Frau Oberstudienrätin B. verabschiedet sich vom Singkreis

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„Wer darf denn sagen, er stehe fest, wenn auch das Schöne seinem Schicksal entgegenreift, wenn auch das Göttliche sich demütigen muß und die Sterblichkeit mit allem Sterblichen teilen!“

Johann Christian Friedrich Hölderlin

(1770 – 1843), deutscher evangelischer Theologe, Dramatiker und Lyriker (begann ab 1841 seine Gedichte mit ›Scardanelli‹ zu unterzeichnen)

 

 

 

50 Jahre lang wohnte Frau Oberstudienrätin Edeltraud B. in der Friedrich-Hölderlin-Straße: als Assessorin, als Rätin, als Ober-, dann a.D., bis es nicht mehr ging. Der Kopf war noch gut, aber der Körper machte nicht mehr mit, deshalb mietete sie sich ein kleines Appartement in Sonnenscheinstadt, der gepflegten Seniorenresidenz. Das Alleinsein war für sie ein Leben lang kein Problem, von Anfang an wollte sie in ihrem beruflichen Leben ihre ganze Kraft in die Schule geben. Da hatte sie ja viel Ansprache, d.h. sie sprach an und die anderen sollten zuhören. In der Woche hatte sie viele Kinder, große und kleine. Da fehlten ihr die eigenen nicht. Aber jetzt im Ruhestand war alles anders, so langsam stellte sich die Einsamkeit ein. Wie sagt das Sprichwort? „Der Markt hatte sich verlaufen“. So ging es auch ihr, sie hatte keine Zuhörer mehr, keine vertrauensvollen Kinderaugen schauten sie an. Sie war unter ihresgleichen: Alten, Kranken, Behinderten. Und jede für sich war allein, denn mit der Körperbehinderung kommt die Einsamkeit. Die meisten Menschen meiden die Krankheit, sie ertragen sie nur bei den engsten Angehörigen.

Frau Oberstudienrätin Edeltraud B. hatte Deutsch und Französisch unterrichtet, abendländische Kultur für ungezogene, aufrührerische Nachkriegskinder.

Tausende von Kindern und junger Menschen sind schon vor ihr gesessen und haben sie genervt. Tausende von Aufsätzen hatte sie im Laufe eines langen Lehrerlebens korrigiert. „Der erste Schultag eines Sextaners“, das war ein Thema, das hatte sie immer ganz schnell durchgesehen. Anders bei den Primanern:  mit Feinsinn und spitzer Feder konnte sie sich stundenlang über die interpretatorischen Ergüsse der Oberstufen-Schüler hermachen. Falscher Satzbau tat ihr körperlich weh, sie hätte oft weinen mögen, wenn sie die flapsigen Bemerkungen über Schiller-Goethe lesen musste. Diese jungen Leute, ohne Sinn und Verstand, ohne jegliches Gefühl. Wie mit dem Rasenmäher gingen sie über Sonette und Vierzeiler, alles kurz und klein geschoren wie mit einem Messerschnitt.

Die Zeiten vor den Glatzen waren aber auch nicht besser. Ungern dachte sie an das andere Extrem, die androgynen Langhaarjünglinge der 68er, hinter deren Locken und Nackenspoiler sich nur eine aufrührerische Gesinnung versteckte. Immer fehlte der Jugend das Maß, der Sinn für klassische Einfalt und stille Größe.

Es schmerzte immer aufs Neue, wenn sie vor der Klasse stand wie zwischen Scylla und Charybdis: da lockte der literarische Anspruch, der Wert der abendländischen Dichtung, dort war das Gebrüll einer verrohten Jugend. Auch damals schon roh, unbehauen, ungebildet und unsäglich frech und ohne jeglichen Sinn für die wahren Werte. Oh Dicht, oh Kunst, vor die Säue geworfene Perlen!

Mit Schaudern erinnerte sie sich an so manche Deutschstunde, bei der sie ach so einsam vor der Klasse stand und verzweifelt versuchte, Ruhe in den Haufen zu bringen. „Der Knabe im Moor“ von Anette von Droste-Hülshoff, laut damaligem Lehrplan Stoff der 9.Klasse, war so ein Absturz in die ungebändigten Sexualphantasien der Jungmannen. Zuerst verstand sie nicht das Gröhlen und Feixen, sie konnte sich das Lachen einfach nicht erklären. Die letzte Strophe  brachte ihr die Erleuchtung:

Da mählich gründet der Boden sich,

Und drüben, neben der Weide,

Die Lampe flimmert so heimathlich,

Der Knabe steht an der Scheide.

