Sieh ihn dir an …

Tod 1 Vaters Tod

Mein Vater, Gustav F., starb zu Hause. Er war verhungert. Er wollte nicht mehr essen und deshalb war er gestorben. Vielleicht konnte er auch nicht mehr essen. Der Hausarzt war gnädig: Jetzt lasset mer die Herztabletten weg.“ Das war eine Anordnung. Die Krankenschwester, die jeden Tag kam, war voller Mitleid: „Jetzt den mer den Kadeder nemme wechsle.“ Das war eine Feststellung. Meine Schwester sagt: „Vater, jetzt ess doch noch was.“Meine Mutter kam mit der Schnabeltasse und tröpfelte die Astronautennahrung in den Mund. Vater schaute verzweifelt und kniff die Lippen zusammen. Ich sagt: „Oh, bitte, bitte, nur ein Schlückchen.“ Der Mund blieb ein Strich. Das ging vier Tage, dann war er tot. Morgens gestorben, wie ein Mensch das so macht, in der Stunde zwischen Nacht und Tag hatte sich die Seele davon gestohlen. Zurück blieb ein Skelett.

Da lag er nun aufgebahrt im Schlafzimmer der Eltern, auf seiner Seite und wartete, dass man ihn holte zu seiner letzten Feier. Die Leiche ist geduldig. Im Wohnzimmer saß die Familie um den Tisch und betrachtete mit der Bestatterin Kataloge und Angebote, das Preis-Leistungsverhältnis taxierend, abwägend, was zu verantworten war gegenüber den Erben und zu beachten gegenüber dem Dahingeschiedenen.

Meine Mutter verlor an diesem Tag den Bezug zur Wirklichkeit. Wir hatten vor lauter Eichensarg und Leichenhemd das Läuten nicht gehört, meine Mutter schon, denn ihr Gustav war ja nicht gestorben, er lag in tiefem Schlaf wie verzaubert auf dem Bett. Er war ja nicht verschwunden, da war er noch in einem Zauberschlaf auf seiner Seite des Himmelbettes. Sie ging also raus und öffnete einem Mann die Tür, bat ihn herein, führte ihn ins Schlafzimmer und deutete auf die Leiche: „Jetzt gucket Se sich da mal ah, was passiert isch…..“

Es war der vor fast 14 Tagen bestellte Handwerker, der endlich die Waschmaschine reparieren sollte. Auch er war machtlos.


Novembergeschichten

img_1120Mein Vater

 

Ich denke, er ist ganz froh und hoffnungsfroh ins Leben gestartet.

Die Stationen seines Scheiterns will ich nicht aufzählen, weil ich es gar nicht kann.

Er war über 40, als ich auf die Welt mich drängte: Er kam aus dem Krieg, ich aus dem Bauch meiner Mutter. Könnte es sein, dass beide wir in eine feindliche Umgebung trafen?

Er war sechs Jahre Soldat, Sanitäter in Frankreich. Wenn er vom Krieg sprach, dann waren das die Dünen von La Rochelle, die Oper von Bordeaux, die Museen von Paris. Ein Jugendtraum war mit dem Krieg in Erfüllung gegangen – er lernte Französisch, er durfte reisen, er sah die Schlösser an der Loire. Ohne Krieg wäre alles für ihn unerreichbar gewesen.

Nie sprach er über die dunklen Seiten.

Auf die Welt kam er vor dem ersten Weltkrieg. Er hätte so gern Medizin studiert, aber das war ihm vom Elternhaus verwehrt. Ein paar Kurzschuljahre in der überfüllten Volksschule und dann rein in die Lehre, dann den Vater vertreten, der mit goldener Uhrkette auf dem Bauch in der Pferdekutsche zum Kundentrinken übers Land fuhr. Er arbeitete für ein paar Reichsmark.

Der Traum vom anderen Leben war aber immer präsent, die Hoffnung schien sich in den zwanziger Jahren zu erfüllen: es wechselten Zeiten von jugendbewegten Freundschaften verbracht mit Arbeit, Sport und Spiel mit Zeiten der bedrohlichen Existenzängste.

