Gottesgeschenk im Treppenhaus

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2013 ist Jérome wirklich frei? Je ne sais pas …

War Jérome damals frei? Ich weiß es nicht.

Ich bin weiß. Die schwarze Haut ist ein Gefängnis.

 

Jérome Dieudonné dans la cage d’escalier

Deutsch-französische Freundschaft: das Gymnasium einer kleinen  badischen Wein-Stadt und das riesige Collège in einer großen Stadt im Süden von Paris. Jedes Jahr gingen sie zusammen ins Landschulheim, einmal in Frankreich, einmal in Deutschland. Ich war Lehrerin an der deutschen Schule und musste oder durfte damals mit den Schülern und Schülerinnen nach Avignon in das deutsch-französische Landheim.

Es war nicht einfach, Welten trennten die Schüler, so hatten wir den Eindruck. Sie aber sollten Toleranz für unsere europäische Zukunft lernen. Sie mussten sich über mehr Grenzen als nur die deutsch-französischen Unterschiede

Es war bei den verschiedenen Schulsystemen nicht einfach Klassen im passenden Alter zu finden, deshalb waren die französischen Schüler immer ein Jahr jünger, was bei den pubertierenden 15jährigen Welten ausmacht. Die Franzosen kamen aus dem großstädtischen Raum, viele hatten das, was man heute Migrationshintergrund nennt: Afrika, Antillen, Vietnam, Algerien und Marokko, das waren die Heimatländer ihrer Eltern oder Großeltern. Die Franzosen waren die Ganztagsschule gewöhnt, unsre Schüler aus dem ländlichen Raum waren viel stärker auf ihre Familien fixiert. Für mich lässt sich der prinzipielle Unterschied zwischen französischen Gepflogenheiten und deutscher Erziehung in einer kleinen Geschichte herauskristallisieren.

Die Franzosen sind immer höflich, sie sagen „oui, Madame, bien sûr Madame.“ Dreht man sich um, geht weg, dann machen sie, was sie wollen. Die Deutschen sagen prinzipiell „nein“  und diskutieren stundenlang und dann machen sie, was der Lehrer will.

Wir bestanden darauf, dass in jedem Zimmer zwei Franzosen und zwei Deutsche waren. Das war immer so, sie sollten sich ja zusammentun und lernen, miteinander auszukommen. Das gab im allgemeinen Proteste bei den deutschen Schülern, so heftig und lautstark, dass die kleinen Franzosen und Französinnen fassungslos mit großen Augen uns anschauten, tief betroffen vor so viel Repektlosigkeit. Diese Erfahrungen hatten wir gemacht, deshalb hatten wir die schlimmsten Maßnahmen angekündigt:

  • Wer auf die Franzosen schimpft, sitzt im TGV nach Straßburg
  • Wer das französische Essen zum Kotzen findet und das lautstark verkündet, sitzt im TGV nach Straßburg, und zwar auf Kosten der Eltern
  • usw., usw.

diese Drohungen taten ihre Wirkung. Mit eingekniffenen Lippen bezogen unsere Schüler und Schülerinnen ihre Zimmer, sie waren kollektiv beleidigt. Unter unseren Schülern waren einige, die vorher mit rechtsradikalen Äußerungen aufgefallen waren, diese waren schlichtweg entsetzt, als sie sahen, wie viele Nicht-Weiße unter den französischen Staatsbürgern waren.

Vor dem Essen gab’s eine kleine Vorstellungsrunde im Gruppensaal. Ängstlich und widerwillig trafen sich die jungen Leute, es waren knapp siebzig Jungen und Mädchen zwischen 12 und 16, also alle mehr oder weniger im  Krawalltütenalter.

Da tauchte er auf, der strahlende junge Mann, der zum Retter und Ritter der deutsch-französischen Verständigung, zum Liebling aller, vor allem der deutschen Mädchen werden sollte. Er wurde aber auch zum Freund der deutschen Buben, er wickelte die muffeligsten Kerle um den kleinen Finger. Er tröstete die leicht hysterische französische Lehrerin, wenn sie wieder alles als Problem sah. Mit strahlend weißen Zähnen lachte er wie ein Model für Zahnpasta und brachte uns alle zum Strahlen. Er sprach fließend Deutsch und liebte Deutschland und Frankreich gleichermaßen. Er war Afrikaner und richtig schwarz, ebenholzschwarz.

Yussuf

Jérome kam von den Comoren, seine Eltern waren nach Paris gekommen in der großen Hoffnung, dort ein besseres Leben für sich und ihre Kinder zu finden.

Seine Mutter hatte noch auf der Insel in einer deutschen Familie als Kindermädchen gearbeitet, dort durfte sie ihren kleinen Jérome mitbringen, deshalb war für ihn das Paradies deutsch. Nun war er am College Aimé Césaire, hatte natürlich Deutsch als erste Fremdsprache gewählt und freute sich über den Aufenthalt und die Begegnung mit den Deutschen in der großen Hoffnung, Kontakte für eine glänzende deutsch-französische Zukunft knüpfen zu können.

