Bundesjugendspiele 1

Vor etwa zwei Monaten pünktlich zum Schuljahresende wurde von einer betroffenen Mutter eine Online-Petition zur Abschaffung der Bundesjugendspiele gestartet.

Frankfurter Neue Presse“ am 2.07.2015:

„Nur wenig Rückenwind für Abschaffung der Bundesjugendspiele

Mit ihrem Netz-Protest gegen die Bundesjugendspiele sticht die Mutter eines Neunjährigen in ein Wespennest. Für die Online-Petition gibt es einige Zustimmung, aber auch viel Häme. Eine Umfrage belegt nun: Die meisten Bürger sind gegen eine Abschaffung dieser Schulwettbewerbe.

Der seit voriger Woche im Internet hochkochende Ärger über die Bundesjugendspiele wird nach einer Umfrage von der Mehrheit der Bevölkerung nicht oder kaum geteilt. “

Heftig, aber kurz war die Diskussion. 65 Jahre alt sind die Spiele dieses Jahr geworden und sie werden weiterleben, wahrscheinlich lebendiger denn je in unserer sportverliebten Welt.

Frau Edeltraud B., die ehemalige Lehrerin mit Makuladegeneration,  hat diese Nachricht auch gelesen und denkt darüber nach…..Ihr werden heute noch im hohen Alter die Hände feucht, wenn sie an diesen sportlichen Wettkampf denkt.

Sie hat ja dieses Ereignis von zwei Seiten gesehen: einmal als Schülerin und später dann als Lehrerin.

Ihre Gedanken flogen den Zeitstrahl zurück, zurück in die dumpf-stumpfen, sprachlosen 50er-60er Jahre. Sie sah sich als kleines Zopfmädchen mit dunkelblauen Pumphosen auf der Aschenbahn, die 50 m lagen wie eine Abschussbahn vor ihr, neben ihr steht die alte Lehrerin im Sommerkostümchen, die zum Start laut in die Hände klatscht. Das Oberschulamt hatte diese ältliche Dame mangels Sportlehrerinnen zur „Schußabgabe“ an denStart des 50m-Laufs abgeordnet. Edeltraud war immer schon kurz nach dem Start die letzte, das blieb so bis zum Abitur. Immer gleich war der Ablauf. Jahr für Jahr wurden die körperlichen Kräfte und die Geschicklichkeit der Schüler und Schülerinnen gemessen. Edeltraud hatte keine, weder beim Lauf noch beim Wurf, nicht beim Weit- und schon gar nicht beim Hochsprung.

Schrecklich waren für Sie diese schweißdurchtränkten stinkigen Umkleidekabinen; bei der Aufstellung der Riege*  wollte sie vor Scham im Boden versinken. Wochen vorher hatte sie sich bei der ersten Ankündigung der Bundesjugendspiele eine Krankheit herbeigewünscht, einen Unfall, wenigstens einen verstauchten Knöchel. Aber gab kein Entrinnen, ihr Schutzengel war ein sportlicher Engel, er ließ im Sommer vor den vermaledeiten Spielen keinen Unfall passieren. Er war genauso unerbittlich wie die Sportlehrer im Ablauf der einzelnen Disziplinen,

Die Freundin warf unendlich weit mit starkem männlichen Schwung, Edeltrauds eigener Ball fluppte kaum über ihre Füße hinaus und wenn er ein bisschen weiter flog, dann machte er am Schluss einen Schlenker, sodass er aus dem mit Kreide gezeichneten gültigen Feld flog. Ihr Wurfball hatte nie Rückenwind. Sie kämpfte sich durch alle Disziplinen, ließ gern den anderen den Vortritt, am liebsten hätte sie sich unsichtbar gemacht.

Sie hasste die Sportlehrer, sie hasste die sportlichen Mitschülerinnen und fürchtete die Laiendarsteller/Innen, die der örtliche Turnverein zur Aushilfe stellte, denn die wussten ja gar nichts von ihr, während der Sportlehrer mit Nebenfach Geographie sie in besseren Situationen gesehen hatte.

Das war in den 50erJahren.

