Schlusswort: „Die Lebenslinie ist diese große Linie in der Handinnenfläche…”

Regenbogen

Das bin ich nach Fertigstellung des ersten Bandes (in aller Bescheidenheit)

Der Titel ist natürlich nicht neu und „ungehört“, wie wir auch mit dem Gedicht von Hundertwasser sehen. Ich dachte ursprünglich mehr an die „timelines“ der australischen Ureinwohner oder auch ganz modern an die Anordnung der in Facebook erzählten Lebensgeschichten. Schreibt ja heute schon der Abiturient seine „Biographie“. Doch waren  diese Gedanken zum Titel sehr assoziativ. Bleiben wir schlicht konservativ, und dazu gehört es zu erklären, wie man zu dieser Ansammlung von Geschichten kommt. Hier geht es nur um eine Erklärung der Methode, wie es zu dieser Sammlung von Geschichten gekommen ist, denn letzten Endes bleibt  es dem Leser und der Leserin überlassen, welche gedankliche oder gefühlsmäßige Verknüpfung er/sie anstellt
.

Zuerst zu meiner Person: Ich wohne hier nun fast zwei Jahre, hergekommen bin ich wegen meiner Krankheit. Ich bin für die Gevita recht jung, trotzdem habe ich mich entschlossen hier einzuziehen, leicht gefallen ist mir dieser Entschluss nicht. Für Alleinstehende ist das Leben mit schwerer Behinderung schwierig, erst mit Eintritt einer Krankheit erfährt man die Belastung durch die täglichen Anforderungen, und deshalb hat das Leben in einer Seniorenresidenz auch für die Jüngeren Vorteile, das sehe ich mit einer gewissen Selbstironie.

So bin ich hier in einer Umgebung gelandet, wo jeder Bewohner sein eigenes großes oder kleines Problem hat, wo aber auch jeder Bewohner aufgefangen und begleitet wird. Man könnte sagen, eine Zusammenführung der Lebenslinien auf der letzten Etappe der Reise.

Aber einen großen Vorteil hat das Leben hier, wie so nett eine der Erzählerinnen gesagt hat, nämlich die Hobby-Schneiderin in schönstem Alemannisch:

„Man hat sich immer etwas zu erzählen!“

Hinzu fügte sie noch, dass die Menschen hier Ähnliches erlebt hätten und dass die gleiche Erfahrung sie sehr verbinde. Auf mich trifft das nun nicht zu, ich habe andere Erfahrungen, denn ich bin ein Nachkriegskind.

Es muss aber auch Menschen geben, die zuhören. Heute gelingt mir das Zuhören besser als vor Jahren, als ich mit jugendlichen Forderungen vor meinen eigenen Eltern stand. Es ist nun mal so, die Jugend kann nicht so gut zuhören, sie möchte lieber mehr gehört werden. Ich erzähle gern, ich höre aber auch gern zu, und dieses Wechselspiel hat mich fasziniert. Ich hoffe, dass sich ein wenig von dieser Begeisterung auf den Leser der fertigen Geschichten überträgt, denn es war packend und berührend den Menschen hier im Haus zuzuhören. Jeder hat seine individuelle Geschichte, und alle haben wir hier ein Handicap, bei den einen ist es das Alter, bei anderen ist es eine Krankheit, es gibt hier aber auch Menschen, die es genießen, versorgt und doch unabhängig zu sein. Man kann sich nämlich auch von den täglichen Verpflichtungen befreien, die z.B. eine eigene Wohnung oder gar ein Haus mit sich bringt. Dann ist es reines Service-Wohnen…. Es kann aber auch die Suche nach Hilfe bei der Betreuung eines Angehörigen sein, die manche Menschen hierher geführt hat. Für einige Beweggründe finden Sie Beispiele in den Geschichten.

Angefangen hat es mit dem „Wandervogel“. Er hat mir eine seiner Geschichten erzählt und hat mir damit die Ohren für all die anderen Erzählungen geöffnet. Deshalb steht sie am Anfang. Diese Geschichte ist noch sehr objektiv, ich habe natürlich das Internet bemüht und beschreibe das auch. Hier erscheine ich noch als die Person, die das Erzählte aufschreibt und weitergehende Gedanken dazu anstellt. Sie spiegelt noch das Bedürfnis nach einer objektiven Beschreibung. Sie schlägt den Bogen von unserer kleinen Seniorenresidenz-Welt  zu der „großen weiten Welt“: Von Tumringen nach Cochabamba. Und tatsächlich kam dann auch zur Illustration eine schwere Silberschale zu mir ins Zimmer, im Foto sieht man die schöne Arbeit der bolivianischen Silberschmiede.