Die Gleichschaltung nach der Machtergreifung empfand er nicht bedrohlich, er sah sich eher aufgewertet, er wurde Sportwart, trat als Geschäftsmann und Handwerksmeister in treuer Pflichterfüllung der SA bei und verspürte wieder Hoffnung, denn jetzt war endlich abends etwas Geld in der Kasse. Man hatte das elterliche Haus und Geschäft übernommen und musste die Geschwister auszahlen, das konnte man jetzt in Angriff nehmen. Schöne Zeiten brachen aus: Zwei Töchter kamen auf die Welt, so hätte es weitergehen können.

Im September 1939 musste er gehen und im Herbst 1945 kam er wieder zurück.  Das Schicksal hatte ihn verschont, er musste weder nach Afrika noch an die Ostfront. Er wurde Sanitäter. Das Assistieren im Feldlazarett verschaffte ihm eine verspätete Aufwertung. Diese langen Kriegsjahre  war er nicht mehr der ungebildete kleine Handwerker, der nichts lernen durfte, weil er nichts brauchte. Er reichte dem Operateur die Knochensäge und das Skalpell. Seine Feldflasche rettete ihm einmal das Leben bei einem „heimtückischen“ Partisanenüberfall.

200w_17163802985Stolz zeigte er später die Delle in der Blechflasche, so schlechte Munition hatten die Franzosen, er wurde nicht verletzt. Nicht verschont hatte es seinen Heimatort, die Stadt wurde noch in den letzten Kriegstagen beim Einmarsch der Franzosen völlig zerstört, die Familie aber lebte, (drei Töchter waren es jetzt), und das war das wichtigste. Fassungslos standen sie vor den Trümmern, nur das nackte Leben hatten sie gerettet. Da kam schon die vierte Tochter. Man half und behalf sich, krempelte die Ärmel hoch, räumte die Trümmer weg, und schon in den 50er Jahren hatte der Wiederaufbau angefangen. Tüchtig waren meine Eltern und fleißig, arbeiten hatten sie gelernt und immer wieder neu anfangen.

Jetzt gehörte mein Vater zu den Honorationen, auch er fuhr zum Kundentrinken übers Land, er stieg in einen VW Käfer, dann mit dem Wachsen des Wohlstands in einen BMW, um in die Traube Tonbach zu fahren oder in den Auerhahn oder in das Bareiss, aber nur am Sonntag, denn an den Werktagen wurde gearbeitet und dem Kunden „gedient“. Das war die durchgängige Haltung meiner Eltern: Dienen und viel Arbeiten. Der Traum nach Kultur und Bildung war meinem Vater aber immer geblieben: “Das mache ich mal, wenn ich berentet bin!“ behauptete er immer voller Hoffnung. Er schob raus und schob raus, noch ein Jahr arbeiten, nur noch bis der Kredit abbezahlt ist, nur noch, bis das und das passiert. Er arbeitete mit 65 weiter, mit 67 weiter, mit 70 weiter, mit 72 weiter … die Kinder waren darüber gar nicht glücklich, es gab viel Diskussionen mit dem Schwiegersohn und viel Gejammer über all die vertanen Möglichkeiten, es war wieder die Pflicht und das Dienen am Kunden, das ihn immer wieder ins längst verkaufte Geschäft trieb. Aber die Hoffnung hatte er immer noch, alle seine Hobbys auszuleben, diese Hoffnung verließ ihn nie. Als er endlich seine täglichen Fahrten ins Geschäft aufgab, als er endlich seinen Traum erfüllen wollte, da war er schon weit über 70. Er holte das Schreibwerkzeug, die Federn die Tusche das Papier, unterlegte ein Linienblatt und wollte wieder das Alfabet üben, er begann mit einem Spruch in einer schönen Antiqua, schrieb den selben Spruch mit einer Capitalis, dann wollte er mit Fraktur weitermachen. Er schrieb

Meine Zeit

 

 

 


Wilma, geboren im Urwald in Brasilien

(Das Bild aus ihrem Album zeigt einen erlegten Jaguar)

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Ich besuche Wilma in ihrer Wohnung. Sie erwartet mich auf dem Parkplatz, um mich einzuweisen und zur Wohnung zu geleiten. Im Wohnzimmer fällt das israelische Papierfähnchen auf, es ähnelt sehr dem argentinischen. Sie hat eine Freundin eingeladen, wir trinken zusammen Kaffee, Wilma betet, bevor sie anfängt zu erzählen, sie dankt für Speise und Trank. Auf die Frage, ob es einen Spruch aus der Bibel gebe, der für ihrganzes Leben wichtig gewesen sei, antwortet sie: „Ja. Der 37.Psalm:

Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird`s wohl machen…“

Nun beginnt Wilma zu erzählen:

Mein Vater war aus der Ukraine, er hieß Emil und hat1909 nach Schlesien geheiratet, da war er gut 20 Jahre alt. Meine Mutter hieß Emilie Blinta. Meine Eltern waren sehr fromm, mein Vater hat bei einer Gemeinde gepredigt und sogar Kinder getauft. In Schlesien war aber auch große Not, deshalb war Jahre vorher schon eine Tante nach Brasilien ausgewandert; sie hat

geschrieben:“Kommt, hier gibt`s Land, hier kriegt jeder Land“ Dann sind sie gegangen, beide haben große Hoffnungen gehabt. Das Land war aber nicht umsonst.Außerdem war es abgetragen, d.h. man hätte es sehr düngen müssen, um zu ernten!

Sie haben dort auch große Not gehabt, den Nachbarn sind die kleinen Kinder verhungert. Ich bin in Tucunduvar* geboren, das war in der Provinz Rio Grande do Sul, das ist ganz im Süden von Brasilien.

11 sind wir groß geworden, ich war die Jüngste. Einer ist dann ca 1946 in Argentinien

gestorben.

  1.   Das ist der berühmte Salto Yucumá, gemalt von

einem Verwandten 1990 (Plinta =Blinta)!

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Nach Argentinien kamen wir,  als ich 14 Jahre alt war. Dahin kamen viele Deutschbrasilianer, unsere Provinz war nur durch den Fluß Uruguay von Brasilien getrennt. Wir mussten als Reichsdeutsche Brasilien verlassen, außerdem hat man auf ein besseres Leben gehofft.*Der Vater hat alles Land verkauft, mit dem Geld konnten wir in Argentinien neu anfangen. Wir waren wieder wie Flüchtlinge. Wir überquerten den rio Uruguay, weiter weg sind da die berühmten Wasserfälle von Yucumá. Im Sommer ist es dort sehr heiß, im Winter ist ein bisschen Frost. Es war in den Bergen. Wir gingen wieder in den Urwald, aber jetzt war das Land schon halb gerodet. Das warRegierungsland, das wurde uns gegeben, wir mussten eigentlich nichts zahlen, nur eine Gebühr für die Erlaubnis. Wir hatten ja noch das Geld von unserem Verkauf in Brasilien, davon konnten wir alles anschaffen, was wir so für den Anfang brauchten. Es war eine schwere Zeit, weil das Land so schlecht war, auch dieses Land war abgetragen.

 

img_3256Alles hat mein Vater gemacht in Brasilien und in Argentinien. Er musste ja die 11 Kinder groß kriegen: Von Haus aus war er Schuster, dann war er auch Schmied und Büttner (das ist Faßmacher), und er hat auch Kutschen gebaut.

Er sagt: „Du brauchst nicht in die Schule, du bist ein Mädchen.“ Dafür musste ich ihm in der Werkstatt helfen, ich musste beim Schmieden die glühenden Eisen halten oder das Rad drehen am Blasebalg. Er baute Federwagen mit zwei und vier Rädern, das sind leichte Kutschen.

Zuerst mussten wir ein Haus bauen : Die Brüder waren schon älter und konnten dem Vater helfen, zuerst wurde ein „Rancho“ gebaut. Ein Rancho war wie ein großes offenes Zelt mit Schindeln, nur an der kalten Seite war es geschlossen. Darin lebten wir die erste Zeit. Für das Rancho wurden Bäume gefällt, dann wurde alles von Hand gesägt, d.h. aus den Stämmen wurden die Bretter geschnitten.

Meine Brüder bauten ein Gerüst, auf das wurde der Stamm mit einer Hebelade hochgezogen und gelegt, einer stand oben, der andere unten und so wurde die Säge durch das Holz gezogen, damit es Bretter gab. (Als ich ihr das Bild zeige – es stammt aus dem Kongo, sagt sie:“Ja, genau so war das.“)

img_6146-199x300In Argentinien hatten wir drei Jahre keine Ernte und im 4.Jahr wurde uns alles durch Hagel kaputt gemacht. Wir sind frühmorgens im Dunkeln aufgestanden, die Arbeiten waren verteilt:

(vier Schwestern waren ja schon verheiratet) ich war für die Hühner zuständig, mein jüngerer Bruder für die Schweine. Meine Mutter sorgte für alles, sie nähte auch unsere Kleider. Es war viel, viel Arbeit, bald konnte mein Vater nicht mehr arbeiten, er war zu schwach, er ist immer zu den Büchern gelaufen und hat studiert, er war ja früher schon Helfer für den evangelischen Pfarrer. Ursprünglich war er Schuster, er machte Schlappen, in Argentinien konnteman die nicht tragen, weil der Boden rot und klebrig war. Für sich und die Mutter hat er aber Stiefel gemacht.