Mit vielen Schülern hatten die Lehrer Mitleid, mit den Unbegabten mit den Unglücklichen, mit den Vater- und Mutterlosen, mit den Dicken und mit den Magersüchtigen. Nur nicht mit den Unsportlichen. Hier waren sie der Meinung: „Man muss nur wollen!“  und „wollte“ man nicht, bekam man halt eine Fünf. War man in den anderen Fächern schlecht,so wurde das meist mit Diskretion betrachtet. Man musste nicht vor allen Mitschülerinnen und noch schlimmer vor allen Mitschülern, auch vor denen aus fremden Klassen, ja vor der ganzen Schule sein Nicht-Können zeigen. Die Fünf in Englisch, Mathematik oder Französisch bekam man still, heimlich und leise. Wenn man sein Arbeitsheft nicht herumzeigte, erfuhr das niemand. Aber Bundesjugendspiele, das war wie Vorsingen im Stimmbruch. Dieser „Stimmbruch“ dauerte bei Elisabeth ein ganzes Schulleben. Die Vier in Sport war im Abiturszeugnis ein Schandfleck. Und dschlimmer noch sie war eine Gnadenvier.

Als sie beim 75 m Lauf wieder einmal als allerletzte mit Riesenabstand zu ihrer ganzen Reihe durchs Ziel hechelte, schwor sie Vergeltung. Irgendwann würde der Tag kommen, an dem würde sie etwas tun, was diese ganze Leistungsmessung in Frage stellen würde, etwas ganz subversives.

Was das ist, liest man in Bundesjugendspiele 2

P.S. Die online-Petition hat heute knapp 21 000 Unterschreiber/innen.

*„Jahn entnahm dem niederdeutschen das wort riege für die turnsprache ….es bezeichnet hier eine geordnete abtheilung, reihe von turnern, die zusammen turnen. auszerhalb der turnsprache hat das wort keine verbreitung gefunden.

Aus dem Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm

https://www.change.org/p/petition-bundesjugendspiele-abschaffen-manuelaschwesig


Wahrnehmung von S.Sommer

Wasser

Der Mensch, der laut‘ Geräusche hört,

ist dadurch recht schnell empört.

Und wenn er sich die Finger leckt,

weiß er, wie ein Finger schmeckt.

Ein Mensch, der plötzlich Trauer fühlt,

der ist seelisch aufgewühlt.

Und kann er viele Fische sehen,

wird er wohl im Wasser stehen.

Er muss auf allen Vieren kriechen,

will er an der Blume riechen.

Das Licht ist aus, er kann ertasten,

wie viel Bier, ist noch im Kasten?


Das Fest der Schweine

Vier Schweinegeschichten habe ich in meiner Erinnerung: Eine aus dem kriegsgebeutelten Europa (Deutschland ca.1920), zwei aus der Neuen Welt, dem verarmten Kuba, und eine vierte aus dem Indien der achtziger Jahre, als dieses Land das Traumland der Esoteriker aus aller Welt war. Armut und Mangel hat das gleiche Gesicht, ob schwarz, braun oder weiß.Deshalb gibt es viele Sprichwörter mit dem gleichen Sinn in verschiedenen Sprachen: Wie gewonnen so zerronnen, das war die erste Geschichte:

„lo que el agua trae el agua se lleva“ (was das Wasser bringt, nimmt es auch wieder mit)

„Wie gewonnen so zerronnen“

Die zweite Geschichte ist „Das Schwein in der Hängematte“, der Leser kann sich das passende Sprichwort selbst aussuchen. Passt „den Weg allen Fleisches gehen“, oder „wenn zwei sich streiten……….

Vielleicht sagen wir auch „easy come, easy go“, wohl weniger denn da hatte man gerade den Krieg gegen ‚England verloren…..

Mit der dritten Geschichte reisen wir wieder nach Kuba, die Überschrift ist ein sehr bekannter Satz aus einem amerikanischen Film, der den Namen einer nordafrikanischen Großstadt als Titel hat.

„Schau mir in die Augen“

Nummer vier stammt geographisch aus einer kleinen Stadt in Nordindien, zeitlich aus meiner „schönsten Zeit“, den achtziger Jahren und heißt

„Die Schweine feiern“

Ferkel 7In den achtziger Jahren gab es in alternativen Kreisen eine Liebhaberei, die hieß, möglichst weit mit möglichst wenig Geld  monate- oder gar jahrelang zu reisen.. Mein damaliger Partner reiste mit sehr wenig Geld mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Istanbul nach Delhi. Sein Gepäck war ein Rucksack und eine Isomatte, damit ging es über den Khaiberpass. Ich war zu Hause geblieben, ich konnte so lange keinen Urlaub nehmen, denn ich brauchte Geld für ein anständiges Bett und alles, was so dazu gehört. Im Urlaub habe ich ihn besucht, mit dem Flugzeug, was damals noch sündhaft teuer war, aber ich hatte mir ja das Geld mit viel Herzblut erarbeitet.