Jérome marschierte immer vorne weg,  auch wenn es auf steinigen Wegen steil bergauf ging und die Aussicht auf einen Vortrag über die provencalische Urbevölkerung und deren Behausungen unsere Schüler/innen nicht gerade verlockte. Er war unser Flaggschiff (vaisseau amiral), er verbreitete immer gute Laune, auch wenn das Kantinenessen nicht gut war (für einen deutschen Gaumen schon gleich gar nicht) – aber die französischen Schüler/innen waren es gewohnt und wussten Schimpfen hilft nichts. Sie sagten einfach „Merci, Madame!“ ließen alles stehen und aßen die mitgebrachte Schokolade.

Jérome organisierte die Partys. Er schaffte den Ausgleich zwischen deutschem und französischem Musikgeschmack, er brachte sogar einige Jungen zum Tanzen. Nach kürzester Zeit hatten sich fast alle Mädchen in ihn verliebt. Er war so charmant, dass alle glaubten, er sei in sie verliebt. Die Mädchen erwarteten den letzten Tag in der Hoffnung, Jérome würde noch seine Liebe erklären. Das tat er nicht, es gab viele Abschiedstränen, und in Straßburg schon träumten viele von einem Brief von Jérome.

Es kam kein Brief von Jérome, nie. Andere Schüler und Schülerinnen hatten Freundschaften entwickelt, sie schrieben sich Briefe hin und her und schon in den Sommerferien war eine kleine Französin im Ort zu sehen. Von Jérome haben wir nichts gehört, obwohl ihn sogar mehrere gern eingeladen hätten. Wir dachten, es ist so wie immer: Lehrer und Eltern erfahren alles zuletzt. Das hat uns auch nicht gewundert, denn die Klasse aus dem Collège war in ihrem letzten Jahr, bald darauf gingen die jungen Leute in die Abschlussprüfungen und dann auf andere weiterführende Schulen.

Die Zeit verging … le temps passe…

Wir waren mal wieder zu einem Arbeitsessen in unserer Partnerstadt. Wir saßen mit unseren französischen Kollegen in einem eleganten Restaurant außerhalb von Paris. Wir sprachen über die vergangenen Begegnungen und planten die zukünftigen. Irgendwann fiel mir Strahlemann Jérome ein, ich hatte so eine vague Vorstellung er könnte jetzt surveillant sein und uns begleiten. Mme Leroc, die französische Deutschlehrerin, erzählte uns, was in der letzten Zeit passiert war:

Noch vor dem Schulwechsel, also kurz nach unserem Landheimaufenthalt veränderte sich Jérome. Der Klassenlehrerin Mme Lepointe fiel auf, dass das Strahlen von Jérome etwas abschwächte, er wirkte nicht mehr so fröhlich, sauber und wie aus dem Ei gepellt. Sein leuchtend weißer Hemdkragen war plötzlich nicht mehr so weiß, auf seinen Hosen – es waren keine Jeans – waren plötzlich Flecken. Schaute Mme Lepointe in sein Heft, kam ihm also ganz nah, fiel ihr ein muffiger Geruch auf, eines Tags verströmte er einen leichten Schweißgeruch. Da wurde ihr klar irgend etwas stimmt nicht. Es gibt eine/n Sozialarbeiter/in in Frankreich, nach einem Konferenzbeschluss wird die nun ausgeschickt, sie soll mal nachschauen, was mit Jérome los sei. Am nächsten Tag fährt sie mit dem Bus in die rue Juissy zu dem großen Immeuble, in dem laut Unterlagen Jérome wohnen soll. Mit der Akte unterm Arm geht sie zum Concierge und fragt nach der Wohnung der Familie von Jérome. Es war eine akzeptable Wohnanlage, nicht ein herunter gekommenes HLM-Hochhaus, bei dem die Wände mit Exkrementen beschmiert sind und die Treppenhäuser Schauplätze von Drogenhandel und schlimmerem sind. Mme Administration läutete, sie freute sich die Mutter von Jérome wiederzusehen, denn sie hatte schon einiges für die Familie geregelt und sie wusste genau, dass ihre Bemühungen hier nicht vergeblich waren. Ihr Erstaunen war groß, als ein junges Mädchen asiatischer Herkunft ihr die Tür öffnete. Diese erklärte ihr, dass ihre Eltern die Wohnung vor ca 6 Wochen übernommen hätten und dass sie gar nichts von den Vorgängern, nämlich der Familie von Jérome wüsste.

Mme war erstaunt und überprüfte noch einmal die Akten, hier war etwas unklar und zwar total.

Am nächsten Tag wurde Jérome auf die Direktion zitiert und musste Rede und Antwort stehen.

