Engel

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Ein sehr schönes Buch hat mich gefunden:

Das Büchlein heißt „Engel und Engelsgeschichten aus der Kreativwerkstatt des Bürgerspital Basel“

Wenn es ganz ruhig in einem Zimmer ist, wird leicht ironisch gesagt: “Es geht ein‚ Engel durch den Raum!“ Beim Lesen – so hatte ich das Gefühl – ist ein ganzer Schwarm durchgeflattert und einer davon ist bei mir geblieben.

Das sehr schön und aufwendig gestaltete Buch ist eine Antwort auf die Frage: “Was bedeuten dir Engel?“ Eine Frage, viele Antworten. Manche sind schon sehr hintersinnig und fordern zum Nachdenken auf.

Die Künstler der Kreativwerkstatt haben ihren Engel gemalt und bedichtet, Schutzengel, Lichterboten, Glücksengel, unsichtbare Engel, einen Engelschor, darunter auch einen

„Engel nach Bern

Der Engel kam vom vorderen Rheintal

anno 2011 nach Bern.

Dort genehmigte er sich im ‚Pyrenees’

einen Sherry.

Es war Sommer.

Er war Zimmermanns-

geselle mit schlechter Haltung.

Deshalb wurde seine Tischnachbarin

Agnes Rydenpfeffer nervös.

Er bezahlte mit Nowhere-Dollars.

Raus bekam er nichts mehr.

Er hatte Sehnsucht und nichts im Magen

zur vollen Stunde.“

 

Marcel Bratschi

 

In meinem Kopf weckt dieses Gedicht eine Flut von Assoziationen. Ich sehe einen Gesellen in schwarzer Tracht mit Silberknöpfen, den ehrbaren Wandersmann, die Verknüpfung von Freiheit und Arbeit, die Gebirgslandschaft vom vorderen Rheintal im Gegensatz zur Exklusivität der Großstadt, eine virtuelle Währung die „Nowhere-Dollars“ (was für ein schönes Wort). Von dieser Währung habe ich auch einen ganzen Sack voll und Sie bestimmt auch. Vielleicht hat dieser Engel seine Flügel in der Wiese gewaschen.

Besonders haben mir die Schüttelreime gefallen:

„Selten trägt ein Engel Bart

das ist nur der Bengel Art“

 

Oder? Vielleicht ist auch hier ein Hintersinn, ich denke schon, lassen Sie sich mal diesen Schüttelreim im Ohr zergehen…

„Ein netter Engel fliegt und sucht

den Menschen, der nicht siegt und flucht“

 

Mir schießen einige Fragen durch den Kopf:

 

Was ist ein netter Engel?

Gibt es nicht nette Engel?

Warum mag der nette Engel den Sieger nicht?

Kann es sein, dass der nette Engel flucht?

Oder mag er nur die Menschen, die nicht fluchen? (Das wäre landläufig gesehen normal)

 

Auf einer der ersten Seiten des kleinen Buches gibt eine Schreiberin ihrem Engelden lakonischen Rat:

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Leser, Leserin, wenn Sie einen Engel im Bücherregal brauchen, dann gehen Sie ins Internet

http://www.buespi.ch/Webshop

Da gibt es das Buch, es kostet 30 CHF, das sind ca 25 €  (Porto kommt noch dazu), und man bekommt das Buch und ein gutes Gewissen, denn damit unterstützt man auch die Einrichtung.

 


Der Schatz der Alten

 

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Hermann Hesse

Was wäre mit uns Alten, wenn wir das nicht hätten: das Bilderbuch der Erinnerung, den Schatz an Erlebtem! Kläglich wäre es und elend. So aber sind wir reich, und wir tragen nicht nur einen verbrauchten Leib dem Ende und dem Vergessen entgegen, sondern sind auch Träger jenes Schatzes, der so lange lebt und leuchtet, als wir atmen.