Es war klar und einfach, Frauen passen sich an, es gab von mir keine Widerrede, auch ich streckte meine müden Knochen auf dem Betonboden eines billigen Hotels aus, das Kopfkissen war der Rucksack, und eine Isomatte isoliert so gut, wie der Name  sagt. Es war die dritte oder vierte Nacht für mich zum ersten mal im außereuropäischen Ausland. Wir waren volksnah eingebettet in das Tun und Treiben dieser mir so fremden Gesellschaft. Mein Partner fühlte sich wie der berühmte Fisch im Wasser, ich kam mir eher vor wie in einem schmutzigen  Käfig. Es war gerade die Zeit des Holi-Festes, ein höchst turbulentes Frühjahrsfest. Für mich war das so ungewöhnlich, so erschreckend, wie in Deutschland die Fasnacht wohl für manche ausländischen Gäste sein dürfte….(https://de.wikipedia.org/wiki/Holi).

In Indien gab es keinen Alkohol, trotzdem waren die menschen laut und wild, man bewarf sich mit rotem Farbpulver und kreischte auf, wenn es einen traf.

Es war laut in dieser Stadt, 24 Stunden sehr laut. Es war Remmidemmi überall, dazwischen Schmutz und Tiere. Vor dem Eingang zu unserem Hotel ging ein schnaubender Stier auf und ab, über die Schwelle huschten die Mäuse. ich fiel von einem Schreck in den nächsten….

Weit nach Mitternacht kam ich endlich innerlich ein wenig zur Ruhe und schlief total übermüdet ein. Da fing es an zu tagen und auf der Straße fing ein unglaubliches schrilles Schreien an. Es erinnerte mich an die Tage in meiner Kindheit, als ich bei unserer Hausgehilfin auf dem Bauernhof hören musste, wie die Schweine kurz vor dem Tod aufschrieen.

Entsetzt weckte ich meinen Partner mit der Frage:“Was machen die mit den armen Schweinen?“ Er grunzte nur und drehte sich unwillig weg. Ich stellte die Frage zum zweiten Mal, er antwortete:

„Reg dich nicht auf, die Schweine, die feiern!“

„Die Schweine, die feiern“, wurde für uns zur stehenden Redensart, einmal stand sie für die völlige Falschinterpretation einer Situation, zum anderen beschreibt sie, wie sich die Europäer das Dritte-Welt Elend schön geguckt haben und es weiterhin tun.

Auf dieser Reise gab es natürlich auch sehr viel Schönes zu sehen; man muss aufpassen, dass man nicht nur die schreienden Schweine hört.


„Schau mir in die Augen“

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Das Schweineleben ist kurz, ich vermute, je reicher der Mensch ist, desto schlechter geht es dem Tier. In Kuba war ein Schwein z.B. sehr wertvoll, auch wenn die Haltung nicht unbedingt artgerecht war, man riskierte nicht den frühzeitigen Tod der Tiere.

Einmal war ich mit einer kubanischen Freundin Leute in Alt-Havanna besuchen. Ihre Amigos lebten in einer Wohnkaserne der 30er, 40er Jahre. Diese Häuser waren schon in den neunziger jahren unglaublich verkommen. Zwischendecken oder Zwischenwände waren nachträglich eingebaut, um mehr Wohnraum für die Familien zu schaffen. Trotzdem lebten die Menschen auf kleinstem Raum zusammen. Viele Häuser hatten einen Innenhof, der oft sehr notdürftig überdacht war, die einzelnen Wohnungen gingen auf die Galerie. Bei Regen floss das Wasser in Strömen die Innenwände hinunter, und in der tropischen Hitze dampfte die ganze Wohnung.

Rosario wollte sich dort mit einem Trommler treffen, um eine traditionelle Musikgruppe für ihr religiöses Fest zu organisieren.

