Die Ankunft

FluchtAuf der Flucht ist Frau Bürgen schon wieder. Der Sohn hatte sie in der Sonnenschein Residenz abgestellt. Drei fröhliche Männer reichten die Möbel durchs Fenster, denn ihre kleine Wohnung war im Erdgeschoss: Eine Einzimmerwohnung für knapp 1000€ (all inclusive). Viel zu viel Möbel für die 35 m2 . Zum Bett führte ein schmaler Gang, alles war voll mit Sessel, Couchtisch, Blumentöpfen und einigen Umzugskartons dazwischen, die sie nun auspacken sollte.

Das konnte sie aber nicht, es ging einfach nicht. Einige Tage konnte sie die Kleider nicht wechseln, sie trug ja noch die Trauerkleider nach altem Brauch. Ihr Mann war erst vor sechs Monaten gestorben. Mit ihrem Rollator drehte sie die Runden zwischen Zimmer, Speisesaal, Schwesternzimmer, Aufenthaltsraum, dann wieder Zimmer, das falsche, sie landete im Garten, sie wanderte zurück, das Zimmer verschwand so langsam im Fluchtwinkel der Erinnerung. Warten auf den nächsten Transport, der Zug kam und kam nicht. Der Sohn war plötzlich Ankunft

verschwunden, alle waren sie verschwunden, weg, sie war vom Treck zurückgeblieben zwischen Café und Rezeption, ihr wurde schwindlig, dunkel im Kopf: „Schwester, holen Sie einen Arzt, ich muss ins Krankenhaus!“

Oh, mein schönes Siebenbürgen, warum musst ich dich verlassen.

Siebenbürgen, Land des Segens

Land der Fülle und der Kraft,

mit dem Gürtel der Karpaten

um das grüne Kleid der Saaten

Land voll Gold und Rebensaft.

 

Beide Bilder sind aus dem Internet, Haus der Geschichte, Bonn


Die Friseuse

Man sagt, Frau X. sei völlig dement. Sie wurde getestet, sie wurde behandelt, sie wurde schließlich auf die dementen Abteilung der Sonnenschein Anlage – Betreutes Wohnen für Senioren – gebracht.

Frau X. sollte es gut haben, man kümmerte sich um sie, eine aprobierte und examinierte Alltagsbetreuerin nahm sie mit zu den Veranstaltungen der Seniorenanlage: es gab für alle etwas: Wortspiele für die Schnelldenker, Sitztanz für die Gehbehinderten, Singen für die Musikalischen und Essen für die Hungrigen.

Haar 2

Gehbehindert war Frau X. nicht, im Gegenteil, sie ging strahlend und freundlich lächelnd überall hin, allein oder in Begleitung, wobei die langen einsamen Spaziergänge, an die sie sich noch dumpf erinnerte, ihr sehr schwer gemacht wurden. Manchmal ärgerte sie das, aber meistens fand sie ganz schnell wieder ihr Gleichgewicht, wenn sie irgend etwas Schönes in die Hände bekam. Frau X. liebte alles Schöne, vor allem die Schönheit der Frauen, denn damit hat sie sich ein Leben lang beschäftigt: Sie war Friseurmeisterin und Kosmetikerin und in ihren besten Zeiten war sie die Chefin von drei Friseursalons im Landkreis.

Die Pflegerin Swetlana brachte Frau X. in die Sitztanz-Gruppe. Alles war schön vorbereitet, denn es ging ja nicht nur um die Bewegung, sondern auch um das Gefühl und den Geist:

Fürs Gefühl stand in der Mitte des Kreises eine Plastikblume, je nach Jahreszeit ausgewählt, für den Geist gab’s einen Sinnspruch oder ein Gedicht, auch je nach Jahreszeit ausgewählt (dank Internet, mit einem Mausklick gefunden) und für’s Gehör die CD, für den Körper die Bewegung. Dafür hatte die Dame vom Sozialdienst bunte Perlontücher schon auf die Stühle gelegt, die sollten nun zum Mexikanischen Walzer geschwungen werden.

