Das Unwort des Tages

EierDas Unwort des Tages

Sonnenscheinresidenz heißt seit neuestem Pflegewohnen, das ist etwas ganz anderes. Vor ein paar Jahren nannte man das noch „Betreutes Wohnen“. Man kann sich denken, was sich da klammheimlich geändert hat.

Frau B. ist noch relativ fit und keineswegs dement, manchmal muss sie aber schnell auf die Toilette, weil der Arzt ihr Wassertabletten verschrieben hat. Sie war im Keller.

Um in ihre Wohnung zu kommen, muss sie den Lift benutzen, und wie so oft kam und kam er nicht. Sie hörte am Eingang kräftige Männerstimmen und Möbelschieben. Sie ging die eine Treppe hoch und sah eine Tür im Lifteingang stehen, zwei hübsche junge Männer kamen mit einer weiteren Schranktür. Frau B. drängelte sich dazwischen, denn der Druck auf die Blase wurde immer größer, und sagte: „Jetzt geht’s aber los!“ Die jungen Männer wollten aber noch ein weiteres Schrankteil holen. „Das können Sie in einem Altersheim doch nicht machen!“ beschwerte sich Frau B. Da schaute der eine der beiden – der sehr hübsche Mann – mit seinen schwarzen Knopfaugen mitleidig auf sie herunter und sagte mit einem tiefen Seufzer: „Oh, Alzi!“

In Erinnerung an die guten alten Zeiten der Emanzipation sagte Frau B. ganz gelassen:

„Junger Mann, ich trete Sie in die Eier.“

Das hätte sie gar nicht gekonnt, zwischen beiden lehnte nämlich die Schranktür.

Es war nicht gut zu erfahren, dass es jetzt neben den Schwulis und den Spastis auch Alzis gibt.


Roswitha und Elisabeth

Diese Doppelgeschichte stand schon einmal im Internet, und zwar auf dem Alzheimerblog, leider wurde dieser Blog der Deutschen Alzheimergesellschaft beendet. Alle Dateien wurden entfernt, hier ist das Internet so vergesslich wie die Menschen, die diese Krankheit haben. Mein Rechner hat die beiden Damen nicht vergessen und ich auch nicht, begegne ich ihnen doch ab und zu. Ich habe die Geschichte neu zusammengestellt und  zwei Bilder von Waltraud Stern dazu ausgesucht.

Tanz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Tanz

Die Variante in Rosa

Da ist sie, Elisabeth, schon länger. Mit starrem Blick läuft sie die Gänge auf und ab und ab und auf oder mal ums Haus bei schönem Wetter. Geht man an ihr vorbei sagt sie immer:“Schönen Tag!“ oder „Alles Gute!“. Dann sitzt sie stundenlang in einem Sessel vor dem Empfangsschalter der Rezeption. Den Kopf auf die Arme gestützt, sinniert sie über den Lauf der Welt, aber wohlerzogen schaut sie hoch, immer wenn jemand vorbeigeht: “Einen schönen Tag auch!“

Von schrecklichen Erlebnissen wird gemunkelt, niemand weiß aber nichts. Manchmal geht es ihr einen Hauch besser, dann kann man sogar ein paar Worte mit ihr reden.

Und nun die andere: Sie ist noch nicht lange hier, sie wirkt kokett. Hatte wohl irgend etwas mit Mode zu tun. Mit hoch erhobenem Kopf huscht sie durch die Gänge, immer in Bewegung und immer auf dem Weg zu einer wichtigen Verabredung, die sie gerade neu erfunden, weil sie die alte vergessen hat.

Sie heißt Roswitha.

Elisabeth und Roswitha haben sich gefunden. Sind jetzt Freundinnen. Aus der tagelangen Einsamkeit sind beide nun herausgetreten in die stundenlange Zweisamkeit:

Sie sitzen vergnügt auf dem Sofa im Aufenthaltsraum und gackern und lachen und freuen sich des Lebens.

