Sieh ihn dir an …

Tod 1 Vaters Tod

Mein Vater, Gustav F., starb zu Hause. Er war verhungert. Er wollte nicht mehr essen und deshalb war er gestorben. Vielleicht konnte er auch nicht mehr essen. Der Hausarzt war gnädig: Jetzt lasset mer die Herztabletten weg.“ Das war eine Anordnung. Die Krankenschwester, die jeden Tag kam, war voller Mitleid: „Jetzt den mer den Kadeder nemme wechsle.“ Das war eine Feststellung. Meine Schwester sagt: „Vater, jetzt ess doch noch was.“Meine Mutter kam mit der Schnabeltasse und tröpfelte die Astronautennahrung in den Mund. Vater schaute verzweifelt und kniff die Lippen zusammen. Ich sagt: „Oh, bitte, bitte, nur ein Schlückchen.“ Der Mund blieb ein Strich. Das ging vier Tage, dann war er tot. Morgens gestorben, wie ein Mensch das so macht, in der Stunde zwischen Nacht und Tag hatte sich die Seele davon gestohlen. Zurück blieb ein Skelett.

Da lag er nun aufgebahrt im Schlafzimmer der Eltern, auf seiner Seite und wartete, dass man ihn holte zu seiner letzten Feier. Die Leiche ist geduldig. Im Wohnzimmer saß die Familie um den Tisch und betrachtete mit der Bestatterin Kataloge und Angebote, das Preis-Leistungsverhältnis taxierend, abwägend, was zu verantworten war gegenüber den Erben und zu beachten gegenüber dem Dahingeschiedenen.

Meine Mutter verlor an diesem Tag den Bezug zur Wirklichkeit. Wir hatten vor lauter Eichensarg und Leichenhemd das Läuten nicht gehört, meine Mutter schon, denn ihr Gustav war ja nicht gestorben, er lag in tiefem Schlaf wie verzaubert auf dem Bett. Er war ja nicht verschwunden, da war er noch in einem Zauberschlaf auf seiner Seite des Himmelbettes. Sie ging also raus und öffnete einem Mann die Tür, bat ihn herein, führte ihn ins Schlafzimmer und deutete auf die Leiche: „Jetzt gucket Se sich da mal ah, was passiert isch…..“

Es war der vor fast 14 Tagen bestellte Handwerker, der endlich die Waschmaschine reparieren sollte. Auch er war machtlos.

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Einige Gedanken zu “Sieh ihn dir an …

  1. Lutz Drescher

    Liebe Waldtraut,

    ja auch das Sterben und der Tod darf ? soll? uns ein Lächeln entlocken. Dass Du das mit dieser Geschichte schaffst, dafür herzlichen Dank.

    Lutz

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