Zitiert nach

Hans Bender (Herausgeber): Das Insel-Buch vom Alter, Frankfurt 1976


An der Wiese

Eine merkwürdige Begegnung an der Wiese – das ist der Fluss, der bei Basel in den Rhein fließt

Dienstag, der 14.Januar 2014, 12 Uhr

Wiese

Ich gehe an der Wiese spazieren, ich bin oben auf dem Damm, schaue also auf das Flußbett hinunter. Stramm reguliert schießt das Wasser gegen Basel, es ist zwar kaum Gefälle, trotzdem fließt das Wasser mit Kraft. Der Fluss hat viel Wasser aber kein Hochwasser. Am Ufer stehen einzelne Büsche. Es ist nicht kalt, sehr warm für die Jahreszeit. Ich gehe langsam, da sehe ich hinter einem Busch eine Hand vorkommen, sie taucht ins Wasser und schwenkt auf und ab. Ich werde neugierig, gehe ein paar Schritte weiter und beobachte die Hand, die sich im Wasser hin- und herbewegt.

Noch drei Schritte, dann sehe ich einen Mann am Ufer knien, er zieht etwas durchs Wasser, langsam und bedächtig, hin und her.

Ich gehe zwei Schritte weiter, jetzt sehe ich den Mann besser. Um ihn herum liegen ein paar Dinge, die ich nicht genau erkenne, vielleicht sein Gepäck, eine Tasche?

Noch einen Schritt weiter, da sehe ich es: Plane, Rucksack Tasche, Plastiktüte. Jetzt zieht er ein Stück Stoff aus dem Wasser, schwenkt es wieder hin und her, wringt es aus.

Er hat sein Hemd gewaschen.

Am 14. Januar 2014, bei 7 Grad Celsius mitten in Lörrach, mitten in Deutschland, wo lässt er es wohl trocknen?


Menschenwürde im Altersheim

Der Besuch im Altersheim

Die Zeitschrift Für Sie hatte im März 2013 ein Feature von der Zeitgeist-Philosophin Rebekka Reinhard. Man findet diesen Artikel heute noch im Internet und zwar unter der Adresse

http://www.freundin.de/gewissensfrage-mit-anstand-durch-den-alltag-129846.html

Eingebettet zwischen Reklame für Fußcreme und Rundum -Sorglospaket zur Lebensversicherung, zwischen kleinem Computerspiel für zwischendurch und Abnehmen mit Erfolg gibt uns die Verfasserin gute Ratschläge zu allen Lebenslagen von

A … WIE ANMACHEN (einen Mann angraben, um sich einen Vorteil zu verschaffen)bis „Z … WIE ZURECHTWEISEN (z. B. Leute, die sich vor unseren Augen danebenbenehmen)“

Und bevor es heißt: „Hier geht es zum Shop“ finden wir auch eine Empfehlung zum Umgang mit unseren Alten.

Die promovierte Philosophin und Unternehmensberaterin schreibt:

O … WIE OMA VIEL ZU SELTEN IM PFLEGEHEIM BESUCHEN (und sich deshalb schäbig fühlen)
Das schlechte Gewissen ist ein guter Indikator – wir merken da schon selbst, dass unser Verhalten nicht so astrein ist. In dieser Situation sollte man die Gründe suchen: Warum will ich nicht? Habe ich Angst vor dem Alter, den Krankheiten? Langweile ich mich? Oder bin ich vielleicht mit der Person so zerstritten, dass ich sie nicht sehen will? Kann ich diese Hindernisse wirklich nicht überwinden, nicht mal kurz? Wenn Sie ein guter Mensch sein wollen, denken Sie daran: Auch eine alte Person hat eine Menschenwürde, sie möchte wahrgenommen werden. Und mit einem Besuch zeigen Sie ihr, dass Sie sie respektieren.“  Man mag es kaum glauben, das ist wortwörtlich zitiert.

Jeden Satz kann man sich  auf der Zunge zergehen lassen.  Da ist die dümmliche rhetorische Frage:

„Habe ich Angst vor dem Alter, den Krankheiten“ Die Antwort ist schlicht und einfach: „Natürlich doch!“  Ja Angst haben wir alle, so wie man vor Unangenehmem einfach Angst hat. Die tief sitzende Angst vor Krankheit ist für viele Menschen eine Lebensbegleitung, wird sie noch heute  in den magischen Riten vieler Völker gebannt. Gehört da nicht der Wunderglaube an die Madonna von Lourdes oder Fatima dazu?  Man möchte die lebensbedrohliche Krankheit  nicht bei dem eigenen Angehörigen manifest sehen. Dazu gehört auch das Alter, es ist trivial in der Aussage, aber jedes menschliche Leben führt zum Tod, die Auferstehung ist nur der Glaube. Die eigene Mutter leiden sehen, ist sehr schwer, weil das einen auf die eigene Vergänglichkeit hinweist. In ihrer Gebrechlichkeit  spiegelt sich die eigene Krankheit, ihr Anblick schreit einem die eigene Endlichkeit ins Gesicht. Mit ihrem Sterben wird das eigene in den Fokus gerückt.

