Dear Martin Luther!

hoch verehrter Reformator, du genialer Wortschöpfer und Sätzebildner. Wir wissen, du hast einmal dein Tintenfass nach dem Teufel geworfen. Könntest du bitte wiederkommen? Könntest du meinen Computer an die Zimmerwand schmeißen?  Ich habe auch eine Mordswut , ich bin aber  alt und schwach. Bei mir in der Ecke haust auch ein Teufel, der Englisch-Beelzebub. Der muss weg! Er schwätzt mir die Ohren voll und das Hirn weg. Hoch verehrter Martin Luther, du hast vor langer Zeit gesagt:

 

 

„Man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt fragen und denselbigen aufs Maul sehen, wie sie reden und danach dolmetschen, so verstehen sie es dann und merken, dass man Deutsch mit ihnen redet.“*

 

Daran hält sich niemand mehr!

Schaut man uns Alten aufs Maul?  Nein, uns guckt man nicht auf den Mund, uns nicht und dem gemeinen Mann nicht. Auch nicht dem Kind. Alle schauen nur
nach Amerika……Wir schreien in großer Not, weil wir nichts mehr verstehen.


In der Schule hat man uns mit Englisc traktiert, doch wir haben forgot it.  Yes Gott help us. We have nur Rechnen gelernt. Jetzt werden wir Tag für Tag mit neuen englischen Wörtern beworfen, which were often no always  englisch. Es schlägt über unserem Kopf zusammen, me turns up the head.. Der alte Katholik hatte, als du unter uns warst,  klare Regeln und many icons an den Wänden der Kirchen. Mir erklärt kein Comic, wie ich in Himmel komme. Must I go over the higher grownd oder längt a event in the church?

Lieber Brother Martin, do you hear me? Gestern verirrte ich mich in the holy katholick chörch, auch da was a song in englisch, a holy song: „I viel so homelig.“

I am lost in the Speak-Trash and I am looking for the castle und kann’s nicht finden.

I am a old, fromm wife and need your help.

Please come back, only for one day to schmeißen some computers at the wall….

Jag den Teufel off, that all is like vorher.

Ich danke dem werten Bruder Martin von ganzem Herzen, IM VORRAUS

THANK YOU VERY MUCH

 

 

 

 

 

*dem Volk aufs Maul schauen (beobachten, wie sich die einfachen Leute ausdrücken und von ihnen lernen; nach M. Luthers [1483–1546] »Sendbrief vom Dolmetschen

Am 21.Februar ist der Tag der Muttersprache

Die Bilder sind in St.Peter Blansingen aufgenommen


Derrick

Mein Computer hat noch die Bilder und die Daten, mein Computer ist besser als mein Gedächtnis. Aufgenommen habe ich das Bild am 11.Dezember 2004, als ich ein kleines Theaterprojekt in einer großen Flüchtlingsunterkunft fotografisch begleitete. Im Zusammenspiel mit deutschen Jugendlichen entstand ein Stück über die verschiedenen Lebenswirklichkeiten.

Die Deutschen kamen aus verschiedenen Schulen, die jungen Afrikaner aus verschiedenen Ländern. Alle waren – wie man damals offiziell sagte – UMF’s. Das sind unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, d.h. Kinder oder Jugendliche, die ohne Eltern hier in Deutschland ankamen. Niemand wusste, ob ihre Angaben stimmten oder nicht, aber das zu klären war auch nicht unsere Aufgabe. Wir waren Laien im Ausländerrecht, Laien im Umgang mit traumatisierten Persönlichkeiten, aber voll guter Zuversicht und gläubigem Unverständnis.

Die jungen Männer kamen zu den Treffen, sie entflohen ihren schrecklichen Unterkünften, wo sie in winzigen Zellen in dem ehemaligen Kasernengelände schon eine relativ lange Zeit eingesperrt waren. Alle wünschten sich eine deutsche Freundin, sie hofften mit einer Heirat eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen.

