier, der in gut evangelischer Tradition mit einem Lied beginnen wollte. Nun entstand dieser Dialog:

Pfarrer: Wir singen das Lied …

Sängerin: Nein! (Tremolierend)

Ich bete an die Macht der Liebe!

 Die alte Dame fängt auch gleich an zu singen

Pfarrer: Nein, das geht nicht, wir sind im Advent.

Sängerin: Doch! Ich bete an die Macht der Liebe…(singt)

Pfarrer mit gütiger Stimme: Nein, wir singen Macht hoch die Tür! Wir sind im Advent.

Bitte schlagen Sie auf „Macht hoch die Tür“ Seite 6!

Sängerin: Sex? Hier im Altersheim, das gibt’s doch nicht!

 Macht hoch

 

 

 

Womit sie wohl recht hat.


Im Wald

Zur Entstehung des Films muss ich einiges erklären:

Diese fünf Kinder lebten  in einer Asylbewerberunterkunft – es war damals eine der schlechtesten von Baden-Württemberg . Heute darf man das sagen. Es waren die ehemaligen Kasernen der Franzosen: lauter kleine Zimmer und am Ende des Ganges eine Gemeinschaftstoilette (versifft und verdreckt). Die Küche war die  „Messe“ der Franzosen , sie war in einem Extra-Gebäude untergebracht. Das ganze Gelände war eingezäunt und von einem Wachdienst mit Schäferhund bewacht. Der war zwar trottelig, das wussten die Kinder nicht. Sie hatten eine höllische Angst.

Ich könnte viel erzählen, will es aber hier nicht, die Gebäude sind jetzt abgerissen, die Kinder sind  groß. Ich hoffe, man hat sie in Deutschland gelassen, ich weiß es nicht.

Da ich mich selbst öfters im Leben  in der Situation des Fremdlings  befand, war für  mich dieser Satz wichtig:

´Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen´, sagt Christus.“ Mt25,35. 

(Das war auch das Thema des letzten Weltgebetstags der Frauen 2013)

Deshalb habe ich mich immer um diese „Fremdlinge“ gekümmert.

Ich ging  mit den Kindern in den Wald – sie waren verwundert, beeindruckt und hatten auch ein wenig angst. Ich gab ihnen meine billige Kamera in die Hand und ließ sie machen. Aus den Fotos habe ich  Schwarz-Weiß-Aufnahmen gemacht, sonst habe ich alles gelassen

Mein Herz ist heute noch berührt.

 

 


Stolz und Vorurteil im Supermarkt

Bier 2

 

Es war in den 90er Jahren in Kuba mitten in der härtesten Zeit der Spezialperiode. In der Riesenstadt Havanna gab es nur ganz wenige Läden mit einigen wenigen Konsumgütern des kapitalistischen Westens. Dann kam der erste große „Shopping“ an der Ecke der 70sten Straße. Das war ein riesengroßes Kaufhaus, so wie es im Westen Tausende gibt. Die langen Regale mit den vielfältigen Waren, der Traum vom Überfluss und ewigem Sattwerden. Hier durften nun nach der Legalisierung des Dollars auch Kubaner einkaufen, das konnten wiederum nur wenige, weil die wenigsten Kubaner Dollar hatten. Was nützt der Überfluss dem Menschen, wenn er nur für die Augen ist. Das sind echte Tantalus-Qualen*: Verhungern im Angesicht der vollen Töpfe. Da nun alle mehr oder weniger großen Hunger hatten, die kubanischen Angestellten genauso wie die kubanischen Kunden, bestand eine große Gefahr: der gegenseitige Betrug. Bescheißen und Klauen war Volkssport. Der Kunde konnte nur aufpassen, oft war er machtlos, die andere Seite, die Vertreter des Staatsbetriebs, hatten da schon mehr Macht. Diese Potenz manifestierte sich in einem kleinen Zettel, dem Kassenbon und dieser galt als Beweis.