Roswitha hat die jahrelange Isolation von Elisabeth aufgebrochen, sie hat einen Einlass in deren Welt gefunden und wie verliebt schauen sie sich an und schaffen sich eine neue nach dem Motto:

Wenn dir diese Welt nicht gefällt, dann schaff dir eine neue.

und hier der dunkle, blaue Schluss…..

frauinblau

 

Vorbei geht Frau S., schiebt den Rollator vor dem dicken Bauch, Schritt für Schritt arbeitet sie sich voran, kneift die Lippen zusammen, schaut auf die beiden alten Mädchen und presst zwischen den Zähnen hervor: „Und lesbisch sind sie auch!!“
Ihre ordentlich gefügte Welt hat einen tiefen Riss bekommen, weil Sodom und Gomorrha auch im Altersheim Einzug genommen hat.


Frau in Blau


Frühsommer

Sommerspuren 120x120
Lothar Walsdorf:
Das Geschenk
  Du hast mir Sonnen gebracht
und drei rote Königinnen
zum Strauß gebunden
mit Schleiergras
und mit
Ringelrosen vermischt…
 und nun habe ich einen schönen Garten
in der Vase von dir

Das Gedicht von Lothar Walsdorf passt gut zum meteorologischen Sommeranfang am 1.Juni, dazu ausgesucht habe ich ein neues Bild von

http://www.waltraud-stern.de

Sommerspuren


Die Ankunft

FluchtAuf der Flucht ist Frau Bürgen schon wieder. Der Sohn hatte sie in der Sonnenschein Residenz abgestellt. Drei fröhliche Männer reichten die Möbel durchs Fenster, denn ihre kleine Wohnung war im Erdgeschoss: Eine Einzimmerwohnung für knapp 1000€ (all inclusive). Viel zu viel Möbel für die 35 m2 . Zum Bett führte ein schmaler Gang, alles war voll mit Sessel, Couchtisch, Blumentöpfen und einigen Umzugskartons dazwischen, die sie nun auspacken sollte.

Das konnte sie aber nicht, es ging einfach nicht. Einige Tage konnte sie die Kleider nicht wechseln, sie trug ja noch die Trauerkleider nach altem Brauch. Ihr Mann war erst vor sechs Monaten gestorben. Mit ihrem Rollator drehte sie die Runden zwischen Zimmer, Speisesaal, Schwesternzimmer, Aufenthaltsraum, dann wieder Zimmer, das falsche, sie landete im Garten, sie wanderte zurück, das Zimmer verschwand so langsam im Fluchtwinkel der Erinnerung. Warten auf den nächsten Transport, der Zug kam und kam nicht. Der Sohn war plötzlich Ankunft

verschwunden, alle waren sie verschwunden, weg, sie war vom Treck zurückgeblieben zwischen Café und Rezeption, ihr wurde schwindlig, dunkel im Kopf: „Schwester, holen Sie einen Arzt, ich muss ins Krankenhaus!“

Oh, mein schönes Siebenbürgen, warum musst ich dich verlassen.

Siebenbürgen, Land des Segens

Land der Fülle und der Kraft,

mit dem Gürtel der Karpaten

um das grüne Kleid der Saaten

Land voll Gold und Rebensaft.

 

Beide Bilder sind aus dem Internet, Haus der Geschichte, Bonn


Die Friseuse

Man sagt, Frau X. sei völlig dement. Sie wurde getestet, sie wurde behandelt, sie wurde schließlich auf die dementen Abteilung der Sonnenschein Anlage – Betreutes Wohnen für Senioren – gebracht.

Frau X. sollte es gut haben, man kümmerte sich um sie, eine aprobierte und examinierte Alltagsbetreuerin nahm sie mit zu den Veranstaltungen der Seniorenanlage: es gab für alle etwas: Wortspiele für die Schnelldenker, Sitztanz für die Gehbehinderten, Singen für die Musikalischen und Essen für die Hungrigen.

Haar 2

Gehbehindert war Frau X. nicht, im Gegenteil, sie ging strahlend und freundlich lächelnd überall hin, allein oder in Begleitung, wobei die langen einsamen Spaziergänge, an die sie sich noch dumpf erinnerte, ihr sehr schwer gemacht wurden. Manchmal ärgerte sie das, aber meistens fand sie ganz schnell wieder ihr Gleichgewicht, wenn sie irgend etwas Schönes in die Hände bekam. Frau X. liebte alles Schöne, vor allem die Schönheit der Frauen, denn damit hat sie sich ein Leben lang beschäftigt: Sie war Friseurmeisterin und Kosmetikerin und in ihren besten Zeiten war sie die Chefin von drei Friseursalons im Landkreis.

