*1929 „Da hieß es: Hands up, hands up!“

Kolbe, der KindersoldatIch war im SS-Panzer-Jagdkommando, so nannte sich die Einheit oder Sofort-Einsatz, ich war ja erst 15, also eigentlich noch ein Kind.
Man hat uns alle eingezogen, es gab keine Alternative, von der Hitlerjugend ging es direkt an die Front. Das war im März 1945.
Wir haben in Clausthal-Zellerfeld gewohnt. Ich habe einen Brief gekriegt und wurde aufgefordert, mich zu melden. Wir bekamen zwei Panzerfäuste und mussten mit dem eigenen Fahrrad los. Die Panzerfäuste waren links und rechts an dem Fahrrad angebunden, und so ging’s dorthin, wo man erwartet hat, dass die Amis kommen.
Wir hatten einen SS-Führer, der war relativ vernünftig und hat uns, als die Front näher kam, einige Kilometer zurückgezogen und dort neu Stellung beziehen lassen.
Dann hat er gesagt: “Die von Clausthal sind, Waffen weg und heim!” Dann sind wir mit dem Fahrad nach Hause, die von Clausthal sind auch heimgekommen, wir von Zellerfeld sind aber von den Amerikanern kassiert worden, da hieß es: “Hands up!”
Für mich hat das bedeutet: insgesamt anderthalb Monate Kriegsgefangenschaft. Man hat uns mit einem LKW nach Andernach am Rhein gebracht.
Wir waren auf einer mit Stacheldraht eingezäunten Wiese; wir hatten Decken in unseren Tornistern und Gott sei Dank hat es nicht geregnet in dieser Zeit. Wir haben das so gemacht: zu zweit eine Decke unten und eine oben.Morgens, mittags und abends gab’s kleine Dosen mit Getränken und amerikanische Notrationen, (ein Tütchen Kaffee, zwei Scheiben Kommisbrot, ein kleines Stück Butter, reingepresst zwischen zwei Alufolien, Marmelade und das alles in Miniportiönchen).
Wir haben den ganzen Tag nichts gemacht, wir saßen einfach nur auf dieser Wiese herum, die Offiziere hatten eine Extraabteilung.
Nach drei Wochen kamen wir als Zivilentlassene in ein Auffanglager, weil wir noch nicht 16 waren, denn da galt für uns die Haager Landkriegsordnung.
Dann wurde das Lager aufgelöst, wir durften aber nicht über den Rhein.
Wir haben dann bei einem Bauern gearbeitet, das haben wir selbst organisiert: Wir haben den Bauern gesehen, der hat uns gefragt, ob wir ihm helfen könnten. Ihm war nämlich der Franzose weggelaufen.
Das war für mich eine ungewohnte Tätigkeit, als Oberschüler musste ich mit dem Pferd zum Hufschmied gehen. Feldarbeit haben wir auch gemacht.
Dann hiess es, wir dürfen über den Rhein wieder zurück nach Andernach, dann mit dem LKW über die reparierte Brücke. Da hat der LKW angehalten, und es hieß: “Get out, get out!”
Zuerst besorgten wir uns einen Passierschein, das brauchte man damals, um von einem Teil Deutschlands in den anderen zu kommen. Wir mussten unterwegs betteln, ich habe zum ersten Mal Runkelrüben roh gegessen.Wir hatten nichts, rein gar nichts, kein Kochgeschirr, kein Feuerzeug, kein Garnix.
Da habe ich zum ersten, aber auch zum letzten Mal Runkelrüben vom Feld geholt und roh gegessen.
Angst? Ich hatte keine Angst wir mussten ja schon zwei Jahre vorher nach Hildesheim, um nach den Bombenangriffen aufzuräumen. Da habe ich schon mit 13 Jahren viele Leichen gesehen.
In elf Tagen sind wir ca. 450 Kilometer gelaufen, immer von morgens bis abends. Das ist halt so gegangen, um 8 war nämlich Sperrstunde, das heißt, dann musste man irgendwo drinnen sein, sonst hätte man ohne Anruf erschossen werden können. Morgens um 6 durfte man dann wieder raus auf die Straße.

Wir sind im Juni kurz vor meinem Geburtstag wieder zu Hause angekommen.

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