Wir hatten natürlich ein kleines Tütchen Kaffee mitgebracht, Zucker gab es in jeder kubanischen Familie reichlich. „Leider“  für die Kubaner war es nur der braune Rohrzucker, der weiße war für den Export,

Wir saßen dichtgedrängt auf dem Sofa, während neben uns eine Wasserwand in die Tiefe stürzte. Es musste alles ausgehandelt werden: Datum, Uhrzeit, Bezahlung, Transport, Essen usw……

Als vom Essen die Rede war, begann mein Gedärme zu grummeln. Vorsichtshalber wollte ich auf die Toilette, der Gastgeber zierte sich, er wollte mich nicht so gern ins baño lassen. Ich musste aber und bestand darauf. Es ging eine Treppe hoch, ich machte die Tür auf und schaute einem großen schwarzen Schwein in die Augen, das friedlich in der Badewanne saß, es war frisch gewaschen und seine Haut glänzte.

Zur Begrüßung grunzte es freundlich, froh über die nette Abwechslung eine Ausländerin zu sehen.

Die Einladung zur Rumba a los muertos samt Schweinebraten habe ich abgeschlagen, essen kann ich nur Tiere, die ich vorher nicht kennen gelernt habe.

 

 

 

 

 


Kaffeeklatsch

Zum Wochenanfang oder zum Wochenende kommt hier ein kleines Gedicht von Stefan Sommer.

Ich habe auf dem Alzheimerblog einige gute Beiträge von ihm gelesen. Er arbeitet schon seit 8 Jahren mit demenzkranken Menschen. Die Schweizer sagen “ Menschen mit besonderen Eigenschaften“. Seine kleinen Geschichten sind berührend, seine Gedichte witzig.


Kaffeeklatsch

Noch ruht die Sahne in der Schale, friedlich.Sahne

auf einer Häkeldecke, niedlich.

Kuchen gibt’s gleich, den ich mag.

Das wird ein schöner Nachmittag.

 

Von der Sahne nehm‘ ich reichlich.

Das macht den Kuchen weichlich.

Doch, oh weh, das Hemd ist fleckig.

Von der Sahne völlig dreckig.

 

Guter Rat, ist teuer nun.

Ich frage mich: “Was ist zu tun?“

Ich gieße auch noch Kaffee drauf,

dann fällt die Sahne nicht so auf.


Das Schwein in der Hängematte

Meine Mutter war während des Ersten Weltkrieges ein Kind. Wenn wir gemütlich zusammensaßen in den alten fernsehlosen Zeiten, begann meine Mutter zu erzählen. Das konnte sie wirklich gut, und wenn man sie zu einem oder gar zwei Gläschen Kognak überredete, dann wurden die Geschichten sehr lustig. Hauptperson ihrer Erlebniserzählungen war ihr Vater, mein Großvater, der Patriarch der Familie, der Kaiser-Wilhelm-Verschnitt, der männliche Kämpfer für Ordnung und Werte, gegen Hunger und Not.

So auch nach dem verlorenen Krieg, als alles rationiert war, und der Schreinermeister gucken musste, wie er seine drei Buben, seine Tochter und auch seine Frau Luise satt machen konnte. Verbotenerweise hatte er sich von seiner ländlichen Verwandtschaft ein Ferkel besorgt, das lebte heimlich in einem Holzverhau in der Schreinerwerkstatt. Als Streu diente der Holzabfall und wenn das nicht reichte, musste einer der Söhne beim Bauern einen kleinen Ballen Stroh holen. Meine Mutter gab dem Schwein den Namen Yolanda. Hier hatte sich in ihrer Erinnerung eine Zeitverschiebung breit gemacht, denn der Name wurde erst im Dritten Reich zu einem Schweinenamen, und zwar nach dem beliebten Film „Krach um Jolanthe“.  In der Dämmerung wurde das Schwein täglich in den kleinen Stadtgarten am Haus geführt. Einer der Söhne hatte diese Aufgabe, während die beiden anderen die Werkstatt sauber machen mussten. Hedwig musste aufpassen. Alles geschah unter höchster Geheimhaltung, denn die Schweinehaltung  war verboten, es herrschte eine strikte Rationierung der Lebensmittel. Wenn nun das Schwein quiekte, dann schrien die Kinder laut dazwischen, denn keiner der Nachbarn  sollte etwas merken.

Fritz, Willi und Richard und s’Hedwigle hatten immer dumme Ideen im Kopf, gebändigt wurden sie nur von der Angst vor dem Vater. Dieser machte sonntags seinen Mittagsschlaf und der war im heilig.

