Andreas auf dem Dachboden

Andreas auf dem  Dachboden

Frau M. erzählte mir von einem Buch, das sie gerade las. Drei Mädchen leben auf einem Dachboden…….

Als ich diesen Satz hörte, lief ein Film in meinem Kopf ab. Der Film, der in mein Gedächtnis eingebrannt ist, schreckt mich noch heute, obwohl das alles vor Jahrzehnten geschah. Ich sehe alles vor mir, wie wenn ich es direkt erlebt hätte und war doch nur ein Beobachter am Rande des Geschehens.

Es war in meinem zweiten Jahr als Lehrerin, es waren die Zeiten des großen Lehrermangels und die Zeiten der riesigen Klassen. Wir waren fast alle junge engagierte Lehrer, die Revoluzzer der 68er voller Idealismus und Tatendrang. Es gab kaum Kunsterzieher und da überredete man mich dazu, Kunst fachfremd zu unterrichten, weil ich vom Malen eine kleine Ahnung hatte. Natürlich vertraute man mir nur die Kleinen, die 10- bis 11Jährigen an, das war eine 5.Klasse in zwei Stunden Kunst, am Samstag 3. und 4.Stunde,und zwar volle Stunden alle 14 Tage, weil man auf diese Art jeden zweiten Samstag frei hatte.

Das war Stress, dreimal Stress. Ich musste hilflos zusehen, wie die außer Rand und Band geratenen Kinder mit Farbe rumspritzten, sich die Deckfarbenkästen um die Ohren hauten und sich gegenseitig die Kunstwerke zerstörten. Es ist mir schon aufgefallen, dass da zwischen diesen verwöhnten Prinzen und Prinzessinnen der städtischen Hautvolée ein schmuddeliges Kerlchen saß, das sich nicht wehren konnte.

Auf seinem ärmlichen Strickjäckchen war immer die Speisenübersicht der vergangenen Woche, es steckte in einer fleckigen weiten Hose, die von einem Gürtel zusammen gehalten war, der viel zu groß war und dessen Schnalle im letzten Loch steckte.  Seine Schulsachen immer unvollständig, die Buntstifte abgebrochen, der Spitzer verloren, der Zeichenblock hatte nur noch ein halb abgerissenes Blatt. Eigentlich wurde er schon gar nicht mehr gehänselt, er wurde schlichtweg von allen ignoriert.

Da saß er und kritzelte brav und beflissen auf seinem Blatt rum, er nuschelte, und immer war etwas Speichel in seinen Mundwinkeln. Am Ende des Schulmorgens trödelte er im Klassenzimmer, suchte irgendetwas, wollte immer über etwas mit dem Lehrer sprechen, wußte aber nicht was. Es fiel ihm nichts ein. Wir merkten schon, dass er nicht heim gehen wollte und mussten ihn öfters nach Hause schicken. Dann drückte er sich im Schulhof herum, ich sah ihn im Rückspiegel und dachte mir. „Hoffentlich verpasst er den letzten Bus nicht!“

Aber das war egal, wie wir später erfuhren. Sehr selten wurde er erwartet.

Die Klassenlehrerin kümmerte sich um Andreas, weil auch ihr aufgefallen war, dass da was nicht stimmte.

Sie ging, was Gymnasiallehrer bei der Menge der Schüler/innen, die sie haben, im Normalfall nicht machen, sie ging zu ihm nach Hause.

Die Mutter machte die Tür nicht auf, Frau Brandner läutete bestimmt 10 mal, sie blieb hartnäckig und ging am nächsten Tag noch einmal. Da öffnete die Mutter des Schülers, sie war sturzbesoffen und jammerte der Lehrerin was vor. Der Vater war davon gelaufen und Andreas kam oft nicht nach Hause. Alle waren gegen sie, sie musste sich an ihrer Flasche fest halten, so lang der Besuch aber da war, versuchte sie den Eindruck zu wecken, sie hätte die Trinkerei voll im Griff, sie würde sich nur ab und zu ein Gläschen gönnen. Und das auch nur dann, wenn es wirklich nötig war, sozusagen als Medizin, um sich zu beruhigen.

Als Frau Brandner  sich im Hausgang verabschiedete, kam Andreas die Treppe vom Dachboden runter und wollte ganz erschreckt, verschämt sich an ihr vorbei drücken. Frau Brandner, eine lebenspraktisch kluge Lehrerin schöpfte Verdacht.

„Andreas, was machst du da oben?“ Er wollte nichts sagen, die Lehrerin ließ nicht locker, da führte Andreas sie weinend nach oben. Sein zweites Leben wurde ans Tageslicht gezerrt: Zwischen den Dachsparren hatte Andreas sich eine kleine Wohnung eingerichtet: Ein Kissen, eine Brotbüchse, ein altes Heft, ein Mäppchen und eine Taschenlampe mit Ersatzbatterien. Das war für Andreas der Zufluchtsort, wenn seine Mutter in die Säuferorgien verschwand, wenn sie nur noch die Schnapsflasche an den Mund führte und ihr einziges Kind im Jammer um die Verluste des Lebens vergaß.

Frau Brandner war entsetzt, und voller Mitleid ging sie den Dienstweg (was bleibt einer Lehrerin anderes übrig). Der führte sie zuerst auf die Direktion, Herr Schlöter musste überzeugt werden, er rief das Jugendamt an – es war Donnerstag. Die Sozialarbeiterin versprach, sich darum zu kümmern. Wir Lehrerinnen sprachen noch einmal am Samstag nach den quälend langen Vollstunden über den Fall, ich ermunterte den kleinen Andreas, und alle verbrachten wir ein normales Lehrerinnen-Wochenende mit Ausruhen, Ausgehen, ein wenig Trinken, ein wenig Streiten und ein paar kleinen Stündchen Korrigieren am Sonntag Abend.

Am Montagmorgen zwei Stunden Französisch, dann der Ruf zur Kurzkonferenz in der großen Pause. Wir waren ja ein riesengroßes Kollegium, es war nur die Hälfte da. Trotzdem war das Lehrerzimmer voll, die meisten standen und warteten ungeduldig auf die Ansage, denn jeder wollte noch schnell etwas machen und viele dachten nur: “Was will er denn jetzt wieder, dieser Wichtigtuer?“

Man merkte richtig, dass dem Direktor die Ansage schwer fiel, es war ihm schwer zu sagen, was er sagen musste. Immer ist es schwer, wenn man den Tod eines Menschen ankündigen muss, unerträglich ist die Todesnachricht, wenn es sich um ein Kind handelt. So versteckte er die Aussage hinter Beamtenfloskeln, trotzdem verstanden wir alle.

Andreas war am Wochenende aus dieser Welt gegangen.

Der Tod hatte sich nicht angekündigt, Andreas war nicht krank, er war am Samstag wie immer.

Aber am Sonntag Abend hat er sich mit dem Gürtel an einer Dachlatte seines eigenen „Wohnzimmers“ aufgehängt.

andreas

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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