Makuladegeneration

Vor zwei Jahren habe ich zum ersten Mal eine kleine Bildergeschichte über die Augenkrankheit Makuladegeneration gemacht. Anlass: Eine alte Dame hat mir ein Bild gezeigt, das in der Mitte verschwommen war und sagte:“Guck mal, so seh ich die Welt!“ Mir ist das nahe gegangen, ich versuchte, die Welt mit ihren Augen zu sehen. Ich habe die Bildergeschichte auf meinen Blog gestellt, andere haben sich auch dafür interessiert. Inzwischen bin ich technisch viel versierter (auch im Alter lernt man noch so einiges), deshalb habe ich nochmal eine Bildergeschichte über eine Dame mit diesem großen Problem gemacht, sie Dame heißt nicht Makula Degen, es ist Frau Dr.Dr.phil. Dagmar Lakuta.


Dibbelabbes

Dibbelabbes 1 Frau H. ist nicht hundert geworden, vor ein paar Wochen ist sie gestorben. Sie kam aus dem Saarland. Als Nachruf kommt hier ein Gedicht, das sie selbst geschrieben hat: Dibbelabbes.

Aus persönlichen Gründen hat es sie hierher in den Süden verschlagen: Alemannisch und saarländisch ist eine eigene Mischung. Was dem einen seine Röschti, sind dem andern sein Dibbelabbes. Beides sind Kartoffelgerichte. Deutschland ist ja das Kartoffelland, gekocht, gebraten, geschnetzelt, gerieben, als Suppe, als Beilage und als Hauptgericht,  dazu gehört der saarländische

Dibbelabbes.

Um denne Ausdruck zu verstehn,

do muss mer no Saarbrigge gehn.

runner un ruff im ganze Land

ist das Gericht gar wohlbekannt

mer nemmt paar Krummbier, rappt se fein,

a dicki Zwiwwel schneid ma klein,

das würzt ma gutt, wie jedes Esse,

mit Pfeffer, Salz auch Petersilie nit vergesse

Speck, wenn ma keen Cholesterin hat,*

ansonsten nehmt ma  Dürrfleisch –

bische wär er  besser

In Scheibe geschnitt mit me scharfe Messer

dann kommt  Fett in a passende Pann,

Es Dürrfleisch brot mer dodrin an.

a Viertelstund von jeder Seit,

dass es dort ach Kruschter geit,

dann is es so weit.

Die Krummbeere dazu

un e Deckel druff.

A Viertelstunde und man kann ne esse

Mit me selbstgekochte Apfelmus.

Was guts zu trinke sollt mer nit vergesse

Jetzt misse mer nit lange schwätze,

was dies un jenes heischt

de Wolfgang kanns euch übersetze,

denn ihm fällt es leicht.

Die Ilse wünscht dem lieben Paar

Viel Glück und Segen 100 Jahr

Im Internet findet man Erklärungen:

Worttrennung:

Dib·be·lab·bes, Plural: Dib·be·lab·bes·se

Bedeutungen:

[1] traditionelles saarländisches Kartoffelgericht, vergleichbar mit Reibekuchen

Herkunft:

[1] „Topflappen“, aus Dibbe (saarländisch der Topf) und Labbes (Lappen)

Synonyme:

[1] Schales

Beispiele:

[1] Ich habe Lust auf Dibbelabbes!

und einen Haufen Rezepte, aber keines ist so scharmant wie das von Frau H.. Sie hat zur Hochzeit ihres Neffen dieses Gedicht gemacht: das Rezept für Dibbelabbe. Es ist schon eine ganze Weile her, ob die Ehe noch besteht, wissen wir nicht, aber den Dibbelabbe gibt es immer noch und in der Regionalküche immer häufiger.

 


Das Unwort des Tages

EierDas Unwort des Tages

Sonnenscheinresidenz heißt seit neuestem Pflegewohnen, das ist etwas ganz anderes. Vor ein paar Jahren nannte man das noch „Betreutes Wohnen“. Man kann sich denken, was sich da klammheimlich geändert hat.

Frau B. ist noch relativ fit und keineswegs dement, manchmal muss sie aber schnell auf die Toilette, weil der Arzt ihr Wassertabletten verschrieben hat. Sie war im Keller.

Um in ihre Wohnung zu kommen, muss sie den Lift benutzen, und wie so oft kam und kam er nicht. Sie hörte am Eingang kräftige Männerstimmen und Möbelschieben. Sie ging die eine Treppe hoch und sah eine Tür im Lifteingang stehen, zwei hübsche junge Männer kamen mit einer weiteren Schranktür. Frau B. drängelte sich dazwischen, denn der Druck auf die Blase wurde immer größer, und sagte: „Jetzt geht’s aber los!“ Die jungen Männer wollten aber noch ein weiteres Schrankteil holen. „Das können Sie in einem Altersheim doch nicht machen!“ beschwerte sich Frau B. Da schaute der eine der beiden – der sehr hübsche Mann – mit seinen schwarzen Knopfaugen mitleidig auf sie herunter und sagte mit einem tiefen Seufzer: „Oh, Alzi!“

In Erinnerung an die guten alten Zeiten der Emanzipation sagte Frau B. ganz gelassen:

„Junger Mann, ich trete Sie in die Eier.“

Das hätte sie gar nicht gekonnt, zwischen beiden lehnte nämlich die Schranktür.