In langen abendlichen Telefongesprächen habe ich einer Freundin davon erzählt. Sie ist  Krankenschwester, war in der Ausbildung tätig und hat ein großes Herz und viel Verständnis. Immer wieder hat sie mir gesagt: „Schreib’s auf, das ist alles so interessant!“ Meine abwehrende Antwort war: „Das gibt es doch schon oft.“   Natürlich gibt es alles schon oft; in dieser Welt ist nichts neu, wie Heinrich Heine in einem Gedicht so treffend beschreibt.

Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.

Das trifft auf das ganze Leben zu, auch wenn Heinrich Heine nur Liebesbeziehungen meint. Für alle gilt aber, uns Menschen passieren ständig die gleichen Dinge und doch sind die Erlebnisse immer wieder neu und einzigartig. So wie jedes Individuum, jeder Mensch besonders, einzig und neu ist.

Wert zu erzählen sind sie allemal. Denn jeder Mensch hat etwas zu sagen, es sind nicht immer die großen Ereignisse die den Menschen ausmachen, sondern die vielen kleinen rührenden Menschlichkeiten. Es hat mir Freude gemacht, sie ans Licht zu holen.

Seit einigen Monaten bin ich nun am Ball und höre und schreibe. Ich habe mir sehr viel Zeit genommen. Und dadurch, dass ich hier wohne, ging es natürlich leichter, wir kennen uns von den verschiedensten Aktivitäten und haben Vertrauen zueinander. Ich habe mich zu den Menschen gesetzt, ihnen zugehört und mitgeschrieben. Hier ist die neue Technik eine große Hilfe: Nach einem klärenden Vorgespräch habe ich mit meinem Tablet Notizen gemacht, sodass ich gleich eine schriftliche Fixierung hatte. So war in ein, zwei Stunden ein Erzählgerüst entstanden, das schickte ich an meinen Computer, wo ich die Texte dann noch einmal bearbeitete. Nach einer sorgfältigen Transkription, bei der ich mir den Erzähler visualisiert habe, besprach ich alles noch einmal ausführlich, änderte oder ergänzte je nach Wunsch. Dabei versuchte ich, die Sprechweise des Erzählenden beizubehalten,mich entlang seiner Ausspracheweise zu hangeln oder auch sie zu imitieren, bis hin zum Dialekt. Dabei ist eine sehr nette Geschichte passiert:

Lange habe ich mit dem „Rätselkönig“ gesprochen, und da die Geschichte sehr viel Lokalkolorit hat und dieser Mann auch sehr mit dem Alemannischen verbunden ist, habe ich mich entschlossen, diese kleine Anekdote auf alemannisch zu schreiben. Ich machte einen ersten Entwurf, der hatte nur ein paar Anklänge von Dialekt, ich druckte das Ganze mit doppeltem Zeilenabstand aus und wollte es dem Herrn geben, damit er mir die korrekte alemannische Schreibweise zwischen die Zeilen schreibe…..Gleichzeitig gab ich das Manuskriptchen einer anderen guten Alemannin zur Korrektur. Was geschah? Diese gab mir ganz empört das Blatt zurück mit der Bemerkung: „Das ist ja Schwäbisch!“ ich solle es lieber sein lassen. Ich gab aber nicht auf, setzte mich einen Nachmittag lang mit ihm zusammen in die Bibliothek und ließ mir von ihm Buchstaben für Buchstaben alles diktieren. Nun steckt in dem winzigen alemannischen Geschichtchen fast mehr Arbeit als in so manch anderer Erzählung aus der weiten Welt. Ich finde es aber sehr scharmant und meine, es hat sich gelohnt. Urteilen Sie selbst!

An diesem Beispiel zeigt sich, in der Gevita wohnen auch Schwaben und das ist nicht die einzige regionale Vertretung. Es wohnen Menschen aus anderen Regionen, Saarländer und Hessen, Bayern und Norddeutsche, viele „Heimgekommene oder Zugereiste“, Gottes Garten hat nun mal viele Blumen…. Für mich persönlich ist das  ein Abbild der Völkerwanderung, die sich in der Mitte des letzten Jahrhunderts hier in Mitteleuropa ereignet hat. Von diesen Generationen wurde eine große Mobilität verlangt und darüber wurde gar nicht diskutiert, das war halt so. Und vielen hat man wichtige Jahre gestohlen und beklagen durften sie sich nicht, sie haben es auch nicht getan, denn Heimatverlust war oft eine kollektive Erfahrung ihrer Generation. Und so fühlen sich einige Menschen hier im Haus wie Heimgekommene.

