Schulausflug

Hardenburg_(Hof)

Schnell, schnell, schnell eine Geschicht!

Da greif’ ich in die Schublade „Schulausflüge“

Des Einen Leid des Andern Freud’

 

 

Es war einer meiner ersten Schulausflüge als Lehrerin und ich noch jung, hübsch und voller Idealismus. Ich wusste ganz genau, ich werde jetzt alles besser machen, besser als alle Lehrer, die ich je selbst hatte.

Ich war damals in Ladenburg an einem riesengroßen Gymnasium, wir erlebten Schülerschwemme und Lehrermangel zur selben Zeit und dazu noch die Möchtegern Revolution, die wir als 68er machten und die auch auf unsere Schüler übergeschwappt war, was uns gar nicht so gefiel. Denn leichter ist es, die Revolte zu machen, anstatt sie zu ertragen.

Der Ausflug ging über Mannheim, Bad Dürkheim zu einer Burg im Pfälzischen Wald, zuerst mit der Bundesbahn, dann mit der OEG (das war eine Art Vorortbahn) und zuletzt mit den Füßen bis zu dieser Burg, die malerisch hoch auf einem Felsen lag.

Es war einer meiner ersten Ausflüge, ich hatte meine diversen Gruppenfahrscheine besorgt und stieg nun mit  33  8Klässlern freudig in den Waggon am Bahnhof Ladenburg, es war auch schönes Wetter, also alles paletti.

Natürlich waren die Schüler viel zu laut, aber da es frühmorgens war, waren die Berufspendler noch fröhlich und freuten sich mit uns, alles klappte, die OEG wartete schon auf uns und nun ging es durch die Vorderpfalz nach Bad Dürkheim. Mein Navy war eine Karte, mein Handy eine Trillerpfeife,

In Bad Dürkheim erklärte ich noch einmal das Wanderziel und den Weg, soweit das möglich war, zuerst durch den Ort und dann ging’s ins freie Feld.

An meiner Seite ging Axel S., der Sohn des Bürgermeisters, der seine ganze Schulzeit für mich schwärmte.

Kaum waren wir aus dem Ort draußen, waren alle Schüler verschwunden, nur AS ging an meiner Seite und schaute mich mit seinen großen kurzsichtigen Augen voller Glück an und sagte: „Frau Becker, jetzt sind wir ganz allein!“

Na, was blieb mir übrig, es war nun mal so und wir wanderten Seit an Seit zu dieser Burg, die an einem steilen Felsenhang hoch über dem Tal lag.

 

Quelle: Wikipedia (Hardenburg um 1580)

Ich hoffte natürlich, meine Schüler dort wieder zu treffen (und jetzt rede ich so ruhig darüber, aber damals klopfte mir das Herz unablässig bis zum Hals).

Da waren sie auch, auf dem Vorplatz von der Burg standen sie, stinkesauer weil der Kiosk geschlossen hatte und es nichts zu trinken gab.

Auch die Besichtigung der Burg war nicht möglich, ich hatte den Fehler gemacht und nichts verifiziert (das war damals auch nur mit großem Aufwand möglich und ich hatte keine Lust sonntags immer wieder die Ausflüge auszuprobieren. Also nichts, keine Besichtigung, kein Kiosk, keine Cola, kein Eis, nichts nur ein breites gußeisernes Gittertor mit massiven Eisenstangen, die so ca. 4o cm breit voneinander entfernt waren. Christian W., der kleinste, dünnste und frechste Schüler kam auf die geniale Idee: Er quetschte sich durch die Gitterstäbe und mit ihm alle Dünnen und Schlanken, die Dicken und die blöde Becker blieben zurück und mit ihr natürlich der getreue Axel S.. Weder Trillerpfeife noch Schreien half etwas, hin und wieder sah ich einen winkenden Schüler auf den Türmen der Ruine, dann wieder jubelte eine Gestalt von einem Söller und beugte sich weit über den Abgrund, Mir gefror das Blut in den Adern, selbst war ich ja gar nicht schwindelfrei und auch in guten Momenten wurde es mir fast schlecht, wenn sich ein Schüler irgendwo an den Rand eines Abgrundes traute, auch wenn dieser noch so gut gesichert war.

