Die Hobby-Schneiderin *1923

Die Hobby-Schneiderin

Also beim „großen Adolf“ war ja alles geregelt. Man hat in unserer Jugend alles bestimmt. Alle Volksschulabgänger mussten vor der Berufsausbildung ein Pflichtjahr machen. Die Mütter sollten Unterstützung bekommen und entlastet werden.

Ich war 15 und hatte eine schwere Krankheit, deshalb kam ich wegen der guten Luft nach St.Georgen im Schwarzwald, wo wir Verwandte hatten; mein Großvater war dort Holzschnitzer. Da ich nun bei meiner Tante „Rösle“ (sie war meine Gotte, das ist im Alemannischen die Patentante) wohnen konnte,  habe ich mir dort eine gute Stelle gesucht als Pflichtjahrmädchen. Ich kam  zu Fabrikantenleuten, sie waren reich und wohl situiert. Wie ich auf der Fortbildungsschule im Vergleich mit den anderen Pflichtschulmädchen aber auch erfahren habe, waren sie eigentlich geizig. Andere wurden verwöhnt, ich nicht.

Aber sie waren recht und ich habe viel gelernt, denn die Hausmutter war eine gute Hausfrau. Trotzdem haben sie mich immer spüren lassen, dass ich nicht von reichen Eltern war.

1939 ging es wieder zurück zu meinen Eltern, die in Wolfenweiler bei Freiburg wohnten, und konnte meine Lehre in Bad Krozingen bei der Firma Bleile machen. Diese Firma gibt es heute noch, aber als Sportgeschäft. Ich fuhr also zwei Stationen mit der Bahn jeden Tag hin und zurück. Das war gut, weil mein Vater bei der Bahn beschäftigt war.

Als ich mit der Lehre fertig war, musste ich sofort zum Arbeitsdienst, wir kamen in ein Lager nach Aglasterhausen, das ist im Odenwald.

Im Arbeitsdienst wohnten wir im Lager in Baracken, dort haben wir auch zu Abend gegessen.

Unsere Unterführerin war eine Schwäbin, wir haben wunderschön gesungen und auch Theater gemacht.

Ich habe nur eine Schwester, als ältere war sie schon bei der Luftwaffe. Mein Vater wollte das nicht fur mich, deshalb hat er sich dafür eingesetzt,  dass ich nach Freiburg auf den Bahnhof kam. Dort habe ich die Züge abfahren lassen mit der roten Mütze und dem Täfelchen.

In dieser Zeit  bekam ich eine schwere Diphterie, da verlor ich alle Haare, die Ärzte sagten, das sei ein Medikamentenfehler gewesen.

Da stand ich nun am Freiburger Bahnhof ohne Haare, aber mit der roten Mütze des Dienstleiters und langen Hosen wie ein Mann. Ein kleiner Junge sagte einmal laut:” Sag  mal Mama, ist das ein Mann oder eine Frau?” Alle anderen Mädchen hatten als Frisur eine “Olympiarolle”, das war damals die beliebteste Langhaarfrisur. Man schlug die Haare zu einer Rolle ein, das sieht sehr elegant. Dort an der Arbeitsstelle hatten wir einen netten Elsäßer, der auch dienstverpflichtet war, der sagte von mir: ”So a scheens Mädele und keine Grusele!”

1944 im November war der große Angriff auf Freiburg, da wurden wir Mädchen alle umgesetzt, ich musste z.B. in einem Stellwerk Züge an und –abmelden, das geschah mit Morsezeichen. Tagsüber sind ja keine Züge mehr gefahren, weil da immer die Jabos kamen (das müssten die Jagdbomber sein, sie sagt aber “Japos”)

Wir waren froh, dass der Krieg zu Ende war. Im November 1946 habe ich dann meinen Mann kennengelernt; im Café  Unmüßig in  Hinterzarten, da begann das Schicksal unserer eigenen Familie.

Es war so:  Ich kam von Bärental, wo ich für eine kleines Büblein Kleider genäht hatte, denn dafür bekamen wir Lebensmittel. Die Ravennabrücke war ja gesprengt (und zwar kurz vor dem Ende des Krieges von deutschen Pionieren), also musste man zu Fuß auf die andere Seite und dann immer bis zur nächsten Zugverbindung warten. Das war am 5. März 1946 es lag noch Schnee und war sehr kalt.

Mein zukünftiger Mann hatte eine Buchändlerin in Hinterzarten besucht und war auf dem Rückweg. Auch er musste warten und saß also wie ich im Café. Ich sah ihn mit einem anderen jungen Mann am Tisch sitzen. Das war Liebe auf den ersten Blick, ich habe den Mann angeschaut und war schon hinüber.

Man hat sich halt unterhalten, er hatte ein Büchlein von der Buchhändlerin geschenkt bekommen, Jens Peter Jakobsen: “Mogens”, die Geschichte eines Mannes,  und das hat er mir geliehen. Das war der Anfang unserer Verbindung. Er ist mit seinem Kameraden zu einem Leutnant nach Freiburg, da hat er gesagt, ich könnte doch mitkommen, und da bin ich mitgegangen.

Und da war ja noch das Buch ……

Man sollte ja das Büchlein irgendwann wieder zuruckgeben, so war die Verbindung geschaffen und sie dauerte 45 Jahre.

Das Positive an der Gevita: Man trifft Menschen, die ähnliches erlebt haben……

Scherenschnitt

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