Wer hat nicht alles die sonntägliche Stille um die Mittagszeit besungen, wörtlich und im übertragenen Sinne?Die drei Kinder sitzen auf einem Bretterstapel und hüten das Schwein. Sie unterhielten sich über dies und das, sie wussten, in einer Stunde war es mit der Ruhe vorbei, da ging es zum Spaziergang und der war immer groß, denn ihr Vater hatte immer etwas zu erledigen in einem der nahegelegenen Dörfer.


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Den Kindern war es langweilig, Richard schaukelte sanft in der aufgehängten Hängematte, Fritz musste ihn anstoßen, Willi, der Jüngste, musste warten. Für Hedwig gab es wie immer nur die Rolle der Zuschauerin, sie musste traditionell verzichten, von Gleichberechtigung war noch keine Rede. Yolanda graste friedlich neben der Hängematte

Da kam Hedwig eine geniale Idee: „Wie wär’s, wenn wir Yolanda in die Hängematte legen würden? Das ist bestimmt lustig, wir schaukeln sie richtig durch…“ Hier galt es schnell zu sein, blitzkriegmäßig das Schwein zu packen, den Überraschungseffekt auszunutzen und es, bevor es reagieren konnte, umzudrehen und in die Hängematte zu werfen. Gesagt, getan. Vater August und Mutter Luise waren vergessen, die Nachbarn auch. Fritz packte das Schwein am Hals, Willi an den Vorder- und Richard an den Hinterfüßen.

Yolanda schrie auf, die Kinder mit, sie ließen die fette Sau in die Matte fallen. Doch Yolanda wollte keinen Mittagsschlaf halten, sie wehrte sich mit ihren vier Klauen und die ganze Installation verwandelte sich in einen lebendigen Rollbraten. Mutter rannte herbei, gerufen vom verzweifelten Schreien des Weihnachtsbraten, Vater August auch, die Nachbarn auch. Vorbei war die Sonntagsruhe, vorbei die Geheimniskrämerei.

Die Nachbarschaft konnte von einer Anzeige abgehalten werden, weil man ihr einen Hinterschinken versprach. Die Hängematte musste zerschnitten werden.

Das Vergnügen war teuer: eine Hängematte, ein Hinterschinken und eine Tracht  Prügel für die Buben und für Hedwig eine ernste Ermahnung, denn sie schaute ihren Vater unschuldsvoll treuherzig an.

Manchmal war die mangelnde Emanzipation doch von Vorteil.

 


Wie gewonnen, so zerronnen

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1993  zu den schlimmsten Hungerzeiten der Spezialperiode, war ich für einige Wochen in Kuba. Es gab nichts, nichts, nichts ….auf dem legalen Markt. Trotzdem versuchte der Staat das normale Leben aufrecht zu erhalten, er nahm das Fehlen jeglicher Ware einfach nicht zur Kenntnis. Die Familie, bei der ich illegalerweise wohnte, wollte meine Anwesenheit ausnutzen, um die Tochter auf dem Land zu besuchen. Sie musste  wie alle „Intellektuellen“ die großen Ferien zur Hälfte im Ernteeinsatz verbringen. (Das galt für Schüler der Secundaria genauso wie für Universitätsangestellte oder Assistenten)  Dort wurden die jungen Leute auf den Tabakfeldern eingesetzt, denn das Tabak Pflücken ist eine langwierige Sache, die Ernte zieht sich über Wochen hin, weil man immer nur die oberen reifen Blätter abknipst. Die Eltern wussten genau, dass ihre Kinder kaum etwas zu essen bekamen, sie wollten ihrer Juanita einen kleinen Essensvorrat bringen und baten mich, die Fahrt dorthin zu bezahlen.

Es war sehr schwierig ein Auto zu besorgen, Benzin gab es eigentlich nur auf dem Schwarzmarkt zu einem Preis, der für einen Durchschnittskubaner unerschwinglich war. Es lief alles über Beziehungen und Netzwerke, von denen ich nicht die geringste Ahnung hatte, von denen ich  nichts wissen durfte, denn ich selber war ja auch nicht so recht legal. Mich hat das natürlich sehr interessiert, denn:

  1. Hätte ich mit dieser Fahrt einen sehr tiefen Einblick in die sozialistische Lebensweise, und  das nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Lagers und
  2. ich würde so ein wenig Landleben auf Kuba sehen, was sehr schwierig war, weil mit dem Verlust des sowjetischen Helfers und Unterstützers auch der öffentliche Verkehr sich in nichts aufgelöst hatte.