Axel tröstete mich in meiner Verzweiflung. Wir warteten, und da war schon der nächste Schrecken:

Um die Ecke kam ein grüner Landrover, er hielt an und rutschte im Rollsplitt noch ein wenig. Zwei wütende Waldarbeiter stiegen aus und fielen über mich her: „Können Sie denn nicht Ihre Schüler im Zaum halten, die stehen da oben auf dem Turm und hängen im Felsen und werfen Steine auf uns runter. Ich zeige Sie an usw.usw……….. Ich wurde kleinlaut, stammelte Entschuldigungen, heute würde man sagen, es war oberpeinlich.

So langsam verließ meine Verbrecherbande den felsigen Abenteuerspielplatz und formierte sich zum Abmarsch.

Ich ließ sie alle hoch- und heilig versprechen, zusammenzubleiben. Das taten sie auch, wir marschierten los, Axel S.  schaute mich  voll Bewunderung an, und nach 5 Minuten waren wir wieder allein zu zweit.

In Bad Dürkheim vor dem OEG-Bahnhof erwartete uns die ganze Mannschaft im Eiscafe, sie saßen vor ihrem Spagetti-Eis, was  damals absolut neu und der große Renner war. Es dauerte lang, bis auch Axel  sein Eis bekam und noch länger bis alle ihr Eis aufgegessen hatten, deshalb war die 4 Uhr-Bahn schon weg. Also stiegen wir in die nächste OEG. So am Spätnachmittag war die Situation immer kritischer, denn die Berufspendler waren alle schlecht gelaunt und meine Schüler total aufgedreht. Das führte immer zu Konflikten, deshalb war ich froh, dass es mir gelang,  die jungen Leute in den  zweiten Wagen zu bugsieren, wo wir unter uns waren und sie singen und grölen konnten, ohne jemanden zu stören.

Mir fielen die Augen zu, da wachte ich zwischen Grünstadt und Ludwigshafen an dem lauten Schrei auf: “Der Jürgen kotzt“!!!

Das tat Jürgen, er saß auf der letzten Bank und im hohen Bogen kam der Bananensplit mit Sahne aus seinem Mund und der saure Geruch von Erbrochenem breitete sich im Wagen aus. An der nächsten Haltestelle stiegen alle  bis auf Jürgen aus und wechselten in den ersten Wagen zu den Berufspendlern, das waren nun nicht mehr so viel, weil wir ja in Richtung Großstadt fuhren. Jürgen und ich blieben in dem stinkigen Wagen zurück. Da kam der Kontrolleur, an diesem Tag der erste Mensch, der Verständnis hatte und mich tröstete. Und das obwohl der Wagen richtig versaut war und stank.

Es war schon halb sieben, als wir in Mannheim ankamen und um das Unglück dieses Tages voll zu machen, stiegen wir noch in die falsche Bahn und landeten in Seckenheim und mussten lange auf unseren Anschlusszug nach Ladenburg warten.

Kurz und gut wir kamen etwa um halb 9 am Bahnhof in Ladenburg an, es erwarteten uns einige Eltern, die machten das Maß voll, sie schimpften mit mir, nannten mich unfähig und drohten mir mit dem Gang nach Stuttgart, d.h. mit einer direkten Beschwerde an das Kultusministerium. Zuhause fiel ich zusammen, fast unfähig ein Glas Rotwein zur Beruhigung zu trinken. Ich hätte mich am liebsten sinnlos besoffen, aber am nächsten Morgen hatte ich die erste Stunde Französisch in der Oberstufe. Also blieb es bei einem Glas und gekotzt habe ich auch nicht, nicht einmal gut geschlafen, denn noch im Traum fuhr mir die OEG vor der Nase weg

Ich bin trotzdem Lehrerin geblieben und habe noch viele  Schulausflüge organisiert.

Doch in der Nacht vor einem Ausflug konnte ich nie schlafen…

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