*18.9.1910 †8.4.2013 „Ich werde wohl nicht mehr lange leben“, sagte sie am 11.9.2012

Mundry 1

 

Ihre Tochter gab mir einen Piccolo mit den Worten: “Den bringen Sie mit, gut gekühlt, da freut Sie sich, geben Sie ihr aber nur so viel!“ Ihre Finger zeigte etwa 4 cm. „Leider ist sie fast taub, Sie müssen schon sehr schreien!“ Das habe ich dann auch gemacht und wir haben beim Erzählen ein Schlückchen gut gekühlten Sekt getrunken. Nach dem ersten Prost erzählt sie: „Ich bin so ein altes Faktotum, jetzt ist bald mein Geburtstag, 102 Jahre, da kommen alle, auch die aus Göttingen, das gibt ein großes Fest, kommen Sie ruhig auch. An meinem Hundertsten waren auch alle da, auch die von ganz oben, auch der Chef. Nun werde ich ja nicht mehr lange leben. Mein Mann ist mit 92 gestorbe
n, er war a Krippel vom Krieg (manchmal kommt der schlesische Dialekt durch). Er hat ein Bein im Krieg  verloren. Hab ich gesagt, bist doch kein Krüppel, hast so eine schöne Prothese. Ich
hab so einen großen, schönen Mann gehabt und er ist auch so gut gelaufen, er hat ja so eine schöne Prothese gehabt; die war nicht billig. Manche haben mich richtig beneidet. Der Vater hat ein schönes Grundstück gehabt, es war an der Oder gelegen und da war auch ein so schönes Haus mit zwei Vierzimmerwohnungen. Ich bin in Breslau in die Schule gegangen. In der Oder habe ich schwimmen gelernt, ich war auch im Paddelverein und in der freien Turnerschaft. Die Oder war ja 50 Meter breit, was bin ich dort geschwommen! Ich hatte ja eine scheene Jugend.
Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei,
auf einen September folgt wieder ein Mai…..”
 
(Sie trinkt ein kleines Schlückchen.)
“Das trinkt man ja nicht oft…..
Dann der Krieg. Die Männer müssen ja immer Krieg machen.
Ich habe nur eine Tochter, die ist jetzt 72.
Es war ja Krieg, woher sollen da die Kinder kommen?
Eines Tages hieß es: weg! Und dann waren wir 30 Jahre in Göttingen. Das war auch eine schöne Stadt. 30 000 Studenten. Man hat sich immer wieder gefügt und es ist immer wieder gegangen. Aber am schönsten war es doch in Breslau. Der Pole war ja auch ein armes Luder und schuld waren die Amerikaner, die wussten gar nichts von uns.Mei
ne Tochter ist gut versorgt, die reist viel. Die war auch schon zweimal drüben. Sie war im Haus drin bei dem Polen, das war ihm richtig peinlich, aber so ist es halt.
Es ist alles vorbei, wenn man sich das so überlegt, es ist doch so, wenn man etwas gelernt hat, man verlernt nichts, und mein Mann war Bautechniker und hat viel selber gemacht, deshalb hatten wir auch in Göttingen ein schönes Haus und man hat sich mit allem abgefunden.
Hier ist es gut, ich brauche ja nur ein Zimmer und das ist schön. Wir verstehn uns alle sehr gut, da ist eine, die hat so a kleins Jungele, das kommt immer, das freut mich und er kriegt immer was ‘Sießes’.
Am 18.9. werde ich 102, da kommt auch mein Neffe, der hat ein Auto so groß wie die Stube hier und sooo einen kleinen Hund vielleicht einen Pekinesen.
Da wird bestimmt gefeiert. Der Chef kommt auch …

Mundry 4

und so war es dann auch.

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