Deshalb standen zwei uniformierte Männer des Sicherheitsdienstes an der  Ausgangstür und verglichen noch ein letztes Mal die Einkäufe im Wagen mit den Angaben auf dem Kassenbon. Weil sie ihre Aufgabe sehr ernst nahmen, dauerte der Vergleich seine Zeit. Deshalb bildete sich eine Schlange, die Kubaner warteten mit der Geduld des geübten Schlangestehers, ein Kennzeichen damals für die sozialistischen Länder.

Ich stand mit meiner kubanischen Freundin in der Schlange, sie war so schwarz wie die beiden Kontrolleure am Ausgang, die waren auch tiefschwarz, fast so dunkel wie ihre Uniform. Mit Aufmerksamkeit und Strenge kontrollierten sie alles, ich glaube, auch sich gegenseitig.

Einige Personen vor uns standen zwei junge schwarze Männer, sie hatten einen riesigen Einkaufswagen voller Bierdosen. Für einen Durchschnittskubaner eine unglaubliche Menge, meiner Schätzung nach waren es 100 Dosen, das kostete mehrere Monatslöhne.

Diese beiden jungen Männer waren so richtig gut drauf, unbekümmert redeten sie, ich konnte sie gut verstehen, weil sie französisch sprachen. Sie erzählten von einer Fete, von Frauen, sie tänzelten hin und her, achteten nicht auf ihre Stellung in der klar organisierten Schlange, sie hatten auch ihren Kontrollzettel nicht in der Hand. Mir war klar, das waren keine Kubaner, das waren Botschaftsangestellte.  Aber auch sie mussten warten. Als sie an der Reihe waren, verpassten sie ihren Moment und als sie dann doch dran kamen, stand der Wagen noch einen Schritt weiter hinten. Die „negros cubanos“ der Seguridad in ihrer kohlrabenschwarzen Uniform schauten auf die beiden nicht ganz so schwarzen Männer in ihrer farbigen westlichen Kleidung, stöhnten tief auf und sagten nur voller Verachtung:

“O, los africanos!!!“


Zehn Minuten im Leben einer Schwerhörigen

Hörgeräte

 

 

 

Wie bitte?

In einer Seniorenresidenz gibt es natürlich sehr viele Schwerhörige, weil mit dem Alter das Hörvermögen abnimmt. Das macht das Leben für alle Beteiligte schwierig. Die Schwerhörigkeit ist eine Behinderung mit starker Auswirkung auf die Psyche, wie eigentlich alle “Behinderungen“.

Schauen Sie sich an, wie die akustische Welt für einen Schwerhörigen ankommt, ich habe versucht das akustische Defizit in ein bildliches umzusetzen, öffnen mit Doppelklick  Frau Hypa Kuss    (Hypakusis ist der wissenschaftliche Begriff für Schwerhörigkeit)

http://www.seelsorge-im-alter.de/leben-im-alter/lebensbilder/krankheitsbilder-und-krisen-im-alter/schwerhoerige/

 


Die Toubab spricht Fulfulde

afrika kinder2

Ute habe ich im Herbst in Bad Dürrheim in der Kur kennengelernt. Sie hatte eine Krebsoperation hinter sich und eine Chemo vor sich und versuchte gerade wieder ihre Mitte zu finden.

Vor Jahren war sie mit ihrem Mann in Afrika, er arbeitete als Arzt, sie unterrichtete Frauen in alltäglichen Dingen. Es war ganz im Norden von Kamerun, in einer recht ländlichen Gegend.

In Afrika sprechen die meisten Frauen ausschließlich ihre afrikanische Landessprache, und davon gibt es sehr viele. Sie müssen also zwei bis drei oder noch mehr Sprachen sprechen, um sich mit allen angeheirateten Mitgliedern der Großfamilie unterhalten zu können. Französisch oder Englisch, die jeweilige Verwaltungssprache, ist auch die Sprache der Kolonialisten und wird nur in manchen Familien gesprochen. Frauen, die nicht auf eine Schule gegangen sind, sprechen keine europäische Sprache. Die gesamte Bildung läuft nur über die Fremdsprache.