Es war nicht gut zu erfahren, dass es jetzt neben den Schwulis und den Spastis auch Alzis gibt.


Roswitha und Elisabeth

Diese Doppelgeschichte stand schon einmal im Internet, und zwar auf dem Alzheimerblog, leider wurde dieser Blog der Deutschen Alzheimergesellschaft beendet. Alle Dateien wurden entfernt, hier ist das Internet so vergesslich wie die Menschen, die diese Krankheit haben. Mein Rechner hat die beiden Damen nicht vergessen und ich auch nicht, begegne ich ihnen doch ab und zu. Ich habe die Geschichte neu zusammengestellt und  zwei Bilder von Waltraud Stern dazu ausgesucht.

Tanz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tanz

Die Variante in Rosa

Da ist sie, Elisabeth, schon länger. Mit starrem Blick läuft sie die Gänge auf und ab und ab und auf oder mal ums Haus bei schönem Wetter. Geht man an ihr vorbei sagt sie immer:“Schönen Tag!“ oder „Alles Gute!“. Dann sitzt sie stundenlang in einem Sessel vor dem Empfangsschalter der Rezeption. Den Kopf auf die Arme gestützt, sinniert sie über den Lauf der Welt, aber wohlerzogen schaut sie hoch, immer wenn jemand vorbeigeht: “Einen schönen Tag auch!“

Von schrecklichen Erlebnissen wird gemunkelt, niemand weiß aber nichts. Manchmal geht es ihr einen Hauch besser, dann kann man sogar ein paar Worte mit ihr reden.

Und nun die andere: Sie ist noch nicht lange hier, sie wirkt kokett. Hatte wohl irgend etwas mit Mode zu tun. Mit hoch erhobenem Kopf huscht sie durch die Gänge, immer in Bewegung und immer auf dem Weg zu einer wichtigen Verabredung, die sie gerade neu erfunden, weil sie die alte vergessen hat.

Sie heißt Roswitha.

Elisabeth und Roswitha haben sich gefunden. Sind jetzt Freundinnen. Aus der tagelangen Einsamkeit sind beide nun herausgetreten in die stundenlange Zweisamkeit:

Sie sitzen vergnügt auf dem Sofa im Aufenthaltsraum und gackern und lachen und freuen sich des Lebens.

Roswitha hat die jahrelange Isolation von Elisabeth aufgebrochen, sie hat einen Einlass in deren Welt gefunden und wie verliebt schauen sie sich an und schaffen sich eine neue nach dem Motto:

Wenn dir diese Welt nicht gefällt, dann schaff dir eine neue.

und hier der dunkle, blaue Schluss…..

frauinblau

 

Vorbei geht Frau S., schiebt den Rollator vor dem dicken Bauch, Schritt für Schritt arbeitet sie sich voran, kneift die Lippen zusammen, schaut auf die beiden alten Mädchen und presst zwischen den Zähnen hervor: „Und lesbisch sind sie auch!!“
Ihre ordentlich gefügte Welt hat einen tiefen Riss bekommen, weil Sodom und Gomorrha auch im Altersheim Einzug genommen hat.


Frau in Blau


Frühsommer

Sommerspuren 120x120
Lothar Walsdorf:
Das Geschenk
  Du hast mir Sonnen gebracht
und drei rote Königinnen
zum Strauß gebunden
mit Schleiergras
und mit
Ringelrosen vermischt…
 und nun habe ich einen schönen Garten
in der Vase von dir

Das Gedicht von Lothar Walsdorf passt gut zum meteorologischen Sommeranfang am 1.Juni, dazu ausgesucht habe ich ein neues Bild von

http://www.waltraud-stern.de

Sommerspuren


Die Ankunft

FluchtAuf der Flucht ist Frau Bürgen schon wieder. Der Sohn hatte sie in der Sonnenschein Residenz abgestellt. Drei fröhliche Männer reichten die Möbel durchs Fenster, denn ihre kleine Wohnung war im Erdgeschoss: Eine Einzimmerwohnung für knapp 1000€ (all inclusive). Viel zu viel Möbel für die 35 m2 . Zum Bett führte ein schmaler Gang, alles war voll mit Sessel, Couchtisch, Blumentöpfen und einigen Umzugskartons dazwischen, die sie nun auspacken sollte.