Die Familie fand also ein Auto mit Fahrer oder anders gesagt einen Fahrer mit Auto. Das war ein junger Arzt namens Roberto, das Auto gehörte seinen Eltern. Seine Mutter hatte es als Dozentin bekommen, denn die Autos wurden vom sozialistischen Staat nach Verdienst verteilt. Sie sagten immer: Das (Auto oder später Fahrrad hat mir Fidel geschenkt). Doch das Benzin fehlte. Aber auch das wurde aufgetrieben, nach ein paar Tagen, kam ein Mann mit einem großen Kanister und ließ sich das teuer bezahlen (von mir natürlich in Devisen). Die Mutter hat sich um Essen gekümmert, was auch nicht einfach war, irgendwann kam sie mit einem lebenden Huhn, das ängstlich aus der Tasche schaute, und das mit Recht, denn ihm wurde kurz darauf der Kopf abgehackt. Gebrüht, gerupft und ausgenommen, dann zerteilt und gebraten in dem von der anderen Nachbarin spendierten halben Tässchen Öl, gelöst war auch dieses Problem. Also konnte es losgehen, aber auch das war nicht ganz so einfach, am Stadtausgang von Havanna stand ja immer Polizei, die musste man geschickt umfahren. Das habe ich erst später erfahren, damals habe ich es nicht einmal gemerkt.

Gelernt habe ich auf jeden Fall das eine: es gibt immer eine Lösung!

Wir fuhren gemächlich in dem uralten Lada über leere Straßen in das Tabakgebiet. Ab und zu begegnete uns ein Fuhrwerk, Esel oder Maultier, einmal sogar ein Pferd. ‚Auf dem Randstreifen wurde der Reis getrocknet, manchmal sahen wir einen Bauern, der ihn verteilte oder neu aufschüttete. Von Vinales aus ging es auf einer ungeteerten Staße in die Pampa.

Dort kamen wir in das Arbeitslager der jungen Leute, es war  trostlos. Viele waren krank vom schlechten Wasser, andere hatten Allergien von den Tabakblättern, sie lebten auf, als sie die Besucher sahen, das waren aber wenige, weil es wegen des Boykott der USA kaum Benzin im Land gab. Ich verstand wenig, weil ich nicht so gut Spanisch sprach, ich wunderte mich nur, als unser Fahrer – ein junger Arzt – laute Gespräche mit ein paar Leuten führte. Ich hatte den Eindruck hier wird etwas ausgehandelt. So war es auch, zurück in Vinales gegen Abend auf der Heimfahrt trafen wir wieder diese Bauern, sie schleppten einen zugebundenen Sack an, in dem ein Tier sichtbar strampelte. Da hatte unser Fahrer also die zwanzig Dollar, die ich ihm für die Fahrt gab schon in etwas Fleischiges für die hungrigen Großstadtmenschen investiert. Er band den Sack auf und zeigte uns ein nervöses, quiekendes Ferkel, das strampelte und sich mit allen Kräften wehrte. Er wollte es wieder in den Sack stopfen und in den Kofferraum werfen, da schrie mein Herz auf: NO, que no! So ein süßes Tierchen kann man doch nicht…. aber das werden wir schon noch sehen.

Ich bezahlte, ich durfte bestimmen und ich entschloss mich, das süße Ferkelchen auf den Schoß zu nehmen. Also saß ich auf dem Rücksitz im Lada mit Schwein auf dem Schoß. Dieses diabolische Tier wollte aber nichts von meiner Fürsorge und Aufmerksamkeit wissen, es kämpfte weiter. Es wollte nicht in die Hauptstadt, es wollte einfach weiter am Straßenrand oder in seinem dunklen Koben bleiben. Es war kein schnuckeliges Glücksferkelchen, es war ein pissendes stinkendes Tier, das zubiss und sich wand und drehte. Meine Mitfahrer lachten und ließen mich kämpfen. Ich gab bald meinen Kampf auf, ich hatte verloren. Roberto hielt an und befreite mich, packte das Schwein und warf es in den Kofferraum.  Nach ein paar Kilometern gab das Schweinchen das verzweifelte Schreien auf, ich nahm an, es schlief vom Geschaukel beruhigt ein. Roberto nahm es mit nach Hause, wo es gemästet werden sollte, was man sich bei dem Nahrungsmittelmangel, der damals in ganz Havanna herrschte, nicht so richtig vorstellen konnte. Roberto war glücklich, er und seine Familie freuten sich schon auf das gegrillte Schwein, sie wollten es in einer Erdmulde im Garten rösten und uns alle dazu einladen. Die Vorfreude dauerte nicht lange, genau genommen nur ein paar Tage. Roberto bekam von einem Kratzer, den er im Schweinekampf erlitten hatte, eine Wundinfektion und wäre fast daran gestorben. Es gab wegen des Boykotts der Amerikaner kaum Antibiotika in der Stadt. Er musste auf dem Schwarzmarkt das Ferkel gegen eine Packung Penicillin eintauschen.