Für alle  hier im Haus wird es wohl die letzte Etappe sein. Es schön und wichtig, noch einmal zurückzublicken, auf ein erfülltes langes Leben. Es freut mich, dass ich dabei habe ich helfen können. Da habe ich mir sehr lange überlegt, was mache ich, damit die Menschen anonym bleiben können und trotzdem eine Individualität bekommen. Um dem Leser das zu erklären, muss ich erzählen, wie ich zu den Fotos gekommen bin.

Es ist ja nicht meine Idee…

Es war die Idee der „Naschkatze“, eine Dame charakterisierte sich so selber in ironischer Weise, das fand ich eigentlich recht lustig.

Als sie mir eine Tafel Schokolade schenken wollte, bat sie mich, den Kühlschrank aufzumachen. Da war der Kühlschrank voll mit Schokolade: links Traube-Nuss, rechts in hellem Papier Milchschokolade und in der Mitte Edelbitter mit 70% Kakaoanteil, von jeder Sorte mindestens 10 Stück, einige Packungen Kekse vervollständigten den Vorrat. Natürlich war der Vorrat nicht nur für die Naschkatze….auch das „Beckerchen“ bekam was ab und bestimmt andere auch.

Ich bekam auf jeden Fall die gute Idee, und so waren sie alle geboren: Der Wandervogel und der Zugvogel, die Spportsfreundin und die Spaziergängerin……….

Ich habe mich an diese uralte Fernsehsendung „Welches Schweindel hätten Sie denn gern?“ respektive „Lustiges Beruferaten“ erinnert. Da mussten die Personen, deren Beruf man erraten sollte, eine für diesen Beruf charakteristische Handbewegung zeigen. Das war die absolute minimalistische Reduktion eines komplexen Zusammenhangs. Wir reduzierten die Erzähler auf eine bildlich darstellbare Eigenschaft, manchmal ist diese Eigenschaft ein wesentlicher Bestandteil des Lebens, manchmal aber auch nur eine kleine Nebensächlichkeit. Das eine Mal ist meine Kamera das Auge und sieht mehr als der Erzähler oder die Erzählerin von sich verraten möchte, das andere Mal sieht sich die Person selbst und stellt sich dar mit ihrem Hobby oder Nebenberuf, von dem hier wahrscheinlich niemand etwas weiß.

Bei fast allen Fotos sieht man die alten Hände, wie schön und ausdrucksvoll sie doch sind. Sie umfassen liebevoll einen Gegenstand, der ihnen etwas wert ist, manchmal spielen sie gedankenvoll mit einem Gegenstand. Klar wird mit diesen Fotos, dass das Bild Träger von Information und auch Emotion ist, man muss diesen Menschen einfach mit Sympathie begegnen. Natürlich sind es keine Kunstfotos – ich bin ja keine Fotografin und habe auch kein tolles Equipement. Sie sind aber so lebendig und zeigen mit leichter freundlicher Gelassenheit, was den Menschen hier das Leben noch gibt und was ihnen das Leben noch lebenswert macht. Die Quintessenz ist: Eleganz ist Eleganz – auch mit Rollator. Beim Zuhören hier im Haus ist mir so manches klar geworden, was viele Jahre Studium und Beschäftigung mit Menschen in Wirklichkeit und in der Literatur in dieser Innerlichkeit nicht geschafft haben. In dieser Klarheit und Tiefe war mir – und hier führe ich nur ein Beispiel unter vielen an – nicht klar, was mit diesen Menschen in der ersten Hälfte des 20.Jh geschehen ist. Der 16jährige Junge, der auf die Patrouille geschickt wird, der 9jährige, dem die halbe Familie getötet wird, alle wurden sie durch den Krieg traumatisiert, die Fluchten , die Bunkernächte, die Ängste, der Hunger. Hier schließt sich der Kreis: das Erleben verbindet diese Menschen.

Aber das ist ja das Schöne an der Gevita: Hier findet man die weite Welt und die Nähe, das Gestern und das Heute, das Alte und auch oft das Junge…….

Und alle geben Ihnen gute Gedanken mit auf Ihre Lebensreise, so auch Olga

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einige Gedanken zu “Schlusswort: „Die Lebenslinie ist diese große Linie in der Handinnenfläche…”

  1. Anonymous

    Herzlichen Glückwunsch,

    es hat sich wirklich gelohnt, nach dem Motto:

    es gibt Waldwege,
    Bergpfade,
    Umwege,
    Auswege,
    Durchgänge,
    Fahrradwege,
    Gehwege….
    Du wirst den richtigen Weg für Dich finden!

    Liebe Grüße

    Renate

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