Der Sozialdienst ist ja an viel gewöhnt und hat gelernt den Dingen auf den Grund zu gehen. Nie ließ sich Mme Administration von irgendwelchen fadenscheinigen Erklärungen oder sonstigem Gefasel ablenken, Mit romanischer Stringenz brachte Madame das Gespräch auf den richtigen Weg oder auf den Punkt: „Alors Jérome, raconte-moi tout!“

In die Ecke gedrängt, erzählte Jérome, was ihm so Schreckliches Traumatisches passiert war.

Damals kam er nachmittags wie gewöhnlich um vier nach Hause, unterwegs hatte er sich noch ein wenig mit seinen Freunden unterhalten à l’africaine. Er hatte großen Hunger und freute sich richtig auf das afrikanische Essen seiner Mutter: die Erdnuss-Sauce und den Maisbrei. Er hatte ja nie einen Schlüssel dabei, seine Mutter befürchtete, man würde ihm diesen klauen und sie alle überfallen. Also läutete er, nichts, er läutete nochmal, nichts, er läutete Sturm. Die Angst packte ihn, da war bestimmt was passiert. Vielleicht hatte seine Mutter eine Krisis, ihre Gesundheit war nicht mehr die beste nach so viel Arbeit oder sein Vater hatte einen Unfall, oder seine kleine Schwester war unter ein Auto gekommen.  Er machte sich große Sorgen, setzte sich auf einen Treppenabsatz und wartete.

Um 6 kam M.Ibrahim nach Hause, später läutete das Telefon, er hörte Mme Ibrahim laut arabisch sprechen, viel verstand er nicht, aber so viel schon, dass er merkte, dass der Anruf nichts mit ihm zu tun hatte. Die Zeit verging, er hatte Hunger. Er konnte gar nichts denken, halb schlief er ein, dann wachte er wieder an den Schritten eines spät heimkehrenden Bewohners auf.

Jérome wachte gegen Morgen auf, steif und hungrig. Er ging zur Tankstelle, dort arbeitete ein Freund seines Vaters. Da begann Jérome zu lügen, weil er sich schämte. Das war der erste Tag seiner Obdachlosigkeit. Er ging trotzdem zur Schule, er hatte ja noch die Essensmarken für den laufenden Monat und er hatte immer noch den Wunsch nach Bildung und Weiterkommen und Sehnsucht nach besseren Verhältnissen.

Er schlief im Treppenhaus, immer auf der Flucht vor der Concierge, er machte seine Hausaufgaben im Keller

Das Essen in der Kantine musste reichen, manchmal konnte er Frau Ibrahim davon überzeugen, dass seine Mutter gerade nicht da war und dass sie vergessen hatte, ihm den Schlüssel zu geben.

Mme Ibrahim wollte immer wieder Auskunft über seine Eltern, er redete von Krankheiten und von Problemen mit den Immigrationsbehörden, und das war, was er in diesem Moment noch nicht wusste, ja auch die Wahrheit: Maman et Papa waren untergetaucht, la petite Chantal hatten sie mitgenommen, ihn hatten sie zurückgelassen: „Jérome, etwas Besseres als den Tod wirst du immer finden, oder vielmehr  „tu trouveras partout mieux que la mort tout au moins!“ dachten sie, denn sagen wollten sie ihm das nicht, sie wollten ihn ja nicht ängstigen, ihren strahlenden jungen Sohnemann.

So verlor Jérome seinen Glanz und wurde zum obdachlosen Nègre für die einen und zum vernachlässigten Jugendlichen aus der Konfliktzone für die anderen, je nach politischer Einstellung.

Das alles hat nun Madame herausgefunden, und jetzt passierte das, was Jéromes Eltern so sehr gehofft hatten. Der französische Staat kümmerte sich um den zurückgelassenen Jugendlichen und sorgte für ihn. Heute ist alles anders, mit 18 hätte man in ins Flugzeug gesetzt, abgeschoben in irgendein afrikanisches Land, und zwar in das Land, das sich freiwillig bereiterklärt, ihn und seinesgleichen aufzunehmen.

Damals in den 90er Jahren gab es noch mehr Herz für Flüchtlinge,und vor allem für Jugendliche*. Er durfte in Frankreich bleiben. Er war nicht der Typ, der sich verzweifelt in die Selbstzerstörung begab, er suchte bestimmt keine Vergeltung für das, was mit ihm geschehen ist. Er hatte es nicht nötig in der Kriminalität eine Form von Macht auszuleben.

Jérome ist heute fast vierzig. Ich stelle mir vor, nun geht er sonntags mit seinen beiden Mädchen durch den Park von Draveil und immer mal wieder, wenn es günstige Flüge gibt, fliegen sie zusammen nach Afrika zu den Großeltern, und dort ist dann für die große afrikanische Familie für ein paar Wochen vereint…

* HLM ist eine Abkürzung für “habitation à loyer modéré

* UMF heißen die jungen Menschen heute: Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, laut UNHCR sollten sie einen besonderen Status genießen.

 

 

 

 

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