Derrick

Mein Computer hat noch die Bilder und die Daten, mein Computer ist besser als mein Gedächtnis. Aufgenommen habe ich das Bild am 11.Dezember 2004, als ich ein kleines Theaterprojekt in einer großen Flüchtlingsunterkunft fotografisch begleitete. Im Zusammenspiel mit deutschen Jugendlichen entstand ein Stück über die verschiedenen Lebenswirklichkeiten.

Die Deutschen kamen aus verschiedenen Schulen, die jungen Afrikaner aus verschiedenen Ländern. Alle waren – wie man damals offiziell sagte – UMF’s. Das sind unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, d.h. Kinder oder Jugendliche, die ohne Eltern hier in Deutschland ankamen. Niemand wusste, ob ihre Angaben stimmten oder nicht, aber das zu klären war auch nicht unsere Aufgabe. Wir waren Laien im Ausländerrecht, Laien im Umgang mit traumatisierten Persönlichkeiten, aber voll guter Zuversicht und gläubigem Unverständnis.

Die jungen Männer kamen zu den Treffen, sie entflohen ihren schrecklichen Unterkünften, wo sie in winzigen Zellen in dem ehemaligen Kasernengelände schon eine relativ lange Zeit eingesperrt waren. Alle wünschten sich eine deutsche Freundin, sie hofften mit einer Heirat eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen.

Da war Charles aus Nigeria, ein ruhiger junger Mann, der sehr gut zeichnen konnte. Es gab einen John aus Ghana, der uns immer anbettelte, er wollte sich ein Bier kaufen. Anthony strahlte immer, er lachte die Schwierigkeiten weg. Und Derrick, ja Derrick. Ein sanfter junger Mann, der sich oft am Bahnhof herumtrieb. Er rührte mich besonders. Seine Mutter hatte ihn wohl nach dem Oberspießer Derrick, dem bekanntesten deutschen Kriminalkommissar der 70er Jahre,  benannt. Diese Serie wurde auch nach Afrika exportiert. Ich kann es selbst bezeugen, denn ich habe sie gesehen im Norden Malis, in einer Hütte. Ein geschäftstüchtiger Mann hatte einen Videorekorder aufgebaut, da lief auf Französisch eine Folge „Derrick“, das ganze Equipement war an eine Autobatterie angeschlossen. Davor stand eine wackelige Holzbank, ein Plastikstuhl und ein traditioneller Holzhocker, zehn Plätze, drei Zuschauer. Der Eintritt war für uns billig, für die Dorfbewohner war er sehr teuer: ein Tagesverdienst. Der Film zeigte das traumhafte Leben in der reichen Welt, deshalb  hatte das arme Muttchen ihrem kleinen Jungen im Krieg den Namen Derrick gegeben in der Hoffnung, damit das luxuriöse Leben einzufangen.

Nun saß Derrick in der Turnhalle und sollte Theater spielen. Er hockte auf dem Fensterbrett, schaute depressiv auf die Djembé, eine echte afrikanische Trommel, die ein Mitarbeiter als Souvenir aus dem Senegal mitgebracht hatte. Man hatte sie ihm in die Hand gedrückt, obwohl er gar nicht trommeln konnte, wahrscheinlich hatte er ganz andere Gerätschaften in der Hand gehabt. Er rührte auf dem Fell und wiederholte einen merkwürdigen Singsang ganz leise, dabei wischte er sich die tränenlosen Augen: “Immer weinen, immer weinen!“

Nach und nach verschwanden sie alle, sie wurden verlegt, man hörte etwas, eine Vermutung oder ein Gerücht. Die Unterkunft wurde irgendwann aufgelöst, alles fing wieder von vorn an.

Ich weiß nicht, was aus Derrick geworden ist.

Zum 12.Februar: https://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Tag_gegen_den_Einsatz_von_Kindersoldaten

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