Tief athmet er auf, zum Moor zurück

Noch immer wirft er den scheuen Blick:

Ja, im Geröhre war’s fürchterlich,

O, schaurig war’s in der Haide!

Es war das eine Wort in der vierten Zeile, das die pubertären Fantasien der jungen Männer auslöste. Es machte ihnen eine höllische Freude, ihre Deutschlehrerin Frau Studienrätin B. zu verunsichern, mehr noch, an den Rand eines Nervenzusammenbruchs zu treiben.

Deshalb fühlte sie sich heute wie ein Gefäß, das man randvoll gefüllt hatte mit verletzenden Bemerkungen, mit verächtlichem Verhalten, alles was ihr lieb und wert war, war über Jahre in den Schmutz gezogen und nie hatte das aufgehört, denn jedes Jahr kamen neue Schüler und Schülerinnen. Am schlimmsten waren die Klassen der Mittelstufe, sie ließen nichts aus und immer wieder gab es neue Schändlichkeiten.

Manchmal zittern ihr heute noch die Hände, wenn sie an die eine grausliche Französischstunde zurückdenkt, und der Gedanke kommt ihr immer wieder beim Öffnen einer Tür, wenn sie die Türklinke anfassen soll. Es war in den 70er Jahren in den Zeiten des großen Schüleransturms, als fast jeder auf das Gymnasium geschickt wurde. Die Klassenzimmer reichten nicht aus, man bildete  Wanderklassen – so nannte man die Klassen, die keinen festen Raum hatten . Der Lehrer oder die Lehrerin „wanderte“ mit seinem/ihrem Grüppchen nach einem ausgeklügelten Plan zu einem freien Raum, schloss auf und nach dem Unterricht wieder zu. Es war ein ständiger Kampf um Ordnung und Sauberkeit. Sie stand also mit ihren Schülern und Schülerinnen vor einem verschlossenen Klassenzimmer und sollte es aufschließen. Sie zögerte, weil sich ihr ein merkwürdiger Anblick bot: über die Klinke war ein durchsichtiges Plastikteil geschoben und vor der Tür war eine Pfütze, die schrecklich nach Urin roch. Kein Hausmeister kam zur Hilfe, anfassen wollte sie die Klinke nicht. Sie suchte einen anderen Raum für ihre Französischstunde.  Endlich war sie in einem Raum, der zufällig frei war und begann mit ihrem Unterricht: Lektion 8 in Etudes Francaises vom allmächtigen Klett-Verlag. „Ouvrez les livres, lisez!“ Der Oberstörer Robert Meyer begann zu lesen: „M.et Mme Leroc sont à Paris“. Ein Aufschrei ging durch die Klasse und Frau Oberstudienrätin Edeltraud B. begriff endlich, enfin, enfin…

Das durchsichtige Teil auf der Klinke war ein Pariser – ein Klinken-Kondom. Im Jahr 1975 in den Vor-Aids- Zeiten war das noch etwas ganz Unaussprechliches und eine schlimme Beleidigung für ihre angenommene und echte Jungfräulichkeit. An Unterrichten war nicht mehr zu denken. Frau Oberstudienrätin Edeltraud B. lief auf die Toilette und schrubbte sich weinend die Hände.

In der großen Pause hörte sie das Geraune und Gemunkel der jungen Kollegen, die sich über ihre Empfindlichkeit mokierten.

Die Jahre vergingen, eine Unterrichtsreform kam, eine Unterrichtsreform ging, es erneuerte siçh wenig, alles blieb beim Alten. Etwas ruhiger wurden die Zeiten, denn man hatte im Nachbarort ein weiteres Gymnasium gebaut. Die Probleme lösten sich nicht, sie verlagerten sich.

Die letzten Jahre verbrachte sie in Erwartung des Ruhestandes, in ihrer Ledermappe hatte sie ganz unten ein Zentimetermaß, auf dem sie die abgelaufenen Tage abschnitt, so wie es die jungen wehrpflichtigen Männer während ihrer Bundeswehrzeit damals machten. In ihrem Schreibtisch im Lehrerzimmer  waren die Nachfolger des Bandes, das sich noch momentan in Gebrauch befand. So nach und nach erschöpfte sich der Vorrat und pünktlich zu den großen Ferien 1995 wurde sie mit einer kleinen Feier verabschiedet.

