Das gestopfte Handtuch

Blauzwiebel2Vor 5 Jahren ist meine Freundin Barbara gestorben. Sie war die Inkarnation der großbürgerlichen Werte und Weltanschauungen, da trennten sich manchmal unsere Wege. Barbara bewahrte die Contenance auch in misslichen Lebenslagen. Sie wusste immer genau, was sich gehörte und tat es auch, egal wie schwer es ihr fiel. In allem eine klare Linie. Auf alles wusste sie eine Antwort und gab bereitwillig ihre guten Ratschläge, was nicht immer allen Mitmenschen gefiel.

Mit 8 Jahren hatte Barbara das Kriegsende erlebt, mit 15 Jahren die Flucht aus der „Zone“. Sie hatte Narben am Hals, nie sprach sie davon, kein Wort von der Vergangenheit.

Alles war fast wie vorher, nehme ich an. Ihre Eltern hatten gekämpft und gearbeitet und auch verdient. Manches kam auf dunklen verschlungenen Wegen aus der „Ostzone“, wie man damals sagte. Im Schrank stand wieder das Blauzwiebel von Meißen, am Frühstückstisch die Thonet-Stühle, und Barbara korrigierte ihre Aufsätze an einem riesigen Empire-Schreibtisch, der Napoleon zur Ehre gereicht hätte.

Einmal sah ich auf der Toilette ein grauslich gestopftes Handtuch. „Barbara, das ist ja peinlich, schmeiß das Handtuch weg!“

Sie antwortete:“Nein Traudelchen, das bleibt, wir müssen doch wissen, woher wir kommen…..“

Nämlich aus den Flüchtlingslagern der 50er Jahre.

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Einige Gedanken zu “Das gestopfte Handtuch

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