Zurück blieb nur eine Narbe am Finger.


Besuch bei der Patentante

Boa 1

Heute am Pfingstmontag wollen mein Mann und ich unsere liebe Tante Margarete im Altersheim besuchen. Wie viele andere Menschen auch, haben wir den Besuch immer wieder verschoben (wer geht schon gern ins Altersheim). Heute am zweiten Feiertag finden wir gleich einen Parkplatz, der Hauptbesuchstag ist nämlich der Sonntag. Ums Haus herum ist es still und fast ruhig, auf der Terrasse sitzen einige alten Damen auf ihre Rollatoren gestützt. Von Ferne hört man immer wieder jemanden laut „Hallo“ rufen. Friedvoll und recht still ist es im Eingangsbereich, im großen Außenaschenbecher kokelt noch eine Zigarette, wahrscheinlich ist sie von einem schnellen Pflicht-Besucher. Menschenleer sind auch die Gänge.

Im Haus gibt es drei Etagen, die sinnigerweise nach drei deutschen Dichtern benannt sind:

Goethe – Schiller – Hebel, jede Station hat einen Sinnspruch von ihrem Namensgeber groß über dem Eingang stehen, so dass man den Spruch sofort lesen kann, wenn sich die Lifttür öffnet.

1.Stock: Station „Johann Wolfgang von Goethe“:

„Wenn man älter wird, muss man mit Bewusstsein auf einer gewissen Stufe stehen bleiben.“

Da wohnt Tante Margarete, der Lift hält an, wir blicken in einen ruhigen weißen Gang, kein Mensch zu sehen. Besser hätte „Über allen Wipfeln ist Ruh“ gepasst. Bevor wir aussteigen können, saust der Lift los, er hält sich nicht an die Aufforderung unseres klassischen Dichters und öffnet bei auf dem zweiten Stock: Station „Friedrich von Schiller“ .

„Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, und würd‘ er in Ketten geboren,“

können wir lesen, auch hier gähnende Stille, nichts los, der Gang atmet Langeweile. Wir sind die Knechte des Lifts, er macht mit uns, was er will. Die Türen schließen sich und unsere Fahrt ins Paradies geht weiter.

Im dritten Stock ist die Dementen-Station, die Tür geht auf, hier trennt ein kleines kniehohes Gitterchen den Lift von der Station „Johann Peter Hebel“.

Was sehen wir? Uns verschlägt es die Sprache, total und ganz. Hier ist Stimmung und zwar eine gute Stimmung. Hallo, galli, laute Klaviermusik! Alle singen zusammen deutsche Volkslieder und Schlager „Freut euch des Lebens“, „Schön ist die JUUUUHUGEND“…. „Ich wollt ich wär ein Huhn…. Schwester Swetlana sitzt am Klavier Frau Müller und Frau Meier stehen wie zwei gefeierte   Sopranistinnen an ihrer Seite und sind glücklich.

Der Pfleger strahlt uns an und sagt: „So ist es natürlich nicht immer!“

Und der Dichter, was sagt der?

Herzensfrieden,

Woll‘  ihn Gott uns allen geben!

O dann ist die Erde schön.

In den Gründen, auf den Höhn

Wacht und singt ein frohes Leben.

Johann Peter Hebel

Aus dem „Sommerlied“ von 1807, zitiert nach meiner alten abgelesenen und zerblätterten Ausgabe des „Schatzkästlein und andere poetische Werke“. Es ist die sechste Strophe.