Jetzt kam das große Wundenlecken, dazu brauchte sie eine ganze Weile, es machte sie sehr müde und erschöpfte sie. Das Gefäß mit den schlechten Erlebnissen leerte sich einfach nicht, es blieb immer randvoll. Kein Volkshochschulkurs, kein Treff im Seniorenclub konnte sie ablenken, es blieb der Statusquo der  Kränkung und der daraus resultierenden Empfindlichkeit.

Ihre Gesundheit war angeschlagen, die Augen schlecht, das Gehen schmerzte, sie beugte sich immer mehr nach vorn:

Der Orthopäde konstatierte Morbus Bechterew. Oder war es „nur“ Osteoporose, denn Rückenschmerzen hatte sie eigentlich schon immer gehabt. Egal, sie fasste den Entschluss und ging in die Seniorenresidenz.

Da war sie nun in Sonnenschein-Stadt angekommen. Es kehrte Ruhe ein. Der Anfang war nicht leicht, an den Tonfall der Angestellten musste sie sich erst gewöhnen. Bald empfand sie die betont freundliche Zuwendung als fürsorglich und nicht mehr herablassend, sie konnte damit umgehen. Pünktlichkeit war immer ihre Stärke gewesen, und so gestaltete sie auch ihren Tag. Nach und nach nahm sie an immer mehr Veranstaltungen des Hauses teil. Besondere Freude machte ihr das Singen. Es war so schön, sich fallen zu lassen in die Melodien aus längst vergessenen Tagen. Man saß zusammen und sang, die alten Stimmen waren brüchig und zittrig, doch galt Rücksicht und Duldung gegenüber allen. Jeder durfte sich ein Lied wünschen und so sang man sich vom schönsten Wiesengrunde zum Ännchen von Tharau, von der Loreley zum Wandersmann und über das lustige Zigeunerleben zurück in den Aufenthaltsraum der Sonnenschein-Residenz. Heute war der Kreis sehr groß. Da waren sie alle, die meisten alt und klapprig und doch guten Mutes. Frau Meier  gerade erst aus dem Krankenhaus gekommen und nach langer Zeit mal wieder Frau Müller, die  sich immer wieder bitten ließ, denn sie fand die Singerei eigentlich sehr unter ihrer Würde. Und da war auch die Leiterin, die mit sehr viel Geduld und Rücksichtnahme voller Idealismus im Ehrenamt versuchte, allen gerecht zu werden. Ausnahmsweise waren auch Roswitha und Elisabeth, die beiden Freundinnen, da. Sie kamen nur ganz selten, die eine räusperte sich, denn sie war immer heißer und die andere wollte nicht ohne die eine, aber heute saßen sie brav nebeneinander. An diesem Tag klappte es nicht besonders: Frau Müller stimmte wie immer zu früh an, Frau Meier sang laut und falsch, Frau Schneider hielt den Rhythmus nicht… So stolperte der Singkreis von Lied zu Lied.

Jetzt im Winterhalbjahr war es schon dunkel, deshalb sang man auf allgemeinen Wunsch:

Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein

Es ruh’n Schäfchen und Vögelein

Garten und Wiesen verstummt

Auch nicht ein Bienchen mehr summt

Luna mit silbernem Schein

Gucket zum Fenster herein

Schlafe beim silbernem Schein

Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein

Das Princhen wäre aufgewacht, so holterdieepolter kämpfte man sich durch das Lied.

Da stellt sich bei Frau Oberstudienrätin das alt-uralte Gefühl ein, ihr Emotionsgefäß läuft langsam voll. Sie ruft die Gruppe zur Konzentration. Man versucht einen neuen Anfang, es ist das gleiche Gestolper und plötzlich, zwischen „Prinzchen“ und „schlaf ein“ lässt Roswitha ein fröhliches Jolodiö los. Das Gefäß ist voll:

Frau Oberstudienrätin B. verliert die Contenance, unkontrolliert schmeißt sie den Ordner mit den Liedern auf den Boden und schreit: „RUUUUUHEEE!!!!“ Elisabeth streckt ihr die Zunge raus.

Die Lehrerin a.D. landet – hoffen wir – vorübergehend auf Station 2, der Wachabteilung.

Roswitha und Elisabeth gehen nie wieder in den Singkreis.

 

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Einige Gedanken zu “Frau Oberstudienrätin B. verabschiedet sich vom Singkreis

  1. Renate Bernauer

    gefällt mir gut. Durchgängig, die große Einsamkeit.
    Geht es uns aber nicht allen so? Unsere persönlichen Wünsche, Vorstellungen oder Vorlieben, unterscheiden sie uns nicht ganz gravierend von unseren Mitmenschen, Partnern und Freunden?

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