Natürlich ist der Besuch bei dem kranken Großvater nicht so lustig wie ein Kinobesuch. Stellt sich hier wirklich die Frage, langweilig oder nicht? Das ist doch sehr flach diskutiert. Es  wird stillschweigend vorausgesetzt, wir hätten das Recht auf immer währende Unterhaltung. Thematisiert man  dieses Problem auf so eine Art und Weise, demaskiert man seine Oberflächlichkeit, das ist eher einem RTL-Redakteur zu verzeihen als einer promovierten Philosophin.

Dann werden einige rhetorischen Fragen gestellt ( fünf an der Zahl) und dann kommt mit einem Taschenspielertrick die Lösung aus dem Zylinder:

„Auch eine alte Person hat eine Menschenwürde, sie möchte wahrgenommen werden…“

Da kann man nur sagen Gott und Rebekka Reinhard und der Zeitung „Für Sie“ sei Dank, wir haben hier eine neue Proklamation der Menschenrechte. Wie schön,  auch eine moderne Philosophin erinnert sich an die Errungenschaften der Französischen Revolution, und wir sind ihr zutiefst dankbar, dass sie die Menschenrechte der ach so verkannten Gruppe der vernachlässigten Alten einfordert.

Wir warten nun auf den mutigen Streiter oder die mutige Menschenrechtsaktivistin, die die Menschenrechte für das Hauspersonal in den Einrichtungen der AWO,  Diakonie und Caritas einfordert. Und was ist mit dem Pförtner und dem Koch und dem Gärtner und der Putzfrau und und und

Hat die Philosophin noch nicht gemerkt, dass die Menschenrechte schon immer unteilbar waren. Man kann sie nicht manchen Menschen geben und andere nicht. Und das schon seit Hunderten von Jahren, denn das ist eine Errungenschaft der Aufklärung.

Geben wir den Alten unser höchstpersönliches Menschenrecht, dann heißt das, wir habe es ihnen vorher nicht zugestanden und das wäre schlimm, sehr schlimm.

Jetzt sollte man den nächsten Schritt machen:

Rebekka Reinhard soll hier nicht für ihren Ausflug in die Trivialität einer Frauenzeitschrift kritisiert werden, sondern weil sie sich als Sprachrohr einer modernen Zeit sieht

Oberflächlichkeit ist ihr aufs Panier geschrieben.

 


Ziemlich beste Freunde

Freunde

 

 

 

 

 

 

 

Die Unberührbaren – Les Intouchables

Heute hat mich Ali besucht, mein 16jähriger Nachhilfeschüler aus Algerien. Da ich ihn schon seit Jahren betreue, ist er mir ans Herz gewachsen, und so hoffe ich, das ist nicht einseitig. Auch wir sind „ziemlich beste Freunde“.

Er sah dieses Buch bei mir auf dem Tisch liegen:

Ganz spontan sagte er: „Das ist ein ganz toller Film!“ Das fand ich erstaunlich, da ist es einem Filmteam gelungen, einen jungen Kerl für das Thema „Behinderung“ im weitesten Sinne zu begeistern. Natürlich sind es die extremen Situationen, die ihm gefallen, die tollen Autos, das vermeintliche Luxusleben, das Fliegen. Natürlich hat der Erfolg des Films ihn ins Kino gelockt. Aber das ist gut, wenn sich hinter der Verpackung eine ernste Botschaft verbirgt.

Hier soll es aber nicht um den Film gehen, es gibt genug Kritiken im Internet, schließlich ist der Film auch schon 2 Jahre alt. In Deutschland ist erst im September 2012 erschienen, aber Millionen haben ihn gesehen.

