Novembergeschichten

img_1120Mein Vater

 

Ich denke, er ist ganz froh und hoffnungsfroh ins Leben gestartet.

Die Stationen seines Scheiterns will ich nicht aufzählen, weil ich es gar nicht kann.

Er war über 40, als ich auf die Welt mich drängte: Er kam aus dem Krieg, ich aus dem Bauch meiner Mutter. Könnte es sein, dass beide wir in eine feindliche Umgebung trafen?

Er war sechs Jahre Soldat, Sanitäter in Frankreich. Wenn er vom Krieg sprach, dann waren das die Dünen von La Rochelle, die Oper von Bordeaux, die Museen von Paris. Ein Jugendtraum war mit dem Krieg in Erfüllung gegangen – er lernte Französisch, er durfte reisen, er sah die Schlösser an der Loire. Ohne Krieg wäre alles für ihn unerreichbar gewesen.

Nie sprach er über die dunklen Seiten.

Auf die Welt kam er vor dem ersten Weltkrieg. Er hätte so gern Medizin studiert, aber das war ihm vom Elternhaus verwehrt. Ein paar Kurzschuljahre in der überfüllten Volksschule und dann rein in die Lehre, dann den Vater vertreten, der mit goldener Uhrkette auf dem Bauch in der Pferdekutsche zum Kundentrinken übers Land fuhr. Er arbeitete für ein paar Reichsmark.

Der Traum vom anderen Leben war aber immer präsent, die Hoffnung schien sich in den zwanziger Jahren zu erfüllen: es wechselten Zeiten von jugendbewegten Freundschaften verbracht mit Arbeit, Sport und Spiel mit Zeiten der bedrohlichen Existenzängste.

Die Gleichschaltung nach der Machtergreifung empfand er nicht bedrohlich, er sah sich eher aufgewertet, er wurde Sportwart, trat als Geschäftsmann und Handwerksmeister in treuer Pflichterfüllung der SA bei und verspürte wieder Hoffnung, denn jetzt war endlich abends etwas Geld in der Kasse. Man hatte das elterliche Haus und Geschäft übernommen und musste die Geschwister auszahlen, das konnte man jetzt in Angriff nehmen. Schöne Zeiten brachen aus: Zwei Töchter kamen auf die Welt, so hätte es weitergehen können.

Im September 1939 musste er gehen und im Herbst 1945 kam er wieder zurück.  Das Schicksal hatte ihn verschont, er musste weder nach Afrika noch an die Ostfront. Er wurde Sanitäter. Das Assistieren im Feldlazarett verschaffte ihm eine verspätete Aufwertung. Diese langen Kriegsjahre  war er nicht mehr der ungebildete kleine Handwerker, der nichts lernen durfte, weil er nichts brauchte. Er reichte dem Operateur die Knochensäge und das Skalpell. Seine Feldflasche rettete ihm einmal das Leben bei einem „heimtückischen“ Partisanenüberfall.

200w_17163802985Stolz zeigte er später die Delle in der Blechflasche, so schlechte Munition hatten die Franzosen, er wurde nicht verletzt. Nicht verschont hatte es seinen Heimatort, die Stadt wurde noch in den letzten Kriegstagen beim Einmarsch der Franzosen völlig zerstört, die Familie aber lebte, (drei Töchter waren es jetzt), und das war das wichtigste. Fassungslos standen sie vor den Trümmern, nur das nackte Leben hatten sie gerettet. Da kam schon die vierte Tochter. Man half und behalf sich, krempelte die Ärmel hoch, räumte die Trümmer weg, und schon in den 50er Jahren hatte der Wiederaufbau angefangen. Tüchtig waren meine Eltern und fleißig, arbeiten hatten sie gelernt und immer wieder neu anfangen.

Jetzt gehörte mein Vater zu den Honorationen, auch er fuhr zum Kundentrinken übers Land, er stieg in einen VW Käfer, dann mit dem Wachsen des Wohlstands in einen BMW, um in die Traube Tonbach zu fahren oder in den Auerhahn oder in das Bareiss, aber nur am Sonntag, denn an den Werktagen wurde gearbeitet und dem Kunden „gedient“. Das war die durchgängige Haltung meiner Eltern: Dienen und viel Arbeiten. Der Traum nach Kultur und Bildung war meinem Vater aber immer geblieben: “Das mache ich mal, wenn ich berentet bin!“ behauptete er immer voller Hoffnung. Er schob raus und schob raus, noch ein Jahr arbeiten, nur noch bis der Kredit abbezahlt ist, nur noch, bis das und das passiert. Er arbeitete mit 65 weiter, mit 67 weiter, mit 70 weiter, mit 72 weiter … die Kinder waren darüber gar nicht glücklich, es gab viel Diskussionen mit dem Schwiegersohn und viel Gejammer über all die vertanen Möglichkeiten, es war wieder die Pflicht und das Dienen am Kunden, das ihn immer wieder ins längst verkaufte Geschäft trieb. Aber die Hoffnung hatte er immer noch, alle seine Hobbys auszuleben, diese Hoffnung verließ ihn nie. Als er endlich seine täglichen Fahrten ins Geschäft aufgab, als er endlich seinen Traum erfüllen wollte, da war er schon weit über 70. Er holte das Schreibwerkzeug, die Federn die Tusche das Papier, unterlegte ein Linienblatt und wollte wieder das Alfabet üben, er begann mit einem Spruch in einer schönen Antiqua, schrieb den selben Spruch mit einer Capitalis, dann wollte er mit Fraktur weitermachen. Er schrieb

Meine Zeit

 

 

 

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