Als gute Lehrerin hat Ute das Problem erkannt und machte sich sofort daran, die am häufigsten in Kamerun gesprochene einheimische Sprache zu lernen, und das war Fulfulde oder Peul, eine in Westafrika weit verbreitete Sprache, weil sie von einer nomadischen Volksgruppe gesprochen wird.

 

Wie sie mir erzählt hat, ist diese Sprache recht einfach zu lernen und schnell beherrscht man sie so, dass man eine nette kleine afrikanische Konversation führen kann. Eine nette kleine afrikanische Konversation besteht zuerst in der Begrüßung, die sehr, sehr ausführlich sein muss: Man erkundigt sich nach dem Ergehen der gesamten Großfamilie, nach dem Wetter im Heimatdorf, nach dem Zustand der Ziegen und der Zeburinder, nach dem Ausgang der Feste und Aussichten auf Ernte im pflanzlichen wie menschlichen Bereich. Es ist ein Ritual, das die Gesellschaft zusammen hält. So lang wie die Begrüßung ist auch die Einleitung zu dieser kleinen Geschichte, die mir Ute erzählt hat:

„Ich konnte schon ganz gut Fulbe, als ich in der Nähe von Garoua ganz im Norden Kameruns auf dem Weg zu einer Frauenversammlung war. Ich sollte den Frauen etwas über Hygiene im Haushalt erzählen. Da mein Mann, das Auto benutzte – er war Arzt in der Krankenstation – nahm ich ein öffentliches  Taxi-Brousse. Das sind Sammeltaxis,  die auf Handzeichen anhalten und dich mitnehmen.

Als ich hinten einstieg, saß da schon eine junge Frau mit einem Baby im Brusttuch, das gelangweilt an ihrer Brust nuckelte. Ich – stolz auf meine Sprachkenntnisse – sprach sie an und begrüßte sie ganz „comme il faut“, d.h. traditionell mit den Fragen nach Gott und der Welt.

Noch bevor wir fertig waren, musste sie aussteigen. Bis zu meinem Ziel war ich allein mit dem Chauffeur, ich sah die ärmlichen Hütten am Fenster vorbeigleiten, wie immer waren die Straßen voller Menschen. Ich hing meinen Gedanken nach und hätte fast meinen Ausstiegspunkt verpasst, denn für mich sah alles gleich aus.

Als ich zahlen wollte, sagte der Chauffeur voller Hochachtung zu mir: ‚Nein, Madame, von Ihnen nehme ich kein Geld. Jetzt fahre ich schon so viele Jahre Taxi und noch nie ist es mir passiert, dass hinten eine Toubab (eine weiße Frau) sitzt, die mit einer einfachen Frau aus meinem Land in einer Sprache spricht, die ich nicht verstehe. Von dieser Weißen will ich kein Geld!’ dann fuhr er weiter.“

(Foto von ⓒ Eric Makin)


Der Mann im Mond

 

Caspar_David_Friedrich_-_Zwei_Männer_in_Betrachtung_des_Mondes_(Metropolitan_Museum_of_Art)

 

 

 

 

 

 

 

Frau M. ist hundert. Sie kann noch mehrere Gedichte auswendig. Darunter ist auch das schöne alemannische Gedicht:

Der Mann im Mond      
Johann Peter Hebel  
Lueg, Müetterli, was isch im Mo? Schau M. was ist im Mond
He, sisch´s denn nit, e Ma! Ach, siehst du das nicht, ein Mann,
Jo wegerli, i sieh en scho. Na ja ich seh ihn ja schon.
Er hät e Tschöpli a. Er hat ein Jäckchen an
Was tribt er denn die ganzi Nacht, Was macht er denn die ganze Nacht,
er rüehret jo kei Glied? Er rührt ja kein Glied?
He, siehsch nit, aß er Welle macht? Siehst du nicht, dass er Reisigbündel macht
Jo, ebe dreiht er d´Wied. ja, grad macht er die Weiderute drum rum
Wär ich, wie er, i blieb dehei, Wenn ich er wär, da täte ich daheimbleiben
und machti d´Welle do. Und würd‘ meine Bündel da machen*
He, isch er denn us üser Gmei? Und ist er denn aus unserm Dorf?
Mer hen scho selber so. Wir haben schon selber genug von der Art.
Und meinsch, er chönn so, wiener well? Und glaubst du, er könnt so, wie er will?
Es wird em, was em ghört. Es passiert mit ihm das, was er verdient.
Er gieng wohl gern – der surfer Gsell Er würd wohl gern abhauen, der saubere Gesell
mueß schellerwerche dört. er muss dort Zwangsarbeit machen
Was het er bosget, Mütterli? Was hat er verbrochen, Mutter?
Wer hätt en bannt dörthi? Wer hat ihn dorthin verbannt?
Me het em gseit der Dieterli, Dieterli hat man zu ihm gesagt
e Nütznutz isch er gsi. Er war ein Nichtsnutz
Ufs Bette het er nit viel gha Vom Beten hat er nicht viel gehalten
ufs Schaffen o nit viel, Vom Arbeiten auch nicht
und öbbis mueß me triebe ha, Und irgendwas muss man ja machen
sust het ma langi Will. sonst hat man Langeweile
Drum, het en öbbe nit der Vogt Und deshalb, wenn ihn nicht gerade der Vogt
zuer Strof ins Hüsli gspert, zur Strafe eingesperrt hatte,
sen isch er ebe z´Chander ghockt, dann ist er in Kandern gesessen
und het d´Butelli gleert. und hat ein Fläschchen geleert
Je, Mütterli, wer het em´s Geld Ja Mutter, wer hat ihm das Geld
zu some Lebe ge? zu so einem Leben gegeben
Du närsch, er het im Hus und Feld Du Dummi, er hat in Haus und Feld
scho selber wüsse z´neh. schon selber gewusst, wie man nimmt.
Nernol, es isch e Sunntig gsi, Einmal, es war an einem Sonntag
so stoht er uf vor Tag, Ist er ganz früh aufgestanden,
und nimmt e Beil, und tummlet si, und hat ein Beil genommen, sich beeilt
und lauft in Lieler Schlag. und ist in den Lieler Holzschlag gelaufen
Er haut die schonstee Büechli um, Er hat schöne junge Buchen umgeschlagen
macht Bohnestecke drus, und Bohnenstecken draus gemacht,
und treit sie furt, und luegt nit um, und hat sie fortgetragen, sich nicht umgeschaut,
und isch scho fast am Hus. und fast ist er schon zu Hause
Und ebe goht er uffem Steg, Und da geht er gerade auf dem Steg
se ruuscht em öbbis für: da raunt ihm was:
Jetz, Dieter, goht´s en andere Weg! Jetzt Dieter, geht’S einen andern Weg,
Jetz, Dieter, chumm mit mir!‘ Jetzt Dieter, komm mit mir!‘
Und uf und furt, und sieder isch Und rauf und fort, und seither ist
kei Dieter wit und breit. kein Dieter weit und breit
Dört obe stoht er im Gibüsch Dort oben steht er im Gebüsch
und in der Einsamkeit. und in der Einsamkeit
Jetz haut er jungi Büechli um; Jetzt haut er junge Buchen um
jetz chuuchet er in d´Hän; jetzt haucht er in die Hände
jetz dreiht er d´Wied, und leit sie drum, jetzt dreht er die Weidenrute um das Holz
und ´s Sufe het en End. Und mit dem Saufen ist’s vorbei
So goht´s dem arme Dieterli; So geht’s dem armen Dieter
er isch e gstrofte Ma! er ist ein gestrafter Mann
O bhüetis Gott, lieb Müetterli, Behüt‘ mich Gott, liebe Mutter
i möchte´s nit mittem ha! Ich möchte nichts mit ihm zu tun haben
Se hüet di vorem böse Ding, Dann hüte dich vor allem Bösen
´s bringt numme Weh und Ach! Es bringt nur Weh und Ach
Wenn´s Sunntig isch, se bett und sing. Wenn der Sonntag kommt, dan bet‘ und sing
Am Werchtig schaff di Sach. Und am Werktag erledige deine Aufgaben.

Hören Sie auch „Die Schwalbe“!