Hier geht es um das Buch: Das Original heißt  „Le second souffle“, der zweite Atem, während der Film im französischen Original „Les Intouchables“ heißt. Im Buch von Philippe Pozzo di Borgo, das anläßlich des Filmes noch einmal neu herausgegeben worden ist, spielen die „ziemlich besten Freunde“ nur eine kleine Rolle. Im Vordergrund stehen die Schicksalsschläge, die der Verfasser erdulden muss und die menschliche Liebe, die er erfahren durfte. Di Borgo nimmt den Leser in seine Welt des Leidens und des Erduldens, aber auch in seinen Kampf um ein erfülltes Leben. Für ihn als Reichen ist es natürlich leichter, sich in dieser Behinderten-Welt einzurichten. Bei ihm geht keine Energie im Kampf mit den Behörden verloren. Trotzdem kann das Buch anregen und Mut machen. Das gilt vor allem für Menschen, die außen stehen, also für alle vor oder hinter dem Rollstuhl und nur bedingt für diejenigen, die darin sitzen.

Le second souffle ist das zweite Leben, das Leben mit der Behinderung. Les Intouchables sind die Unberührbaren, der Verfasser erklärt seine Krankheit, er verspürt so starke Nervenschmerzen, dass er fast unberührbar wird. Die Mehrzahl zeigt aber, dass auch der Helfer, der Krankenpfleger gemeint sein kann, dieser ist ein sozial unberührbarer, ein Mensch, mit dem die Angehörigen der höheren Schichten eigentlich keinen Kontakt wollen. Im letzten Kapitel seines Buches „Diable gardien“, darüber könnte man stundenlang philosophieren.

In jeder ordentlichen Buchbesprechung steht eine kurze Inhaltsangabe am Anfang, ich denke, alle kennen den Inhalt, deshalb habe ich sie weggelassen. Es ist so viel darüber gesprochen worden. Doch gibt es einen großen Unterschied zwischen Buch und Film, letzterer bezieht sich eigentlich nur auf ein Kapitel, während das Buch die gesamte Lebensgeschichte und vor allem auch die Krankheitsgeschichten thematisiert. Berührend ist die Schilderung seiner Ehe und der schlimme Krebstod seiner Frau Beatrice.

Das letzte Kapitel ist dem DIABLE GARDIEN – DEM SCHUTZTEUFEL gewidemt und das ist die Geschichte des Films.

Mir bleibt der Verfasser als ein Mensch mit großem Herzen, mit großer Liebesfähigkeit in Erinnerung.

Dass die Geschichte junge Menschen anspricht, hat auch der Kellt-Verlag gemerkt und deshalb gibt es das Buch schon als Lektüreheft:

Philippe Pozzo di Borgo

Le second souffle

Text in Französisch für das 5. und 6. Lehrjahr. Niveau B2. Originaltext mit Annotationen


Ein Wintergedicht von Friedrich Rückert

Eis

Sind ein Paar kalter

Freunde Winter und Alter:

Winter schröpfend,

Alter erschöpfend;

Winter zwackend,

Alter plackend;

Winter pustend,

Alter hustend;

Winter geht,

Alter steht:

Gerne wär‘ ich der beiden quitt,

nähme Winter das Alter mit.

Friedrich Rückert

(1788 – 1866), alias Freimund Raimar, deutscher Dichter, Lyriker und Übersetzer arabischer, hebräischer, indischer und chinesischer Dichtung


Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

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Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

Nach meinem Wissen ist dieses Buch das schönste, von allen Büchern, die sich in irgendeiner Form mit der Krankheit „Alzheimer“ befassen. Sehr feinfühlig ist auch die Besprechung von FELICITAS VON LOVENBERG in der FAZ vom 4.2.2011: „Wenn einer nichts weiß und doch alles versteht

Arno Geiger hat ein Buch über seinen dementen Vater geschrieben. Vor allem aber handelt es davon, was das Leben zu jedem Zeitpunkt lebenswert macht. Es ist die wertvollste Lektüre dieses Frühjahrs“.

Eigentlich ist damit alles über das Buch gesagt.

