Bundesjugendspiele 2

Bundesjugendspiele 3Ergoogelt man sich das Wort „Bundesjugendspiele“ findet man bei der Bildersuche Tausende von Fotos, sie sind ein Abbild  der schulischen Leistungsbemessung in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts. Die Bilder ähneln sich alle, seien es die Bundesjugendspiele 1972 oder die Bundesjugendspiele 1994. Viele Jungen und Mädchen in Sporthosen, aufgestellt in Reihen, Ränge und Riegen*, Läufe und Aschenbahnen, Sandgruben und Messlatten.

 

Frau Edeltraud B. war nun gestandene Französischlehrerin. Und wieder kamen die Bundesjugendspiele und wieder wurde sie zwangsverpflichtet. Dieses Mal war sie im Organisationsteam. Die ganze Schule machte an einem Tag das Pflichtprogramm „Lauf, Wurf und Weitsprung“ für die Kleinen, für die Größeren gab es dann noch Hochsprung. Auch die Urkunden waren geblieben: Sieger und Ehrenurkunde für die Durchschnittsschüler/innen. Für die ganz Unbeweglichen, Dicken und/oder Tollpatschigen gab es die Bescheinigung „teilgenommen“ und gerade noch eine Vier im Zeugnis (oh, wie peinlich).

Frau Oberstudienrätin wurde zur Sprunggrube abgeordnet, der Kollege Sportlehrer machte das mit großem Vergnügen, hier hatte einmal er das Sagen. Oft genug hatte er machtlos zusehen müssen, wie seine besten Schüler wegen „diesem verdammten Franz-Unterricht“ sitzenblieben. Da stand sie also mit dem Maßband in der Hand und musste das an die Spur im Sand anlegen, von dem Sandloch bis zu dem hölzernen Absprungbrett, das optisch noch mit einem Kreidestrich markiert war. Und jetzt kam der Moment: Ihre beste Schülerin Marina aus der 9b sprang, nein, hüpfte linkisch in die Grube. Frau Elisabeth nahm das Maßband und rollte es ab und versteckte dabei 30 cm in der Hand, so wurde aus dem mangelhaften Ergebnis ein glänzendes. Die Schülerin, die aufschreiben musste, wunderte sich, traute sich aber nicht, etwas zu sagen. Marina war überwältigt.

Der Sportlehrer sagte, es geschehen noch Zeichen und Wunder, wagte aber nicht das Ergebnis der Messung anzuzweifeln.

Marina bekam das erste und einzige Mal in ihrem Leben eine Siegerurkunde, und Frau Edeltraud B. fälschte von diesem Tag an jedes Mal die Messungen, bis die Sportkollegen misstrauisch wurden und ihre Hilfe bei den Bundesjugendspielen ablehnten.

Sie konnte nun an diesem Tag gemütlich die Bibliothek aufräumen.

P.S. Die online-Petition hat heute knapp 21 000 Unterschreiber/innen.

https://www.change.org/p/petition-bundesjugendspiele-abschaffen-manuelaschwesig

*„Jahn entnahm dem niederdeutschen das wort riege für die turnsprache ….es bezeichnet hier eine geordnete abtheilung, reihe von turnern, die zusammen turnen. auszerhalb der turnsprache hat das wort keine verbreitung gefunden.

Aus dem Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm

Massband2

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3 Gedanken zu “Bundesjugendspiele 2

  1. Rudi

    Die Französischlehrerin Edeltraud B. kannte ich anscheinend. 🙂 Oder sie ist eine häufig anzutreffende Erscheinung.
    Bei allem Schlechten, was sie über den Sport erfahren hatte und darüber berichtet hat, war der Sportunterricht bei ihr trotzdem nicht Hopfen und Malz verloren. Schließlich war sie für ihr Leben doch fit genug, um auf Schi-Landschulheimen Schigruppen sehr erfolgreich betreuen zu können.
    Sie hat wohl recht, dass die Bundesjugendspiele oft zu hoch gehängt werden. Wenn es die Schule schafft, dass irgendein Sport ein Leben lang getrieben wird, ist ein sehr wichtiges Ziel erreicht.
    In unserer Zeit, eigentlich zu allen Zeiten, wird gerne übersehen woher das Wort Sport kommt und was es eigentlich heißt: disportare = sich zerstreuen.
    In diesem Sinn: Selber Sport treiben, der einem auch Spass macht!

    1. Waltraud Becker Artikel Autor

      Lieber Rudi, da täuschen Sie sich ganz gewaltig. Frau Edeltraud B. hatte an den Wintersporttagen immer ihren „jour de migraine“. Sie nahm ein winzigkleines Schlückchen Grand marnier und nach Verschwinden der „grands douleurs“ widmete sie sich dem Guten und Schönen.

  2. Rudi

    Hm, ich hab in Erinnerung, dass die Edeltraut, die ich meine, mindestens einmal mit mir im Walsertal war und mir sogar half, vorher den Schülern die Schier anzupassen, was schwer war, da ich nie da war, wie sie damals `mal meinte.
    Wenn es nach 1987 war, müsste davon noch ein Film da sein. Da sie selber gerne Filme schnitt, kann er sogar bei ihr sein, vielleicht habe ich aber eine Kopie oder das Original. (Ich habe noch nicht alles digitalisiert).
    Anscheinend gibt es den Typ Lehrerin E.B. doch überall. 🙂

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