Gegessen haben wir viel Maniok und Bergreis, sonntags gab es manchmal eine Gans. Alles haben wir selbst angebaut, auch den Reis, das konnte meine Mutter gut.
Täglich gab es wie überall in Lateinamerika schwarze Bohnen. Zucker war auch von unserem Feld, das Rohr wurde durch eine Presse gedrückt, dann kochte man die Melasse ein, es war heiß, sehr heiß. Dann hatten wir braunen Zucker, Rohrzucker.. Auf dem gerodeten Land bauten wir Tabak und Schwarztee an. Der gepflückte Tee ging an die Fabrik zur Weiterverarbeitung, den Tabak verarbeiteten wir selber. Das machten meine Schwester und ich.Es war eine besondere Tabakpflanze, da wurde der ganze Stock geerntet. Sie hieß Quinduqui, wir schnitten den Stamm auf und hängten ihn über ein Gestell, da wurde er getrocknet. Wir haben ein Feuer gemacht und darüber hing er. Drei Monate hat das gedauert, wir waren immer in dem beißenden Rauch. Alles in allem hat es ein Jahr gedauert, bis wir ihn verkaufen konnten. Im ganzen waren das im Jahr zwei- bis dreitausend Pflanzen, es sind aber viele Pflanzen kaputt gegangen. Wir zwei Mädchen haben diese ungesunde Arbeit gemacht. Nur eine Sache hat der Vater gemacht: Nach jedem Regen musste Gift gespritzt werden.

In Argentinien wollte ich in die Schule, denn ich wollte Krankenschwester werden. Ich war schon zu alt für die Schule und es war auch kein Platz mehr,nur mein Bruder durfte noch gehen, weil er jünger war. „Wenn du einen Namen schreiben kannst, dann reicht das“, meinte mein Vater. Er selber hat mir nichts gelehrt, der hat mich immer zu der Mutter geschickt, aber mit der Bibel habe ich lesen gelernt.

Ich habe viel in einem Kinderbuch gelesen, Geschichten aus Afrika und von einem Mann, der in einem Erdbeben verschüttet worden war. Da kam eine Lea drin vor, so sollte meine Tochter heißen, das wollte mein Mann nicht, jetzt heißt meine Enkelin so.

Später bin ich nach Buenos Aires gegangen zu einer Lehrerin und habe dort gearbeitet. Bei ihr habe ich eine Haushaltslehre gemacht und Spanisch schreiben gelernt. So auch den 37.Psalm:!

„Encomienda al SENOR tu camino, confia en EL que EL actuará“.

Dann hat sie mich zur Prüfung in die Schule mitgenommen, wo ich die Prüfung der 3.Klasse bestanden habe, ein kleiner Junge hat mir dabei geholfen. Mit der Krankenschwester wurde es trotzdem nichts, denn es kam ein Gesetz: Realschul-Ausbildung wurde zur Pflicht für Krankenschwestern, da war wieder alles versaut, da war ich 22 oder 23. Das hat mir sehr weh getan!

Ich bin aber immer in die Kirche gegangen, zuerst zu den Lutheraner, dann Jahre später kam eine Pastorin und hat  Gemeinde gegründet. Mein Bruder und mein Vater haben eine Holzkapelle gebaut. Meine Eltern haben immer gesagt, du darfst sonntags nicht rumstreichen, meine Schwester und ich sind trotzdem mal allein weg gegangen. Wir haben zu Hause weiterhin Deutsch gesprochen, außerhalb von unserer Gemeinschaft sprach man aber Spanisch.

Wenn heute jemand kommt von dort, kann man ihn kaum verstehen.*

Was mir so am Herzen liegt?