Ich möchte den Gedanken in eine andere Richtung weiterführen, ja umdrehen und von mir, der Tochter sprechen: „Wenn eine viel weiß, und nichts versteht.“

Was hat der ursprüngliche, echte Titel bei mir ausgelöst, warum hat sich in mir alles gesträubt, dieses Buch zu lesen?

Ich selbst hatte auch  vor über 20 Jahren  mit dementen Angehörigen zu tun, das wirkt bis heute nach. Zuhause war meine schwierige Schwiegermutter und im Pflegeheim war meine total demente Mutter. Es fiel mir sehr schwer, sie zu besuchen. Damals war das Thema Altersdemenz noch stark tabuisiert. Man war allein gelassen. In der Familie waren die Aufgaben verteilt, ich sollte mit meiner Mutter einkaufen gehen, dabei schämte ich mich, ich schämte mich beim Spazieren gehen und ich verging vor Scham beim Arzt. Es war eine total hirnrissige Schämerei, denn fast immer, wenn meine Mutter irgend einen Unsinn schwatzte, stieß ich auf Solidarität und Mitgefühl. Wusste Mutter nicht mehr, dass es bei den Schuhen rechts und links gab und gackernd feststellte, dass der linke Schuh nicht an den rechten Fuß passte (die Schuhe waren halt auch nicht mehr so wie früher), lachte die Schuhverkäuferin mit und erzählte ähnliche Geschichten von ihrer Mutter, ihrer Tante oder Großmutter. Jedes Mal war es eine Erleichterung wie eine kleine Befreiung von der Last des persönlichen Schicksals. Geteiltes leid ist halbes Leid. Aber zuerst traf mich immer mit ganzer Wucht die Peinlichkeit: Wir stehen zusammen in einer Umkleidekabine in einem Modegeschäft – ich habe heute noch nach fast 30 Jahren das Bild fast photografisch vor meinen Augen – meine Mutter ist im lachsfarbenen Unterkleid. Ich gehe kurz raus, um ein passendes Modell zu Anprobe auszuwählen, da ist sie mir schon entwischt und schreitet wie eine „Königin“ durch die Gänge zwischen den Kleiderstangen, völlig unbeeindruckt von dem Gekicher von zwei jungen Mädchen. ich fange sie ein und gehe zurück zur Kabine, beim Eintreten empört sie sich über ihr Spiegelbild: „Was machen Sie in meiner Kabine?“ fragt sie die Dame im Unterrock, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickt. Meine Mutter, die in ihrer Demenz immer sehr fröhlich und friedlich war wurde ärgerlich, denn  zu allem Übel, imitiert diese Frau ihre Bewegungen, ihr Lachen und dann auch ihren Ärger.

So machte ihr das Einkaufen keinen Spass! Mir schon gar nicht, ich war den Tränen nahe, wieder und wieder fühlte ich mich total ausgeliefert: früher der mächtigen, heute der unmächtigen Mutter. Total egozentrisch sah ich mein Problem und nur mein Problem und nicht die Schwierigkeiten, die Mutter mit einer unsicheren, sich dauernd verändernden Welt hatte. Beim Kampf mit der feindlichen Außenwelt setzt Geiger ein, er setzt dem dementen Menschen die Krone auf, denn der demente Mensch ist vertrieben, ins Exil gejagt. Mich hat das neidisch und eifersüchtig gemacht. Deshalb wollte ich dieses Buch lange nicht lesen. Dabei habe ich zum einen übersehen, dass der demente Vater nur der  König in seinem Reich ist, nämlich im Exil, in seinem und nur in seinem Reich. Ausgeschlossen von unserem.

Zum andern, dass Arno Geiger uns alle auch zu Königskindern macht, wenn wir nur endlich die Demenz der Alten annehmen wollten.

Meine Mutter ist schon lange tot, ich habe diese Verwandlung verpasst, weil ich nicht annehmen wollte.

Die einen sterben, die neuen kommen, und wenn man der Statistik Glauben schenkt, dann werden die Demenzkranken immer zahlreicher. Damit deren Kinder es ein wenig leichter haben, wird jetzt so viel über das Problem gesprochen. Arno Geigers Buch ist eine große Hilfe, deshalb bleibt es aktuell.

Deshalb möchte ich das Buch allen ans Herz legen, es hilft beim Verständnis dieser Krankheit.