Frau X. strahlte und band sich das mauve-farbene Tuch um den Hals. Freundlich und hübsch geschmückt schaute sie dem Rauf und Runter der bunten Tücher zu, die von den anderen alten Damen geschwenkt wurden. Gelassen, ruhig lächelte sie in die Runde, sie hatte in ihrem langen Arbeitsleben schon viel Unverständliches gesehen und gelernt zu allem zu lächeln. Doch  nach fünf Minuten packte sie der Wandertrieb, sie musste ganz einfach gehen. Die Dame Alltagsbegleiterin war mit Zählen (dreimal rechts und dreimal links) beschäftigt, an der Tür gab es keinen Zahlencode und so konnte sie ganz schnell entschwinden. Zielsicher ging sie durch die langen Gänge im Untergeschoss des Gebäudekomplex’ von Sonnenschein-Stadt. In diese Richtung war sie noch nie gegangen und trotzdem fand sie ihren Zielort, den kleinen Friseurladen, die Filiale ihres ehemaligen Konkurrenten Herrn Friseurmeister Y. aus der kleinen Kreisstadt, in der sie ihr ganzes Leben verbracht hatte. Sie kam an der Tür vom Friseur an, betrat unaufgefordert den Raum,  setzte sich in die Ecke und beobachtete Frau Hilde, wie sie die Lockenwickel für eine Dauerwelle eindrehte. Glücksgefühl drang ihr ins Herz, hier kannte sie sich aus, hier wollte sie bleiben. Da ist sie nun stundenlang, grüßt freundlich in die Runde, reicht eine Zeitschrift, glücklich setzt sie sich in die Reihe der Wartenden. Manchmal steht sie auf, nimmt den Besen und kehrt die abgeschnittenen Haare in die Ecke, sie macht das so, wie sie es jahrelang gemacht hat: zuerst als Lehrling, später als Chefin, jetzt ist sie wieder unten angekommen, der Kreis hat sich geschlossen.

Sie ist damit zufrieden.

 


Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha


Quijote 4
Gestern vor 400 Jahren verstarb Cervantes, der Verfasser des Don Quijote. Im Jahr 1621 ist „Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha“ auf Deutsch erschienen.  Man sagt, es ist der berühmteste Roman der Welt, Vater aller Romanformen. Der Quijote vereinigt in sich, die verschiedenartigsten Textsorten, er ist ironisch, lustig, ernst und philosophisch wie sein Protagonist. Sein Verfasser, Miguel de Cervantes, schrieb gegen die Zensur an, das müssen so manche Schriftsteller heute noch, das ist ein Grund dafür, dass der Roman heute noch so modern ist. Einige Kapitel erscheinen als Kinderbücher, die letzten Kapitel sind philosophisch. Ich lese ab und zu ein paar Abschnitte. Mein Buch sieht so aus, wie Don Quijote oft nach seinen Abenteuer aussah: Zerschlagen und zerrupft, verletzt und gedemütigt, aber er gibt nicht auf, mein Quijote ist auch noch da, auch er hat eine weite Reise hinter sich.:

Es könnte heute vor 20 Jahren gewesen sein, dass ich diesen Roman im kommunistischen Havanna gekauft habe, und zwar für 30 Pesos Cubanos in einer Hinterhofbuchhandlung, die so illegal war wie fast alles in den 90er Jahren. Das Buch Offiziell gab es dieses Buch nicht mehr, mangels Papier waren  fast alle Veröffentlichungen eingestellt worden. Bücherverbrennungen gab es keine, so wie sie der Pfarrer und der Hausverwalter mit Quijotes Bibliothek veranstalten. Für ein Verschwinden der Bücher sorgte die Mangelwirtschaft und die Blockade der Amerikaner. Die Menschen, die Bücher liebten, gab es, sie kümmerten sich um Restbestände, sie trieben einen verbotenen Handel, es wurden sogar Manuskripte abgetippt.  Der Kommunismus hatte auch  viele öffentliche Bibliotheken eingerichtet, ich glaube sogar in jedem Stadtviertel.