Da war Charles aus Nigeria, ein ruhiger junger Mann, der sehr gut zeichnen konnte. Es gab einen John aus Ghana, der uns immer anbettelte, er wollte sich ein Bier kaufen. Anthony strahlte immer, er lachte die Schwierigkeiten weg. Und Derrick, ja Derrick. Ein sanfter junger Mann, der sich oft am Bahnhof herumtrieb. Er rührte mich besonders. Seine Mutter hatte ihn wohl nach dem Oberspießer Derrick, dem bekanntesten deutschen Kriminalkommissar der 70er Jahre,  benannt. Diese Serie wurde auch nach Afrika exportiert. Ich kann es selbst bezeugen, denn ich habe sie gesehen im Norden Malis, in einer Hütte. Ein geschäftstüchtiger Mann hatte einen Videorekorder aufgebaut, da lief auf Französisch eine Folge „Derrick“, das ganze Equipement war an eine Autobatterie angeschlossen. Davor stand eine wackelige Holzbank, ein Plastikstuhl und ein traditioneller Holzhocker, zehn Plätze, drei Zuschauer. Der Eintritt war für uns billig, für die Dorfbewohner war er sehr teuer: ein Tagesverdienst. Der Film zeigte das traumhafte Leben in der reichen Welt, deshalb  hatte das arme Muttchen ihrem kleinen Jungen im Krieg den Namen Derrick gegeben in der Hoffnung, damit das luxuriöse Leben einzufangen.

Nun saß Derrick in der Turnhalle und sollte Theater spielen. Er hockte auf dem Fensterbrett, schaute depressiv auf die Djembé, eine echte afrikanische Trommel, die ein Mitarbeiter als Souvenir aus dem Senegal mitgebracht hatte. Man hatte sie ihm in die Hand gedrückt, obwohl er gar nicht trommeln konnte, wahrscheinlich hatte er ganz andere Gerätschaften in der Hand gehabt. Er rührte auf dem Fell und wiederholte einen merkwürdigen Singsang ganz leise, dabei wischte er sich die tränenlosen Augen: “Immer weinen, immer weinen!“

Nach und nach verschwanden sie alle, sie wurden verlegt, man hörte etwas, eine Vermutung oder ein Gerücht. Die Unterkunft wurde irgendwann aufgelöst, alles fing wieder von vorn an.

Ich weiß nicht, was aus Derrick geworden ist.

Zum 12.Februar: https://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Tag_gegen_den_Einsatz_von_Kindersoldaten


Hedwig ist im Altersheim

Diese Bildergeschichten waren im Frühjahr 2015 auch auf dem Alzheimerblog, der erste war der Valentinstag und der letzte Thementag ist der Muttertag


Licht und Schatten

Frau O – eine immer elegante Dame – sitzt unten in der Rezeption. Sie wartet auf  die Öffnung des Speisesaals. An diesem Tag ist sie besonders elegant: gut frisiert, schön lackierte Fingernägel und auf den Lippen das zarte passende Rot-

Als ihr ein Kompliment gemacht wird, sagt sie:

Heute morgen habe ich mich so liederlich und dummelig gefühlt. Ich wusste gar nicht, ob ich überhaupt aufstehen will. Da habe ich mir gesagt, entweder bleibste liegen oder ziehst was besonders Schönes an.

Das hat sie dann auch gemacht als Vorbild für alle, die sich durch die Tage kämpfen müssen.

Danke, Frau O.

 


Willst du mit mir gehn?


Es gibt eine alte spanische Romanze, die mir lange Zeit nicht aus dem Kopf gehen wollte. In wunderschöner anschaulicher Sprache wird von einem edlen Herren erzählt, dessen Name mir einfach nicht mehr einfallen wollte. Die Moral von der Geschichte ging mir nicht aus dem Kopf, sie hatte sich dort festgekrallt und machte sich bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten bemerkbar. Sie ist schlicht und einfältig, meint man, beim ersten Lesen. Schillernd, tiefgründig, vielfältig wird sie beim weiteren Lesen. Deshalb ist diese Romanze so bekannt. Ich wollte nochmal das Original lesen und suchte im Internet. Immer wieder und unter verschiedenen Stichwörtern: „War es Don Ronaldo oder Don Hernando, war es Don Ricardo oder Don Rudolfo. Für den Namen war in meinem Hühnerköpfchen kein Platz mehr, zurückgeblieben war nur das Gerüst der Erzählung und die Wirkung der Moral:

Der edle Herr  zieht morgens früh los, er hat seinen Falken auf der Hand. Er reitet zum Meer und schaut auf den Hafen, da sieht er, wie die Seeleute ein Schiff auftakeln, also fertig machen für die große, ungewisse Fahrt. Der Seemann singt ein zauberhaftes Lied, das wundersamen Frieden dem Schiff und dem Meer schenkt. Die Vögel setzen sich bezaubert auf den Querbalken, die Fische kommen an die Wasseroberfläche…..

Nun bittet Don Alfonso den Schiffer, ihn das Lied zu lehren. Der antwortet:

Mein Lied kannst du nur lernen, wenn du mit mir auf Fahrt gehst…..