Die Pflegerin Swetlana brachte Frau X. in die Sitztanz-Gruppe. Alles war schön vorbereitet, denn es ging ja nicht nur um die Bewegung, sondern auch um das Gefühl und den Geist:

Fürs Gefühl stand in der Mitte des Kreises eine Plastikblume, je nach Jahreszeit ausgewählt, für den Geist gab’s einen Sinnspruch oder ein Gedicht, auch je nach Jahreszeit ausgewählt (dank Internet, mit einem Mausklick gefunden) und für’s Gehör die CD, für den Körper die Bewegung. Dafür hatte die Dame vom Sozialdienst bunte Perlontücher schon auf die Stühle gelegt, die sollten nun zum Mexikanischen Walzer geschwungen werden.

Frau X. strahlte und band sich das mauve-farbene Tuch um den Hals. Freundlich und hübsch geschmückt schaute sie dem Rauf und Runter der bunten Tücher zu, die von den anderen alten Damen geschwenkt wurden. Gelassen, ruhig lächelte sie in die Runde, sie hatte in ihrem langen Arbeitsleben schon viel Unverständliches gesehen und gelernt zu allem zu lächeln. Doch  nach fünf Minuten packte sie der Wandertrieb, sie musste ganz einfach gehen. Die Dame Alltagsbegleiterin war mit Zählen (dreimal rechts und dreimal links) beschäftigt, an der Tür gab es keinen Zahlencode und so konnte sie ganz schnell entschwinden. Zielsicher ging sie durch die langen Gänge im Untergeschoss des Gebäudekomplex’ von Sonnenschein-Stadt. In diese Richtung war sie noch nie gegangen und trotzdem fand sie ihren Zielort, den kleinen Friseurladen, die Filiale ihres ehemaligen Konkurrenten Herrn Friseurmeister Y. aus der kleinen Kreisstadt, in der sie ihr ganzes Leben verbracht hatte. Sie kam an der Tür vom Friseur an, betrat unaufgefordert den Raum,  setzte sich in die Ecke und beobachtete Frau Hilde, wie sie die Lockenwickel für eine Dauerwelle eindrehte. Glücksgefühl drang ihr ins Herz, hier kannte sie sich aus, hier wollte sie bleiben. Da ist sie nun stundenlang, grüßt freundlich in die Runde, reicht eine Zeitschrift, glücklich setzt sie sich in die Reihe der Wartenden. Manchmal steht sie auf, nimmt den Besen und kehrt die abgeschnittenen Haare in die Ecke, sie macht das so, wie sie es jahrelang gemacht hat: zuerst als Lehrling, später als Chefin, jetzt ist sie wieder unten angekommen, der Kreis hat sich geschlossen.

Sie ist damit zufrieden.

 


Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha


Quijote 4
Gestern vor 400 Jahren verstarb Cervantes, der Verfasser des Don Quijote. Im Jahr 1621 ist „Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha“ auf Deutsch erschienen.  Man sagt, es ist der berühmteste Roman der Welt, Vater aller Romanformen. Der Quijote vereinigt in sich, die verschiedenartigsten Textsorten, er ist ironisch, lustig, ernst und philosophisch wie sein Protagonist. Sein Verfasser, Miguel de Cervantes, schrieb gegen die Zensur an, das müssen so manche Schriftsteller heute noch, das ist ein Grund dafür, dass der Roman heute noch so modern ist. Einige Kapitel erscheinen als Kinderbücher, die letzten Kapitel sind philosophisch. Ich lese ab und zu ein paar Abschnitte. Mein Buch sieht so aus, wie Don Quijote oft nach seinen Abenteuer aussah: Zerschlagen und zerrupft, verletzt und gedemütigt, aber er gibt nicht auf, mein Quijote ist auch noch da, auch er hat eine weite Reise hinter sich.:

Es könnte heute vor 20 Jahren gewesen sein, dass ich diesen Roman im kommunistischen Havanna gekauft habe, und zwar für 30 Pesos Cubanos in einer Hinterhofbuchhandlung, die so illegal war wie fast alles in den 90er Jahren. Das Buch Offiziell gab es dieses Buch nicht mehr, mangels Papier waren  fast alle Veröffentlichungen eingestellt worden. Bücherverbrennungen gab es keine, so wie sie der Pfarrer und der Hausverwalter mit Quijotes Bibliothek veranstalten. Für ein Verschwinden der Bücher sorgte die Mangelwirtschaft und die Blockade der Amerikaner. Die Menschen, die Bücher liebten, gab es, sie kümmerten sich um Restbestände, sie trieben einen verbotenen Handel, es wurden sogar Manuskripte abgetippt.  Der Kommunismus hatte auch  viele öffentliche Bibliotheken eingerichtet, ich glaube sogar in jedem Stadtviertel.

Viele Menschen haben auch Sehnsucht nach einem eigenen Buch, dafür gab es den Schwarzhandel. Warum nicht? Es gab doch für alles einen Schwarzmarkt: für Zigarren  und Schinken, für Brötchen und Joghurt, „alles“ war es nicht, aber vieles. Der Don Quijote kostete trotz seines desolaten Zustandes  22 – 25 % eines durchschnittlichen Monatsgehalts. Das war ein stattlicher Preis für Käufer und Verkäufer.

Es war eine verrückte Welt ………  Nicht weniger verrückt als die Welt, die Cervantes angetroffen hat.

Meine Ausgabe

Quijote 3

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das ist die neue Übersetzung von Susanne Lange, die Sprache soll so modern sein wie der Inhalt, sie wird von allen Kritikern empfohlen…

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Hedwig die Erste kommt nochmal

Die Deutsche Alzheimergesellschaft hatte neben ihrem offiziellen Internetauftritt noch einen Blog, auf dem Menschen ihre persönlichen Erfahrungen mit dieser Krankheit austauschen konnten. Im Oktober 2015 konnte man lesen: „Der Alzheimer BLOG war seit seinem Start am Welt-Alzheimertag 2008 eine Plattform für Betroffene, Angehörige und Profis, die hier ihre Erfahrungen mitteilen und sich austauschen konnten.“ Zwei Jahre lang habe ich Bildergeschichten und Anekdoten für diesen Blog geschrieben. Jetzt kommt die Bildergeschichte hier noch einmal.

Ich hatte vor über 20 Jahren die ersten Erfahrungen mit dementen Angehörigen. Damals hat man noch vertuscht und so getan, als ob das alles gar nichts wäre. Durch das Coming-Out von einigen bekannten Persönlichkeiten ist  Demenz in die Öffentlichkeit gerückt.

Da habe ich in kleinen Anekdoten von den Begegnungen mit dementen Menschen hier im Haus erzählt und – das war mir besonders wichtig – das eigene Erleben von Demenz in der Familie in lustige Bildergeschichten umgesetzt.

Wenn man über diese Erlebnisse spricht, kann man den Schmerz und die Verstörung besser verarbeiten, die man bei der Begegnung mit seinen dementen Angehörigen empfindet. Der Erwachsene fragt sich, was aus der verehrten Mutter geworden ist. Die Tochter findet ihren Vater nicht mehr in dem alten Menschen, der vor ihr sitzt und vor sich hin brabbelt. Der Sohn erkennt sein langjähriges Vorbild nicht mehr, sein Vater ist wie ein fremder Mensch. Dazu kommt noch, dass die Demenz einen Angstschatten vorauswirft, wir alle haben Angst, selbst dement zu werden. Bei jedem kleinen Vergessen schießt der Gedanke „jetzt ist es soweit!“ durch den Kopf.

Die kleinen Bildergeschichten sollen das an sich unlösbare Problem auf einer ganz anderen Ebene, nämlich der emotionalen, lösen.

 


Das Perlhuhn

Ich wollte zum Frühlingsanfang ein kleines Gedicht, etwas ganz besonderes, keine lauen Lüfte und keine blauen Bänder…..

Da bin ich auf dieses Gedicht von Christian Morgenstern gestoßen – es ist von 1929 –

 

Das PerlhuhnIMG_2850

Das Perlhuhn zählt: eins, zwei, drei, vier…

Was zählt es wohl, das gute Tier,

dort unter den dunklen Erlen?

 

Es zählt, von Wissensdrang gejückt,

(die es sowohl wie uns entzückt):

die Anzahl seiner Perlen.


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