Viele Menschen haben auch Sehnsucht nach einem eigenen Buch, dafür gab es den Schwarzhandel. Warum nicht? Es gab doch für alles einen Schwarzmarkt: für Zigarren  und Schinken, für Brötchen und Joghurt, „alles“ war es nicht, aber vieles. Der Don Quijote kostete trotz seines desolaten Zustandes  22 – 25 % eines durchschnittlichen Monatsgehalts. Das war ein stattlicher Preis für Käufer und Verkäufer.

Es war eine verrückte Welt ………  Nicht weniger verrückt als die Welt, die Cervantes angetroffen hat.

Meine Ausgabe

Quijote 3

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das ist die neue Übersetzung von Susanne Lange, die Sprache soll so modern sein wie der Inhalt, sie wird von allen Kritikern empfohlen…

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Hedwig die Erste kommt nochmal

Die Deutsche Alzheimergesellschaft hatte neben ihrem offiziellen Internetauftritt noch einen Blog, auf dem Menschen ihre persönlichen Erfahrungen mit dieser Krankheit austauschen konnten. Im Oktober 2015 konnte man lesen: „Der Alzheimer BLOG war seit seinem Start am Welt-Alzheimertag 2008 eine Plattform für Betroffene, Angehörige und Profis, die hier ihre Erfahrungen mitteilen und sich austauschen konnten.“ Zwei Jahre lang habe ich Bildergeschichten und Anekdoten für diesen Blog geschrieben. Jetzt kommt die Bildergeschichte hier noch einmal.

Ich hatte vor über 20 Jahren die ersten Erfahrungen mit dementen Angehörigen. Damals hat man noch vertuscht und so getan, als ob das alles gar nichts wäre. Durch das Coming-Out von einigen bekannten Persönlichkeiten ist  Demenz in die Öffentlichkeit gerückt.

Da habe ich in kleinen Anekdoten von den Begegnungen mit dementen Menschen hier im Haus erzählt und – das war mir besonders wichtig – das eigene Erleben von Demenz in der Familie in lustige Bildergeschichten umgesetzt.

Wenn man über diese Erlebnisse spricht, kann man den Schmerz und die Verstörung besser verarbeiten, die man bei der Begegnung mit seinen dementen Angehörigen empfindet. Der Erwachsene fragt sich, was aus der verehrten Mutter geworden ist. Die Tochter findet ihren Vater nicht mehr in dem alten Menschen, der vor ihr sitzt und vor sich hin brabbelt. Der Sohn erkennt sein langjähriges Vorbild nicht mehr, sein Vater ist wie ein fremder Mensch. Dazu kommt noch, dass die Demenz einen Angstschatten vorauswirft, wir alle haben Angst, selbst dement zu werden. Bei jedem kleinen Vergessen schießt der Gedanke „jetzt ist es soweit!“ durch den Kopf.

Die kleinen Bildergeschichten sollen das an sich unlösbare Problem auf einer ganz anderen Ebene, nämlich der emotionalen, lösen.

 


Das Perlhuhn

Ich wollte zum Frühlingsanfang ein kleines Gedicht, etwas ganz besonderes, keine lauen Lüfte und keine blauen Bänder…..

Da bin ich auf dieses Gedicht von Christian Morgenstern gestoßen – es ist von 1929 –

 

Das PerlhuhnIMG_2850

Das Perlhuhn zählt: eins, zwei, drei, vier…

Was zählt es wohl, das gute Tier,

dort unter den dunklen Erlen?

 

Es zählt, von Wissensdrang gejückt,

(die es sowohl wie uns entzückt):

die Anzahl seiner Perlen.


Weltgebetstag der Frauen (Kuba)

Nehmt Kinder auf und ihr nehmt mich auf.

Das ist das Thema des diesjährigen Weltgebetstag, das Land ist Kuba.