Das konnte sie aber nicht, es ging einfach nicht. Einige Tage konnte sie die Kleider nicht wechseln, sie trug ja noch die Trauerkleider nach altem Brauch. Ihr Mann war erst vor sechs Monaten gestorben. Mit ihrem Rollator drehte sie die Runden zwischen Zimmer, Speisesaal, Schwesternzimmer, Aufenthaltsraum, dann wieder Zimmer, das falsche, sie landete im Garten, sie wanderte zurück, das Zimmer verschwand so langsam im Fluchtwinkel der Erinnerung. Warten auf den nächsten Transport, der Zug kam und kam nicht. Der Sohn war plötzlich Ankunft

verschwunden, alle waren sie verschwunden, weg, sie war vom Treck zurückgeblieben zwischen Café und Rezeption, ihr wurde schwindlig, dunkel im Kopf: „Schwester, holen Sie einen Arzt, ich muss ins Krankenhaus!“

Oh, mein schönes Siebenbürgen, warum musst ich dich verlassen.

Siebenbürgen, Land des Segens

Land der Fülle und der Kraft,

mit dem Gürtel der Karpaten

um das grüne Kleid der Saaten

Land voll Gold und Rebensaft.

 

Beide Bilder sind aus dem Internet, Haus der Geschichte, Bonn


Die Friseuse

Man sagt, Frau X. sei völlig dement. Sie wurde getestet, sie wurde behandelt, sie wurde schließlich auf die dementen Abteilung der Sonnenschein Anlage – Betreutes Wohnen für Senioren – gebracht.

Frau X. sollte es gut haben, man kümmerte sich um sie, eine aprobierte und examinierte Alltagsbetreuerin nahm sie mit zu den Veranstaltungen der Seniorenanlage: es gab für alle etwas: Wortspiele für die Schnelldenker, Sitztanz für die Gehbehinderten, Singen für die Musikalischen und Essen für die Hungrigen.

Haar 2

Gehbehindert war Frau X. nicht, im Gegenteil, sie ging strahlend und freundlich lächelnd überall hin, allein oder in Begleitung, wobei die langen einsamen Spaziergänge, an die sie sich noch dumpf erinnerte, ihr sehr schwer gemacht wurden. Manchmal ärgerte sie das, aber meistens fand sie ganz schnell wieder ihr Gleichgewicht, wenn sie irgend etwas Schönes in die Hände bekam. Frau X. liebte alles Schöne, vor allem die Schönheit der Frauen, denn damit hat sie sich ein Leben lang beschäftigt: Sie war Friseurmeisterin und Kosmetikerin und in ihren besten Zeiten war sie die Chefin von drei Friseursalons im Landkreis.

Die Pflegerin Swetlana brachte Frau X. in die Sitztanz-Gruppe. Alles war schön vorbereitet, denn es ging ja nicht nur um die Bewegung, sondern auch um das Gefühl und den Geist:

Fürs Gefühl stand in der Mitte des Kreises eine Plastikblume, je nach Jahreszeit ausgewählt, für den Geist gab’s einen Sinnspruch oder ein Gedicht, auch je nach Jahreszeit ausgewählt (dank Internet, mit einem Mausklick gefunden) und für’s Gehör die CD, für den Körper die Bewegung. Dafür hatte die Dame vom Sozialdienst bunte Perlontücher schon auf die Stühle gelegt, die sollten nun zum Mexikanischen Walzer geschwungen werden.

Frau X. strahlte und band sich das mauve-farbene Tuch um den Hals. Freundlich und hübsch geschmückt schaute sie dem Rauf und Runter der bunten Tücher zu, die von den anderen alten Damen geschwenkt wurden. Gelassen, ruhig lächelte sie in die Runde, sie hatte in ihrem langen Arbeitsleben schon viel Unverständliches gesehen und gelernt zu allem zu lächeln. Doch  nach fünf Minuten packte sie der Wandertrieb, sie musste ganz einfach gehen. Die Dame Alltagsbegleiterin war mit Zählen (dreimal rechts und dreimal links) beschäftigt, an der Tür gab es keinen Zahlencode und so konnte sie ganz schnell entschwinden. Zielsicher ging sie durch die langen Gänge im Untergeschoss des Gebäudekomplex’ von Sonnenschein-Stadt. In diese Richtung war sie noch nie gegangen und trotzdem fand sie ihren Zielort, den kleinen Friseurladen, die Filiale ihres ehemaligen Konkurrenten Herrn Friseurmeister Y. aus der kleinen Kreisstadt, in der sie ihr ganzes Leben verbracht hatte. Sie kam an der Tür vom Friseur an, betrat unaufgefordert den Raum,  setzte sich in die Ecke und beobachtete Frau Hilde, wie sie die Lockenwickel für eine Dauerwelle eindrehte. Glücksgefühl drang ihr ins Herz, hier kannte sie sich aus, hier wollte sie bleiben. Da ist sie nun stundenlang, grüßt freundlich in die Runde, reicht eine Zeitschrift, glücklich setzt sie sich in die Reihe der Wartenden. Manchmal steht sie auf, nimmt den Besen und kehrt die abgeschnittenen Haare in die Ecke, sie macht das so, wie sie es jahrelang gemacht hat: zuerst als Lehrling, später als Chefin, jetzt ist sie wieder unten angekommen, der Kreis hat sich geschlossen.

Sie ist damit zufrieden.

 


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