Bundesjugendspiele 1

Vor etwa zwei Monaten pünktlich zum Schuljahresende wurde von einer betroffenen Mutter eine Online-Petition zur Abschaffung der Bundesjugendspiele gestartet.

Frankfurter Neue Presse“ am 2.07.2015:

„Nur wenig Rückenwind für Abschaffung der Bundesjugendspiele

Mit ihrem Netz-Protest gegen die Bundesjugendspiele sticht die Mutter eines Neunjährigen in ein Wespennest. Für die Online-Petition gibt es einige Zustimmung, aber auch viel Häme. Eine Umfrage belegt nun: Die meisten Bürger sind gegen eine Abschaffung dieser Schulwettbewerbe.

Der seit voriger Woche im Internet hochkochende Ärger über die Bundesjugendspiele wird nach einer Umfrage von der Mehrheit der Bevölkerung nicht oder kaum geteilt. “

Heftig, aber kurz war die Diskussion. 65 Jahre alt sind die Spiele dieses Jahr geworden und sie werden weiterleben, wahrscheinlich lebendiger denn je in unserer sportverliebten Welt.

Frau Edeltraud B., die ehemalige Lehrerin mit Makuladegeneration,  hat diese Nachricht auch gelesen und denkt darüber nach…..Ihr werden heute noch im hohen Alter die Hände feucht, wenn sie an diesen sportlichen Wettkampf denkt.

Sie hat ja dieses Ereignis von zwei Seiten gesehen: einmal als Schülerin und später dann als Lehrerin.

Ihre Gedanken flogen den Zeitstrahl zurück, zurück in die dumpf-stumpfen, sprachlosen 50er-60er Jahre. Sie sah sich als kleines Zopfmädchen mit dunkelblauen Pumphosen auf der Aschenbahn, die 50 m lagen wie eine Abschussbahn vor ihr, neben ihr steht die alte Lehrerin im Sommerkostümchen, die zum Start laut in die Hände klatscht. Das Oberschulamt hatte diese ältliche Dame mangels Sportlehrerinnen zur „Schußabgabe“ an denStart des 50m-Laufs abgeordnet. Edeltraud war immer schon kurz nach dem Start die letzte, das blieb so bis zum Abitur. Immer gleich war der Ablauf. Jahr für Jahr wurden die körperlichen Kräfte und die Geschicklichkeit der Schüler und Schülerinnen gemessen. Edeltraud hatte keine, weder beim Lauf noch beim Wurf, nicht beim Weit- und schon gar nicht beim Hochsprung.

Schrecklich waren für Sie diese schweißdurchtränkten stinkigen Umkleidekabinen; bei der Aufstellung der Riege*  wollte sie vor Scham im Boden versinken. Wochen vorher hatte sie sich bei der ersten Ankündigung der Bundesjugendspiele eine Krankheit herbeigewünscht, einen Unfall, wenigstens einen verstauchten Knöchel. Aber gab kein Entrinnen, ihr Schutzengel war ein sportlicher Engel, er ließ im Sommer vor den vermaledeiten Spielen keinen Unfall passieren. Er war genauso unerbittlich wie die Sportlehrer im Ablauf der einzelnen Disziplinen,

Die Freundin warf unendlich weit mit starkem männlichen Schwung, Edeltrauds eigener Ball fluppte kaum über ihre Füße hinaus und wenn er ein bisschen weiter flog, dann machte er am Schluss einen Schlenker, sodass er aus dem mit Kreide gezeichneten gültigen Feld flog. Ihr Wurfball hatte nie Rückenwind. Sie kämpfte sich durch alle Disziplinen, ließ gern den anderen den Vortritt, am liebsten hätte sie sich unsichtbar gemacht.

Sie hasste die Sportlehrer, sie hasste die sportlichen Mitschülerinnen und fürchtete die Laiendarsteller/Innen, die der örtliche Turnverein zur Aushilfe stellte, denn die wussten ja gar nichts von ihr, während der Sportlehrer mit Nebenfach Geographie sie in besseren Situationen gesehen hatte.

Das war in den 50erJahren.

Mit vielen Schülern hatten die Lehrer Mitleid, mit den Unbegabten mit den Unglücklichen, mit den Vater- und Mutterlosen, mit den Dicken und mit den Magersüchtigen. Nur nicht mit den Unsportlichen. Hier waren sie der Meinung: „Man muss nur wollen!“  und „wollte“ man nicht, bekam man halt eine Fünf. War man in den anderen Fächern schlecht,so wurde das meist mit Diskretion betrachtet. Man musste nicht vor allen Mitschülerinnen und noch schlimmer vor allen Mitschülern, auch vor denen aus fremden Klassen, ja vor der ganzen Schule sein Nicht-Können zeigen. Die Fünf in Englisch, Mathematik oder Französisch bekam man still, heimlich und leise. Wenn man sein Arbeitsheft nicht herumzeigte, erfuhr das niemand. Aber Bundesjugendspiele, das war wie Vorsingen im Stimmbruch. Dieser „Stimmbruch“ dauerte bei Elisabeth ein ganzes Schulleben. Die Vier in Sport war im Abiturszeugnis ein Schandfleck. Und dschlimmer noch sie war eine Gnadenvier.

Als sie beim 75 m Lauf wieder einmal als allerletzte mit Riesenabstand zu ihrer ganzen Reihe durchs Ziel hechelte, schwor sie Vergeltung. Irgendwann würde der Tag kommen, an dem würde sie etwas tun, was diese ganze Leistungsmessung in Frage stellen würde, etwas ganz subversives.

Was das ist, liest man in Bundesjugendspiele 2

P.S. Die online-Petition hat heute knapp 21 000 Unterschreiber/innen.

*„Jahn entnahm dem niederdeutschen das wort riege für die turnsprache ….es bezeichnet hier eine geordnete abtheilung, reihe von turnern, die zusammen turnen. auszerhalb der turnsprache hat das wort keine verbreitung gefunden.

Aus dem Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm

https://www.change.org/p/petition-bundesjugendspiele-abschaffen-manuelaschwesig

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