Ich wollte den Text noch einmal genau nachschauen, suchte also im Internet, suchte und suchte. Ich fand ihn nicht. Ich war wohl noch nicht bereit mitzugehen….. Schnelle Info, so wie unsere Zeit uns vorspiegelt, das Wissen bekommen wir nur, wenn wir bereit sind mitzugehen. In diesem Fall war es das Alte, Bewährte.

Und so war es, ein Griff in den Bücherschrank erwies sich als erfolgreich,

Da stand sie:

„Romance del Conde Arnaldo“ auf Spanisch in drei Fassungen wissenschaftlich interpretiert von einem Herrn Christoph Rodiek und vor langer Zeit schon übersetzt von Emanuel Geibel,

 

Wer doch auch solch Abenteuer

Einst erführ’ am Meeresstrand,

Wie’s erfuhr der Graf Arnaldos

An dem Morgen Sankt Johanns!

Auf die Jagd war er gezogen

Mit dem Falken in der Hand,

Sah er da ein ‚Schifflein fahren,

das sich wandte zum Gestad;

Fein von Seiden hatt’ es Segel,

Tau und Seil’ aus Zindel* klar,

und der Schiffer, der es lenkte,

sang so lieblichen Gesang,

Daß das Meer bezaubert ruhte,

Und der Wind versank in Schlaf,

Dass die Fischlein tief vom Grunde

Aufwärts stiegen wundersam,

Und die Vögel aus den Lüften

Niederschwebten auf den Mast.

Da begann der Graf Arnaldos,

Wohl vernehmet, was er sprach:

„Bitt’ um Gott dich, edler Schiffer,

Lehr mich singen den Gesang.“
Doch der Schiffer gab zur Antwort,

Gab zur Antwort unverzagt:

„Niemand darf mein Lied dich lehren,

Als wer mit mir stößt vom Strand.“

Emanuel Geibel 1883

 


Mario Sóares

1974 waren wir im Sommer in Portugal, wir sind durch das ganze Land gefahren. In Lissabon standen die jungen Soldaten in Gruppen vor den Kasernen, die Gewehre an die Wand gelehnt. Brüderlichkeit und Gleichheit waren die Parolen und die Hoffnungen. Man könnte eine Geschichte in Liedern schreiben, der Wind kommt und geht…..Heute ist dieser große Mann gestorben, dessen Namen mit dem Ende der Diktatur in Portugal verbunden ist.

 



Sieh ihn dir an …

Tod 1 Vaters Tod

Mein Vater, Gustav F., starb zu Hause. Er war verhungert. Er wollte nicht mehr essen und deshalb war er gestorben. Vielleicht konnte er auch nicht mehr essen. Der Hausarzt war gnädig: Jetzt lasset mer die Herztabletten weg.“ Das war eine Anordnung. Die Krankenschwester, die jeden Tag kam, war voller Mitleid: „Jetzt den mer den Kadeder nemme wechsle.“ Das war eine Feststellung. Meine Schwester sagt: „Vater, jetzt ess doch noch was.“Meine Mutter kam mit der Schnabeltasse und tröpfelte die Astronautennahrung in den Mund. Vater schaute verzweifelt und kniff die Lippen zusammen. Ich sagt: „Oh, bitte, bitte, nur ein Schlückchen.“ Der Mund blieb ein Strich. Das ging vier Tage, dann war er tot. Morgens gestorben, wie ein Mensch das so macht, in der Stunde zwischen Nacht und Tag hatte sich die Seele davon gestohlen. Zurück blieb ein Skelett.

Da lag er nun aufgebahrt im Schlafzimmer der Eltern, auf seiner Seite und wartete, dass man ihn holte zu seiner letzten Feier. Die Leiche ist geduldig. Im Wohnzimmer saß die Familie um den Tisch und betrachtete mit der Bestatterin Kataloge und Angebote, das Preis-Leistungsverhältnis taxierend, abwägend, was zu verantworten war gegenüber den Erben und zu beachten gegenüber dem Dahingeschiedenen.

Meine Mutter verlor an diesem Tag den Bezug zur Wirklichkeit. Wir hatten vor lauter Eichensarg und Leichenhemd das Läuten nicht gehört, meine Mutter schon, denn ihr Gustav war ja nicht gestorben, er lag in tiefem Schlaf wie verzaubert auf dem Bett. Er war ja nicht verschwunden, da war er noch in einem Zauberschlaf auf seiner Seite des Himmelbettes. Sie ging also raus und öffnete einem Mann die Tür, bat ihn herein, führte ihn ins Schlafzimmer und deutete auf die Leiche: „Jetzt gucket Se sich da mal ah, was passiert isch…..“

Es war der vor fast 14 Tagen bestellte Handwerker, der endlich die Waschmaschine reparieren sollte. Auch er war machtlos.


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