Wenn ich so nachsuche, dann denken alle, ich könnte das und das nicht und wollen mir helfen. Ich bin aber gut durchs Leben gekommen. Ich habe mir sehr viel selbst beigebracht. Und jetzt lerne ich noch Mandoline, obwohl ichschon über 80 bin, am Sonntag nach der Kirche treffe ich meinen Lehrer und für den Takt habe ich ein Metronom.

Mein großer Traum war immer, Jerusalem und das Heilige Land zu besuchen. Wir haben vor Jahren, als ich 69 war, eine Fahrt gebucht. Dann hatte ich kurz vor dem Tag einen Unfall mit dem Fahrrad. Ich bin ins Krankenhaus gekommen und nie nach Israel. Jetzt bin ich zu alt, das wird nichts mehr.

Ich muss Schluss machen, ich muss gehen, ich geh jede Woche zum Israel- Gebet unserer Gemeinde. In der Bibel steht: Wer für Israel betet, ist gesegnet

Psalm 122,6

„Betet um Frieden für Jerusalem! Gut gehen soll es allen, die dich lieben.“**

*in Brasilien gibt es Zentren der Nachfahren der deutschen Einwanderer, wo

noch viel Deutsch und der Dialekt Riograndenser Hunsrückisch gesprochen

wird. Die weit im Binnenland lebenden Nachfahren Pommerscher

Einwanderer (Pomerano, Pommeranos) sprechen z.T. immer noch

Pommersches Platt.[(Wikipedia)

 

 


Erika

erika-1In meinem Zimmer habe ich eine kleine Puppe, eine große (sehr große Puppe) und einen kleinen Stoffhund.

All das sind Requisiten für meine Bildergeschichten. Sie kommen vom Flohmarkt und  haben bestimmt auch ihre kleine Geschichte, die sie aber beharrlich verschweigen.

Gestern kam Frau Doktor mich besuchen. Frau Doktor – wie ich sie nenne – ist eine sehr alte Dame, die ich sehr liebe. Trotz ihrer 93 Jahre und trotz ihrer Raucherei ist sie noch eine der körperlich und geistig  regsten. Jede Woche erzählt sie mir aber, dass alles nachlasse: Sie renne nicht mehr so den Berg rauf wie früher, das Rollstuhlschieben mache ihr mehr Mühe und die Zigarette schmecke auch nicht mehr so wie früher. Dazu muss man sagen, sie fährt immer mal wieder oder sogar oft eine Bewohnerin, die weder Angehörige noch Geld hat, im Rollstuhl durch die Gegend, manchmal 3, 4 Kilometer weit.

Frau Doktor ist eigentlich immer in Eile, sie muss ja jeden Tag ihre langen Spaziergänge machen, damit der Kopf frei wird, wie sie sagt.

Heute besuchte sie mich und setzte sich kurz auf’s Sofa Neben ihr saß meine große Puppe. Mitten im Gespräch unterbrach sie mit der Frage: „Darf ich mal die Puppe nehmen?“ Die Puppe saß nun steif und unbeweglich auf ihrem Schoß und streckte die rosa Beine in die Luft. Frau Doktor strich liebevoll über das billige strohblonde Haar, drückte dieses starre Abbild eines Kindes an ihre alte Brust und küsste die kleine Stupsnase. „Meine Puppe hat Erika geheißen“, sagte sie.

Deshalb heißt meine Puppe jetzt und für immer Erika.


Abschied

Nehmen wir Abschied vom Herbst mit einem kleinen Gedicht von Lothar Walsfeld, es stammt wieder aus dem DDR-Kinderbuch „Grün weht der Lärm ins Land“ (es erschien in der Reihe „Die kleinen Trompetenbücher“). Den beiden Jungen wird man in Zukunft öfter hier begegnen.

Das Foto ist von Tanja Maestroguiseppe.

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 ABSCHIED

Mein Mauseltier

mein Luftballon

in diesem Sturm

fliegst du davon

 

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OH WIE SCHÖN ZUM ZWEITEN MAL

Auch diese Bildergeschichten sind schon auf dem inzwischen eingestellten Alzheimer-Blog gestanden. Sie passen nicht so richtig in die Jahreszeit, das liegt daran, dass sie wöchentlich erschienen. Zwei Bildchen waren auch hier schon auf dem Blog. Zum Beispiel wie Hedwig mit ihrem Herrgott schwätzt. Ich denke, das macht nichts. Der Mensch  gescheit oder nicht, fromm oder nicht,  jeder Mensch redet öfter mal im Laufe eines langen Lebens mit Gott.