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Da ich in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts einige Jahre in Kuba gelebt hatte, ging mir so einiges durch den Kopf. Damals war das kommunistische Kuba  sehr abgeschottet und der Tourismus steckte noch in sei
en Anfängen. Die Leute waren sehr arm, und es existierte eine Schattenwirtschaft. Zu Beginn meines Aufenthalts war der Dollar noch verboten, die wenigen Dollargeschäfte in Havanna waren nur für uns „Ausländer“, für die Kubaner galt die Li
reta, d.h. die offizielle Zuteilung des Staates, denn die Rationierung bestand auf dem Papier immer noch. Die Zuteilungen für Erwachsene waren zwar unter dem Existenzminimum, doch für Kinder gab es mehr, weil  dem kommunistischen Staat klar war, wie wichtig die Kinder sind, gab es für jedes Kind jeden zweiten Tag einen Liter Joghurt. Da ein Kind nicht allein von Joghurt leben kann, wanderte diese braune Flasche weiter in die Schattenwirtschaft, so dass man sie auf dem Schwarzmarkt finden konnte. Sie kostete 10 Pesos Cubanos, ein Polizist verdiente damals 120 Pesos Cubanos, wie mir der Polizist erzählte, der mit seiner jungen Frau bei uns in der Garage wohnte.

Jetzt zu der Kindergeschichte, die mir durch den Kopf gegangen ist:

Im Stadtteil Playa gibt es ein paar Stellen, da konnte man im Meer baden. In den 90er Jahren war das Meer dort absolut sauber, es gab praktisch keinen motorisierten Verkehr auf dem Meer. Wegen der Blockade zog nur ganz selten, weit entfernt ein Dampfer Richtung Hafen, alles was auf dem Wasser schwimmen konnte, war verboten, schließlich sollte kein Mensch die Insel verlassen können. Nennenswerte Industrie gab es auch nicht, und wenn es sie gäbe, hätte sie damals wegen Energiemangel den Betrieb eingestellt. Verboten
war auch jede Bewirtung, also gab es keinen Kiosk, keine Colabude, keinen Strandverkäufer. Es war Baden pur, nur Salzwasser,Sonne und Betonsteine auf denen man sich von der Sonne verbrennen lassen konnte. Das Spielen der Kinder war auch moderat, weit und breit gab es nur einen Ball, und zum Mitspielen musste man sich in einer Schlange anstellen.

Nicht weit vom Strand hatte mein Mecanico seine Wohnung und verborgen dahinter seine kleine illegale Werkstatt. Ich saß mal wieder auf der Terrasse im Schatten und wartete auf den Zündkerzenwechsel. Seine Mutter servierte mir ein Glas eiskaltes  Wasser und leistete mir Gesellschaft, wir schaukelten in den Stühlen, sie jammerte über die schlechten Zeiten und ich hörte zu.

Eine Kinderstimme unterbrach ihr Gejammer: „Senora,por favor!“ Ich schaute hoch und sah drei spillrige Jüngelchen zwischen 6 und 13 Jahre alt in Badehosen an der Gartentür stehen. Sie waren rot verbrannt, naßgeschwitzt und fix und fertig.

Der Größte hielt eine kleine Geldmünze (5 oder 10 Centavos)* in der Hand und bat die Senora um ein Glas Wasser. Ganz selbstverständlich nahm die alte Dame das Geld, ging in den Nebenraum und holte aus dem alten russischen Kühlschrank ein Glas Wasser, stellte es elegant auf ein kleines Tablett und servierte es dem großen Jungen. Die beiden kleinen bettelten mit gierigen Augen auch um ein Glass Wasser, Madame schüttelte den Kopf und blieb eisern bei ihrem Nein. „In diesem Leben gibt es nichts umsonst, auch mir wurde nichts geschenkt!“ sagte sie mehr oder weniger sinngemäß.

Über 50 Jahre hatte man ihr Solidarität gepredigt. Ob die Kirchen nun mehr Erfolg haben?

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Zum Valentinstag

 

……und hier das Original:

Ich habe dich so lieb

Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
eine Kachel aus meinem Ofen schenken.
Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
leuchtet der Ginster so gut.
Vorbei–verjährt–
doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
ist leise.
Die Zeit entstellt alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.
Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache in einem Sieb.
Ich habe dich so lieb.

(Joachim Ringelnatz)

zitiert nach

http://www.yolanthe.de/lyrik/ringeln03.htm



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