Herr von Valmont erklärt seiner demenzkranken Großmutter sein iPad

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Frau von Valmont: Oh, wie schön ist Vitala!

Herr von Valmont: (Steigt aus seinem Porsche, macht den Schirm auf und geht schnell die paar Meter zum Café der Sonnenscheinresidenz, er will seine Oma besuchen.) Sie sitzt im Rollstuhl am Tisch.

Herr von Valmont: Hallo Omi, geht’s gut, heut’ ist aber auch so ein schlechtes Wetter, das war ne Fahrt. (Küsschen). Du hast es gut, du musst nicht raus.

Frau von Valmont: Oh, wie schön ist Vitala!

Herr von Valmont Und was machst du so den ganzen Tag? Warten, bis es Abend ist, ha ha, ha? (legt sein ipad auf den Tisch).

Frau von Valmont: (Zeigt auf das ipad). Was ist das? So kohlrabenschwarz? Spieglein, Spieglein …….?

Herr von Valmont: Schau mal Omi, da kann ich dir die Bilder von der ganzen Familie zeigen.

Frau von Valmont: Was!!!! Sind die auch da?

Herr von Valmont: Fräulein! Ein Tässchen Kaffe für Oma und einen Latte für mich……..für Omi koffeinfrei natürlich!

Frau von Valmont: Schön ist die Vitala!

Herr von Valmont: Ja, Omi, wunderschön ist es hier in der Vitala-Residenz. So. Schau mal, Omi, das ist mein ipad. So. Damit kann ich alles, rein alles machen (wischt über das RETINA-DISPLAY) Hier habe ich die Bilder von der letzten Vernissage, hier kommen gleich die Aktienkurse, hier Wikipedia, hier die … Omi, nein, nein, doch nicht so!!!

Frau von Valmont: Eene meene muh, du bist die Kuh und der Ochs dazu.

Herr von Valmont: ….. Nein, doch nicht mit Sahne!

Fräulein! Bringen Sie bitte einen Lappen. Omi, nein!!!!

Frau von Valmont: (spitzt vornehm den Mund) Junger Mann, haben Sie schon Kaffee getrunken? Hübsches Tablett haben Sie da. (Stellt die Kaffeetasse auf das Tablet, das Bild auf dem ipad rutscht zur Seite).

Siri vom ipad: Was kann ich für Sie tun?

Frau von Valmont: Ogottogottogott! Das lebt ja.

Frau von Valmont: Sagen Sie dem jungen Mann da, er soll sich endlich mal benehmen

Herr von Valmont: …..Omi, tut mir furchtbar leid, das geht nun gar nicht, man hat immer Stress mit dir. Da habe ich mir so die Zeit abgerungen.

(Zur Bedienung) Setzen Sie den Kaffee auf die Monatsrechnung von meiner Frau Großmutter.

Nimmt sein iPad, klappt die dunkelgraue Schutzcase aus Polyrethan aus dem XXX-Store zu, geht –  er schließt etwas laut die Tür vom Vitala-Café – steigt in seinen Porsche und fährt weg. Er ist froh, dass er die monatliche Verpflichtung hinter sich gebracht hat.

Frau von Valmont: Oh, wie schön ist Vitala!

MORAL:

Siri versteht, was du sagst. Und weiß, was du meinst,“ sagt der Tablethersteller, was würde er über den Enkel sagen?


WIEDER DAHEIM …….

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Frau D. steht im Gang

Um ihren Hals hängt ein Bändel, an dem Bändel hängt ein Schlüssel.

Aber wo ist die Wohnung dazu? Muss sie jetzt immer bleiben? Wie ist sie denn hierher gekommen, da war kein Aussteigen, keine Passkontrolle, da war sie einfach, aber wo? Und wohin gehört der Schlüssel?

Ist das jetzt ihre neue Heimat, muss sie jetzt da rein gehen, oder gehört der Schlüssel zu ihrer Wohnung in Montreal? Wen kann sie denn fragen, alle werden ungeduldig, vielleicht muss sie aber auch rausgehen, wohnt sie denn jetzt für immer hier……..

Warum sagt ihr das niemand?

Ihr laufen die Tränen über die Wangen

Zwischen Restaurant und Rezeption treffe ich sie, sie fasst mich vorsichtig am Arm: „Darf ich Sie was fragen? Bin ich hier in Deutschland oder in Kanada?“


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